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Gesund, aber gefährlich

Um in Corona-Zeiten nicht böse angeschaut zu werden, wird Husten derzeit oft unterdrückt. Ist das ungesund? Der Pneumologie-Primar Paolo Pretto im Interview.

Tageszeitung: Herr Pretto, Wieso husten wir?

Paolo Pretto: Das Husten ist ein unspezifisches Symptom, also ein Symptom, das unter vielen verschiedenen Umständen auftreten kann. Es dient als Schutzmechanismus unserer Lunge: Mit einem Huster entfernt die Lunge verschiedenste Fremdkörper oder Schleim aus den Atemwegen. Wir husten alles aus, egal ob Staub oder ein verschlucktes Stück Apfel. Die Lunge führt, praktisch ausgedrückt, eine Selbstreinigung durch.

Wie funktioniert das Husten?

Die Stimmritze – der Spalt zwischen den Stimmlippen, welche uns das sprechen ermöglichen – schließt sich und verhindert somit das Ausatmen. So baut sich in der Lunge ein Überdruck auf. Schließlich öffnen sich die Stimmlippen und die Luft schießt mit einer Geschwindigkeit von etwa 100 Stundenkilometer aus dem Mund hervor. Durch die Kraft dieses plötzlichen Druckabbaus werden Fremdkörper und Schleim – gefüllt mit eventuellen Krankheitserregern – mitgerissen.

Kann man einen Huster zurückhalten?
Husten kann man nur unterdrücken, wenn es ein willkürlicher Huster ist: Wenn ich huste, um meine Atemwege von Schleim zu befreien, kann man dies unterdrücken. Ein unwillkürlicher Huster hingegen ist ein Reflex auf eine unmittelbare Gefahr für die Lunge, er tritt plötzlich auf und ist somit nicht einhaltbar.

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr durch einen Huster?

Durch den hohen Druck und die hohe Geschwindigkeit eines Husters werden Tröpfchen in einem großen Winkel weit hinaus geschleudert. Wenn die hustende Person mit einer über Luft übertragbare Krankheit wie dem Coronavirus, Tuberkulose oder anderen Krankheiten infiziert ist, können dessen Tröpfchen Krankheiten übertragen. Husten und Niesen sind insofern gefährliche Überträger, als sie kontaktlos funktionieren. Hier schützt die getragene Maske Mitmenschen, da eine chirurgische Maske eine Menge dieser Tröpfchen abfängt.

Ist es ungesund, Huster zurückzuhalten?

Da wir sowieso nur willkürliche Huster einhalten können, gibt es medizinisch gesehen keine größere Problematik bei dem Versuch, den Hustreiz zu unterdrücken. Wenn die Lunge wirklich etwas ausstoßen will, dann können wir uns nicht dagegen wehren. Wieder zum vorherigen Beispiel: Der Körper lässt nicht zu, dass man, wenn man sich verschluckt hat, das Husten zurückhält, da es zu gefährlich wäre. Man kann Husten also nur zurückhalten, solange es nicht unmittelbar gefährlich ist.

Ist Husten ein eindeutiges Symptom für Covid-19?

Das Virus bringt an sich keinen Hustreiz mit sich. Menschen mit Vorerkrankung oder einem schwachen Immunsystem sind aber gefährdet, da die Lunge von sich aus bereits gereizt ist. Unter diesen Umständen kann Covid-19 einen trockenen Husten fördern. Man muss hier den Unterschied zwischen einer Infektion und einer Erkrankung kennen. Ein mit dem Virus Infizierter muss nicht an Covid-19 erkranken, das erkennt man auch an den symptomlosen Patienten, die das Virus – ohne husten oder dergleichen zu müssen – umhertragen.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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