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„Keine Infektionstreiber“

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Kinder galten von Anfang an als regelrechte Virenschleudern. Doch der Kinderarzt und Infektiologe Volker Strenger sagt: „Kinder sind nicht die maßgeblichen Verbreiter des Virus.“

Tageszeitung: Herr Dr. Strenger, immer mehr Studien kommen mittlerweile zum Schluss, dass Kinder doch keine „Superverteiler“ sind, wie anfangs immer gedacht und behauptet wurde. Sind also Kinder doch keine besonderen Treiber einer Corona-Infektion?

Volker Strenger (Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz): Am Anfang hat man das aus zweierlei Gründen gedacht: Erstens weil man das von anderen respiratorischen Erkrankungen kennt, vor allem von der echten Grippe, der Influenza. Denn hier hat sich eindeutig gezeigt, dass Kinder sich in der Saison relativ früh anstecken, das Virus mit nach Hause bringen und die Eltern und Großeltern anstecken. Das Coronavirus kann aber keineswegs mit der Influenza verglichen werden. Es gibt aber manche, die das unwissenderweise immer noch tun. Zweitens hat man von Anfang an gewusst, dass Kinder meist nicht sehr krank werden, und deswegen hat man gedacht, dass sie sehr oft unerkannt infiziert herumlaufen und andere anstecken. Aber auch das wurde nie untersucht und bewiesen. Es wurde also fälschlicherweise geglaubt, dass Kinder eine große Rolle bei der Verbreitung von Covid-19 spielen.

Das heißt also, Kinder sind gar keine Corona-Virenschleudern…

Ja, sicher nicht mehr als Erwachsene. Studien deuten mittlerweile eindeutig darauf hin, dass Kinder nicht nur häufig keine oder geringe Symptome zeigen, sondern sich auch seltener mit dem Coronavirus anstecken als Erwachsene. Da gibt es zum Beispiel eine Dunkelziffer-Studie aus Island, wo über 13.000 Probanden getestet wurden, darunter auch Kinder. Und diese kam zum Ergebnis, dass Kinder seltener unerkannt infiziert sind als Erwachsene. Kein einziges Kind unter 10 Jahren war asymptomatisch erkrankt und nur 0,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 20. Während die Erwachsenen in manchen Altersgruppen bis zu 1,5 Prozent positiv waren. Außerdem zeigen Studien aus China, dass in Haushalten mit Corona-positiven Menschen sich 20 Prozent der Erwachsenen, aber nur vier Prozent der Kinder angesteckt haben. Das heißt, sie stecken sich, selbst wenn in einem Haushalt bereits jemand infiziert ist, seltener mit dem Virus an. Kinder sind also bei Corona – anders als bei anderen Infektionskrankheiten – keine besonderen Infektionstreiber. Das haben mittlerweile mehrere Studien gezeigt. Sie sind wohl auch nicht diese sogenannten „Superspreader“. Bis jetzt gibt es keinen einzigen Bericht von einem „Superspreader“-Ereignis, wo ein Kind eine Rolle gespielt hat. Es waren bislang immer nur die Erwachsenen.

Zusammengefasst kann also gesagt werden: Kinder infizieren sich nicht nur seltener mit dem Virus, sie spielen auch bei der Verbreitung keine größere Rolle…

Ja, laut derzeitigen Daten kann man das so sagen. Sie spielen als Überträger eine eher untergeordnete Rolle. Die Gefahr der Verbreitung des Virus durch Kinder ist gering. Und auch Schulen sind keine Infektionstreiber. Dazu gibt es auch eine Studie aus Australien, die gezeigt hat, dass es in Schulen mit infizierten Schülern extrem selten zu weiteren Ansteckungen gekommen ist. Sie haben dabei eine Untersuchung an 15 Schulen durchgeführt. Ausgangspunkt waren neun Schüler und neun Lehrer, die zwischen 5. März und 3. April als Infizierte bestätigt wurden. Sie hatten engeren Kontakt mit über 800 anderen Menschen in ihren Schulen. Trotz dieser Kontakte bekamen nur zwei weitere Schüler das Virus. Und was noch hinzukommt: Eine Corona-Infektion verläuft bei Kindern in der Regel eher mild.

Kinder sind also auch weniger gefährdet…

Ja, sie erkranken weniger häufig und meist weniger schwer am Coronavirus. Das heißt aber nicht, dass Kinder gar nicht schwer an Corona erkranken können. Es ist einfach nur viel seltener.

Und welche Gefahr besteht für Kleinkinder?

Bei den Säuglingen unter einem Jahr weiß man, dass sie häufiger stationär aufgenommen werden. Das liegt aber wohl auch daran, dass man bei einem Säugling eher vorsichtiger ist als bei einem 12-Jährigen. Nur weil ein Baby aufgenommen wurde, bedeutet das nicht unbedingt, dass es schwerer erkrankt ist. Die wenigen Studien, die es gibt, weisen darauf hin, dass Babys auch oft nur leicht erkranken. Abgesehen von Säuglingen, kann man auch sagen, dass die Gefahr, schwer an Corona zu erkranken, mit dem Alter zunimmt. Das heißt, nicht nur Kinder und Jugendliche zeigen häufig milde Verläufe, sondern auch junge Erwachsene. Da gibt es keinen eindeutigen Schwellenwert, ab welchem Alter man schwerer erkrankt. Klar ist, dass bei älteren Personen – ab 60, 70 oder gar 80 Jahren – das Risiko eines schweren Verlaufes stark ansteigt.

Und wie kann man sich das erklären? Warum sind Kinder weniger anfällig für Corona?

Dafür gibt es ein paar Theorien. Eine Theorie ist etwa, dass bei Kindern der Rezeptor, an den das Virus an den Zellen andockt und eindringt, weniger häufig vorkommen könnte als bei Erwachsenen. Das heißt, die Viren könnten dadurch weniger in die Zellen eindringen und das Kind infizieren. Dieser Rezeptor heißt ACE2. Es gibt aber widersprüchliche Daten, ob Kinder wirklich weniger ACE2 bilden. Eine andere Theorie ist, dass Kinder, aufgrund der zahlreichen Impfungen, die sie kriegen, ein besseres Immunsystem hätten. Außerdem geht man davon aus, dass Kinder mehr Erfahrung mit anderen Coronaviren haben, weil sie schon öfters mit ihnen in Kontakt gekommen sind. Es gibt ja nicht nur SARS-Cov-2, sondern auch vier Coronaviren, die nur banale Infektionen verursachen. Deshalb meinen manche, dass sie dann weniger anfällig für dieses neue Virus sein könnten. Gegen all diese Theorien gibt es aber auch Gegenargumente. Klar ist, dass das Immunsystem von Kindern – im Gegensatz zu den Erwachsenen – eher gewohnt ist, mit neuen Erregern umzugehen. Eventuell könnte auch das lokale Immungewebe im Rachen – zum Beispiel die Rachenmandeln – eine Rolle spielen.

War es dann überhaupt notwendig, die Schulen, Kindergärten und Kitas so rigoros zu schließen?

Das ist schwer zu sagen, weil es kaum einen Vergleich gibt, ob die Schulschließung etwas gebracht hat oder ob die Schulöffnung doch zu Problemen geführt hätte. Die Auswirkungen dürften eher sehr gering sein. Wenn wir uns aber Schweden zum Beispiel ansehen, wo die Schulen ganz normal offen geblieben sind, zeigt sich, dass es dort in Schulen offensichtlich keine großen Probleme gab bzw. gibt, obwohl Schweden ansonsten vergleichsweise sehr hohe Erkrankungszahlen aufweist. Es kann also – auch anlässlich der vielen Erkenntnisse zu Kindern – schon gesagt werden, dass es etwas übertrieben ist, so schnell die Schulen zu schließen, wenn irgendwo ein Cluster auftritt. Andererseits kann man auch verstehen, warum man sich anfangs dazu entschieden hat. Man wusste damals noch zu wenig. Aber im Herbst sollte schon ein normaler – oder zumindest normalerer – Schulbetrieb wieder aufgenommen werden. Natürlich mit Hygienemaßnahmen und eventuell möglichst ohne Durchmischung verschiedener Klassen. Aber dass die Klassen geteilt werden, also weiterhin nur mehr die Hälfte in der Schule sein darf (wie das in Österreich zuletzt der Fall war), halte ich für übertrieben.

Es gibt aber auch einige Eltern, denen der Schulstart Sorgen bereitet. Sie befürchten, dass sich ihr Kind bei anderen ansteckt und das Virus mit nach Hause nimmt… Was können Sie diesen Eltern sagen?

Ich glaube, dass es viel riskanter ist, in ein Restaurant oder zu einer Familienfeier zu gehen, in einem Geschäft einzukaufen oder in einem Park mit anderen zu spielen, als geordnet in die Schule zu gehen. Nach derzeitigen Daten würde ich – und ich habe selbst schulpflichtige Kinder – mir weniger Sorgen machen, dass sie sich in der Schule anstecken. Das Problem ist eher, dass Kinder in der Herbst- und Wintersaison häufig die Kriterien für einen Corona-Verdachtsfall erfüllen werden, sprich Husten oder Fieber haben. In den allermeisten Fällen wird das aber etwas anderes sein, weil in dieser Zeit auch viele andere Viren vorhanden sind, die bei Kindern viel häufiger diese Symptome verursachen, und dann auch die Influenzasaison beginnt. Das heißt, in den Schulen wird dann die größte Herausforderung sein, wie man damit umgeht. Man kann davon ausgehen, dass jedes Kind mindestens einmal diese „coronatypischen“ Symptome zeigen wird. Nur weil aber ein Kind hustet oder Fieber hat, kann man dann nicht die ganze Klasse unter Quarantäne stellen oder gar die ganze Schule schließen.

Was sollte man stattdessen tun?

Hier gilt es dann behutsam vorzugehen und bei entsprechenden Symptomen einen Test durchzuführen, aber erst wenn dieser wirklich positiv ist, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen: also die Kontaktpersonen unter Quarantäne stellen und eventuell testen, aber nicht die gesamte Schule schließen. Dafür ist es natürlich wichtig, dass die Testergebnisse rasch vorliegen.

Interview: Eva Maria Gapp

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