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Wie in einer Seifenblase

Fotografie von Werner Gasser: Stehlampe

Inspirieren das Coronavirus und die Quarantäne die Künstler*innen zu neuen Werken? Wenn ja, zu welchen? Die Corona-Galerie der Tageszeitung sucht Bilder und fragt mit Marcel Proust und Max Frisch nach. Heute der Fotograf Werner Gasser .

Wie geht ́s?

Ich fühle mich wie in einer Seifenblase. Manchmal aufgehoben und dann wieder eingesperrt. In einem surrealen Raum, den nur eine sehr dünne und fragile Membran zu trennen scheint. Oft erlebe ich ein tagesbedingtes Auf und Ab, in dem es gefühlt nur einen Zeitmodus gibt: den der Gegenwart. Überhaupt scheint mir der Aspekt „Zeit“ in diesen Tagen sehr wichtig zu sein. Mein Zeitgefühl hat sich stark verändert. Zeit zu haben und sich Zeit nehmen…

Wie ist Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Dünnhäutig aber gleichzeitig auch wieder stark. Introvertiert und sehr leise. Meine Antennen sind zur Zeit unglaublich spitz. Ich glaube, wir durchleben in diesen Monaten eine Zeit des Aufbrechens von alten Strukturen und beginnen zu hinterfragen… und suchen bestenfalls nach neuen Wegen. Unwahrheiten werden demaskiert und verborgenes wird plötzlich offengelegt.Ich kann dieser momentanen Situation durchaus auch sehr viel Positives abgewinnen. So viel Zeit für sich zu haben ist gut.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Zur Zeit keines. Ich habe mir in dieser Zeit einen kleinen Garten auf einem Acker angelegt. Dort wühle ich in der sandigen Erde, die eine Mure ins Tal gebracht hat, sortiere Steine aus, lockere den Boden und mische organisches Material unter. Tomaten, Gurken, Zucchini, Kartoffeln und Kren strecken ihre Köpfe der Sonne entgegen. „Die Hond g´hört in die Erd oder zwischen die Füass“ (Roland Kristanell). Wie recht er hat. Und dann habe ich noch 3 Bienenstöcke. Das ist zur Zeit meine Literatur.

Was ist Ihre erste Erinnerung?

Das Licht an den Orten, an denen ich gespielt habe. In meiner Erinnerung gab es da ein ganz besonderes Licht.

Was wollten Sie als Kind werden?

Ein Schmetterling.

Warum sind Sie Künstler geworden?

Es hat sich so ergeben.

Bereuen Sie diese Entscheidung manchmal?

Nein. Das bin ich. Ich kann nichts anderes. Seit ich denken kann, versuche ich mir über meine Arbeit ein Bild von dieser Welt zu machen.

Wenn Sie nicht Künstler wären, wer oder was möchten Sie sein?

Gärtner.

Welche/r Künstler/in hat Sie am stärksten beeinflusst?

In seinem Denken und seiner intuitiven Herangehensweise an eine Thematik, in seiner Kompromisslosigkeit wäre das für mich der Schweizer Architekt Peter Zumthor. In ihrer nackten Direktheit Nan Goldin, in seiner poetischen Bildsprache der Däne Olafur Elliason.

Welches künstlerische Werk hätten Sie gern selbst gemacht?

Ich hatte nie das Gefühl, die Arbeit eines anderen Künstlers lieber selbst gemacht zu haben. Ich kann mich freuen, wenn ich etwas sehe, das mich anspringt und überrascht – auch wenn es nicht von mir ist.

Welchem/r Künstler/in möchten Sie gerne begegnen?

Da gibt es einige… Roman Opalka zum Beispiel

Was würden Sie ihn/sie fragen?

Wie er seine konsequente Arbeit aushält. Wie er diesen Druck aushält. Ich finde das unglaublich bewundernswert.

Zweifeln Sie manchmal an der Kunst?

Oft.

Was nervt Sie an der Kunstwelt?

Wenn mich etwas nervt, dann gehe ich. Das ist das Schöne am Älterwerden. Man weiß, was man will und was man nicht will

Was vermissen Sie in der Quarantäne am meisten?

Es klingt banal, aber Leute zu umarmen, die ich mag, das vermisse ich sehr. Das ist mir erst in diesen Monaten bewusst geworden, in denen diese Körperlichkeit nicht möglich ist

Verändert die Quarantäne Ihre Kunst oder machen Sie einfach weiter wie bisher?

Ich habe mir in dieser Zeit einen kleinen Acker angelegt.

Ist die Corona-Pandemie ein Thema Ihrer Kunst oder halten Sie sie davon frei?

Das zentrale Thema in einem Kunstwerk war und ist für mich immer das Leben selbst. In welcher Form ein Ereignis wie Corona dann nach außen hin sichtbar wird, ist für mich unrelevant. Selbst wenn es nach außen keine erkennbare „Form“ annimmt, ist es für mich präsent.

Wovor fürchten Sie sich?

Ich fürchte mich vor gesellschaftlicher Gleichgültigkeit und Ignoranz.

Was fehlt Ihnen zum Glück?

Ich wundere mich oft über mich selbst, worüber ich mich alles freuen kann.

Was ist für Sie das größte Unglück?

Mich nicht frei zu fühlen, wäre für mich das größte Unglück.

Möchten Sie gerne reich sein?

Ja.

Welche Hoffnung haben Sie schon aufgegeben?

Dass ich aus meinen Fehlern lerne.

Welches ist Ihr liebstes Vorurteil?

Dass Rosa und Hellblau zwei schöne Farben sind.

Lieben Sie jemand?

Ja, da gibt es viele.

Sind Sie sich selbst ein/e gute/r Freund/in?

Ganz unterschiedlich.

Was würden Sie an Ihrem Äußeren am liebsten ändern?

Eigentlich nichts. Außer, dass in letzter Zeit an bestimmten Körperstellen Haare wachsen, wo früher keine waren. Wenn man das rückläufig machen könnte…

Was ist Ihr größter Fehler?

Meine Galeristen sagten immer, ich sei stur. Ich habe das immer als meine Tugend empfunden.

Was verabscheuen Sie am meisten?

Ich würde sagen, dass mich Oberflächlichkeit ziemlich nervt.

Wie alt möchten Sie werden?

So lange ich noch selbstbestimmt leben kann und klar im Kopf bin

Wie möchten Sie sterben?

Wenn möglich ohne Schmerzen und bei Bewusstsein. Dabei ist mir bei Bewusstsein besonders wichtig. Man stirbt nur einmal.

Glauben Sie an die Wiedergeburt?

Nein. Ich hoffe auf ein Ende.

Zur Person

Werner Gasser, 1969 in Meran geboren, 1984 Kunstlehranstalt in St. Ulrich Gröden, 1990 Hochschule für Musik und Darstellende Kunst „Mozarteum“ Salzburg, 1992 Akademie der Bildenden Künste Wien, Meisterklasse Michelangelo Pistoletto, 1993 Studienaufenthalt in New York, 1996 Diplom an der Akademie der Bildenden Künste Wien, 1998 Arbeitsstipendium für New York, 2003/04 Arbeitsstipendium für Berlin. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Er lebt und arbeitet in Berlin und Meran.

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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