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Zum Geläut

(v.l.) Valeria Told, Juri Andriollo, Renzo Caramaschi, Peter Paul Kainrath, Letizia Ragaglia und Roberto Ghizzi in Vertretung von Giuliano Vettorato: Das Festival macht die ganze Stadt zur Bühne.

Nicht weniger, sondern anders: Bolzano Festival Bozen erfindet neue Formate und dezentralisiert sich auf Plätze, Innenhöfe von Kondominien und Kirchen, um mit den geltenden Einschränkungen konform zu gehen.

(sh) Die sommerlichen Festivals – die wenigen, die den Mut hatten, nicht im vorauseilenden Gehorsam abzusagen – gleichen heuer verdächtig Hygienekonzepten: Abstandsregeln, Besucherlenkung, jeder Schritt durchdacht und geplant, um dem mulmigen Gefühl Herr zu werden, zum Virusspreader zu werden.

Dass es sich trotz Corona ausgeht, ist dem unbeugsamen Willen der Musikstadt Bozen zu verdanken. Bürgermeister Renzo Caramaschi und die Sponsoren wollten das Festival um (fast) jeden Preis. „Das Festival sollte unbedingt stattfinden und wir wurden von allen Seiten darin bestärkt“, sagt der künstlerische Leiter Peter Paul Kainrath. „Corona hat und gezwungen, neue Ideen zu entwickeln, um das Festival über die Bühne zu bringen“ sekundiert Caramaschi.

Der wesentliche Handgriff lautet Dezentralisierung der Konzerte auf mehrere Orte, um große Menschenansammlungen zu vermeiden. Das Festival macht die ganze Stadt zur Bühne. Das Programm erstreckt sich über den gesamten August (1.-29.8.) und umfasst kleine und große Musikmomente. Das Haydn-Orchester verlässt den Konzertsaal und bespielt Plätze und Innenhöfe diverser Kondominien in der Reihe „Haydn im Hof“. Mit nicht weniger als 18 Terminen verlässt das Haydn Orchester seine traditionelle Bühne und entsendet Bläser- und Streicherensembles in alle Stadtteile.

Das Festival eröffnet mit einem Konzert der Freunde der Gustav-Mahler-Akademie (1.8). Unter Leitung von Philipp von Steinaecker wird hier mit Gustav Mahlers 4. Symphonie in der Bearbeitung für Kammerorchester das erste Konzert seit langem im Bozner Konzerthaus zu hören sein. Am selben Tag wird der Grödner Komponist Eduard Demetz mit seiner Komposition für die Glocken der Bozner Kirchtürme ein Klanggewebe über den Dächer der Stadt spinnen,. Die „anachronistischen Klänge“ der 28 Bozner Glocken, die dem Tag einst seine zeitliche Struktur gaben, läuten zum himmlischen Geleit des Festivals, während Demetz mit einem kleinen LKW durch die Stadt fährt und seine Komposition per Lautsprecher aufführt. Die Aufführung wird zum Festivalabschluss am 29.8. wiederholt.

Der schwierigste Part gilt den beiden Jugendorchestern EUYO und GMJO, die, da die Musiker*innen aus ganz Europa kommen, unter Verdacht stehen, „Botschafter des Virus“ zu sein oder zu werden. In reduzierter Besetzung sind sie dennoch präsent, aber erneut unter Leitung großer Dirigenten, wie Gianandrea Noseda und Tobias Wögerer, mit herausragenden Solisten, wie Beatrice Rana und Angela Denoke. Antiqua lotet die Resonanzräume diverser Bozner Kirchenbauten aus.

Das Festival für Alte Musik Antiqua untersucht historische Spieltechniken, die seit dem 16. Jahrhundert für Orte mit besonderer Akustik, wie den Markusdom in Venedig, entwickelt wurden. Die Konzerte bringen verschiedene Sakralbauten der Stadt zum Klingen und schaffen eindringliche musikalische Erlebnisse. Ein besonderes Highlight ist der Termin Hidden Soloists im Dom von Bozen: Die Solisten, darunter die Sopranistin Laura Catrani, sind zunächst vor den Blicken des Publikums verborgen und treten erst am Ende des Konzertes in Erscheinung.

Neu im Programm eine Serie von Kinoabenden, bei denen Startenor Saimir Pirgu, Absolvent des Bozner Konservatoriums, herausragende Opernproduktionen auf der großen Leinwand präsentiert.

Ebenfalls im NOI Techpark ist das Busoni Festival mit drei Recitals prägender Gewinner des Wettbewerbs zu erleben: Giuseppe Andaloro (6.8.) beginnt mit Sergej Rachmaninov und schlägt einen überraschenden Bogen zu den Songs der Rockband Queen in seinen eigenen Klavierbearbeitungen. Anna Kravtchenko, Gewinnerin des Busoni-Preises 1992, präsentiert am 13. August ein Programm, das ganz Robert Schumann gewidmet ist. Roberto Cominati, der den Busoni ein Jahr später gewann, präsentiert Klavierbearbeitungen der Musik des Barocktitanen Georg Friedrich Händel.

Die Streicherakademie Bozen ist in diesem Jahr mit zwei Terminen im Programm vertreten, beide im Konservatorium und unter der Leitung von Georg Egger: am 10. August spielt Giuliano Carmignola Violinkonzerte von Mendelssohn Bartholdy Giovanni Battista Viotti, in seinem Doppelkonzert ist Georg Egger auch als Solist zu erleben. Am 25. August sind Violinkonzerte von Bach mit den jungen Solisten Yuki Serino und Julian Kainrath zu hören.

Zum Abschluss am 29. August reist – auf eigene Spesen –  der legendäre Grigory Sokolov mit einem Recital zum 100. Geburtstag von Arturo Benedetti Michelangeli an.

Tickets für das Bolzano Festival Bozen sind an Kasse des Stadttheaters und online auf der Festival-Website erhältlich. Aufgrund der geltenden Sicherheitsbestimmungen werden die Sitzplätze in den Räumen erheblich reduziert. Die Anmeldung zu den Konzerten muss mit Namen erfolgen.

Infos unter www.bolzanofestivalbozen.it

 

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