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„Keineswegs harmlos“

Experten warnen neuerdings davor, dass Kinder und Jugendliche zu viele Chemikalien im Blut haben. Was dahinter steckt.

von Eva Maria Gapp

Sie stecken in den Beschichtungen von Outdoorjacken, Kaffeebechern, in Schuhsprays, in den Antihaft-Beschichtungen von Bratpfannen, in Lebensmittelverpackungen und vielen anderen Konsumprodukten, mit denen nahezu jeder tagtäglich zu tun hat.

Die Rede ist von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen, kurz PFAS. Sie werden so vielseitig eingesetzt, weil sie Fett, Wasser und Schmutz abweisen.

Eigentlich hört man von diesen Chemikalien sehr wenig, doch nun hat eine Studie aus Deutschland aufhorchen lassen: Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 3 und 17 Jahren haben dort zu viele langlebige Chemikalien im Blut. Ein Fünftel der Probanden wiesen eine Chemikalienkonzentration im Blut auf, die eine Belastung anzeigt, bei der gesundheitliche Effekte nicht mehr mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen werden können. Dabei handelt es sich genau um diese PFAS. Zu der Stoffgruppe gehören über 4.700 Chemikalien.

Die Experten des Umweltbundesamtes, die diese Studie durchgeführt haben, warnen nun davor. Denn diese Chemikalien sind nicht unbedenklich. Schon seit längerem ist bekannt, dass sie eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen. Viele Eltern sind nun besorgt. Wie gelangen diese Chemikalien in das Blut der Kinder? Wie gefährlich sind sie wirklich? Und was kann man dagegen tun?

Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dieser Problematik. „Es ist jedenfalls bedenklich, dass viele Kinder und Jugendliche zu viele langlebige Chemikalien im Blut haben. Wir wissen nämlich, dass diese Chemikalien keineswegs harmlos oder ungefährlich sind. Und das betrifft auch nicht nur Deutschland, das ist ein generelles Problem.“

Denn diese Chemikalien sind kaum biologisch abbaubar, sie sind thermisch und chemisch sehr stabil, und reichern sich deshalb in der Umwelt und im Menschen an.

„Das ist insofern ein Problem, weil diese Chemikalien hormonähnliche Wirkungen haben, im Verdacht stehen, Krebs auszulösen, die Infektanfälligkeit erhöhen und auch die Wirkungen von Impfungen vermindern können“, so Hutter. Außerdem sollen sie für steigende Cholesterinwerte verantwortlich sein, da sie sich vor allem im Fettgewebe anreichern.

Und einmal in die Umwelt gelangt, sind PFAS schwer bis gar nicht mehr zu entfernen. „Sie bleiben Jahrzehnte in Wasser und Böden erhalten, und können dann über die Luft in entlegene Gebiete transportiert werden. Man findet sie daher auch in Polargebieten und alpinen Seen. Über Regen gelangen sie dann wieder in Böden und Gewässer“, erzählt Hutter.

Doch wie gelangen sie in den menschlichen Organismus? „Die Chemikalien werden aus zahlreichen Produkten, in denen sie vorkommen – Stichwort Outdoorjacken und Co. – freigesetzt. Sie gelangen über Verfrachtungen in Wasserökosysteme, „landen“ in kleinen Wasserlebewesen und reichern sich in der Nahrungskette an. Über die Ernährung, zum Beispiel über Fischkonsum, finden sie dann den Weg in unseren Organismus, wo sie letztlich auch in unserem Blut nachweisbar sind“, so Hutter. Aber auch über die Aufnahme von Hausstaub und Bodenpartikeln, zum Beispiel beim Hand-zu-Mund-Transfer, gelangen sie in unseren Organismus. Das Problem: Im Körper können sie nur sehr langsam abgebaut oder ausgeschieden werden.

Außerdem können diese Chemikalien beim Stillen über die Muttermilch auf das Kind übertragen werden. Die Studienergebnisse zeigen etwa, dass gestillte Kinder höher mit PFAS belastet sind als nicht gestillte.

Hutter plädiert deshalb dafür, deutlich vorsichtiger zu sein und gewisse Produkte, bei denen diese Chemikalien verwendet werden, zu vermeiden. Da PFAs aber so vielseitig eingesetzt werden, ist das gar nicht so einfach. Das weiß auch Hutter. Der Experte kann aber ein paar Tipps geben: „Bei einem Neukauf sollte man zu Produkten greifen, die keine PFC enthalten.“ Aber auch prinzipiell gelte es zu überlegen, wo und wie man die Bekleidung verwendet und ob überhaupt eine Extrembekleidung notwendig ist. „Die meisten von uns sind sicher keine Extremsportler, die sich stundenlang durch Starkregen und Eisstürme kämpfen. Oftmals sind es urbane Spaziergänger, die bei einer sonntäglichen Radltour im Herbst professionell gestylt durch einen gepflegten Park radeln. Oder deren Kinder, die am Spielplatz hightecmäßig ausgerüstet bei Nieselregen auf der Schaukel sitzen“, so Hutter.

Außerdem ist es laut Hutter ratsam, Schuhsprays zu vermeiden, da hier häufig diese Chemikalien eingesetzt werden und diese dann über die Luft in den Körper gelangen.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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