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Zwei fast nichtverbundene Dinge

Skizze Orleans, 2020

Inspirieren das Coronavirus und die Quarantäne die Künstler*innen zu neuen Werken? Wenn ja, zu welchen? Die Corona-Galerie der Tageszeitung sucht Bilder und fragt mit Marcel Proust und Max Frisch nach. Heute die Bozner Zeichnerin Brigitte Mahlknecht.

Wie geht ́s?


Mir persönlich geht es gut. Fast könnte man sagen, dass mir diese Phase des Rückzuges gelegen kam. Dazu muss ich sagen, ich bin in Wien und konnte mich die ganze Zeit in der Stadt frei bewegen, freilich mit Abstand zu anderen. Wir haben hier nicht so strenge Ausgangsregeln wie in Italien.

Wie ist Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?


Zur Zeit versuche ich zu verstehen, wie ich selber mit der Arbeit in verschiedenen Umgebungen umgehe und warum. Also mein Geisteszustand ist, könnte man sagen, analytisch auf mein Verhältnis zu Arbeit und Leben gerichtet. Zugegebenermaßen etwas egoistisch. Gleichzeitig verfolge ich die Entwicklung der Pandemie. Das Außen und das Hier-bei-mir sind zwei fast nichtverbundene Dinge.

Welches Buch lesen Sie gerade?


Wie immer mehrere Bücher gleichzeitig, seit vorgestern besonders „Orlando“ von Virginia Woolf. Die Hauptfigur in diesem Roman, Orlando, durchlebt bekanntlich mehrere Jahrhunderte, anfangs als Mann, dann als Frau. Dabei interessieren mich besonders die Stellen, wo die Übergänge zwischen den verschiedenen Lebensphasen beschrieben werden, wie das im Buch „inszeniert“ wird.

Was ist Ihre erste Erinnerung?


Vielleicht stimmt es nicht, aber ich bilde mir ein, dass ich mich an die Mondlandung erinnern kann. Damals war ich drei Jahre alt und es ist weniger ein Bild, als mehr ein Gefühl, das in der Luft lag. Es gibt noch eine andere Erinnerung aus ungefähr der gleichen Zeit. Ich war mit meiner Großmutter spazieren, es ist nur ein Moment, ich sitze im Kinderwagen und wir gehen gerade von der Straße in den Hof, in Rentsch, da wo wir gewohnt haben.

Was wollten Sie als Kind werden?

Pianistin, Tiefseetaucherin, Jazzsängerin.

Warum sind Sie Künstlerin geworden?


Von den verschiedenen Möglichkeiten, war es die einzige noch halbwegs mögliche.

Bereuen Sie diese Entscheidung manchmal?

Nie.

Wenn Sie nicht Künstlerin wären, wer oder was möchten Sie sein?


Seit ich lebe, versuche ich zu verstehen, wer und was ich bin. Das wäre ganz schön kompliziert, jemand anderes zu sein, alles würde von vorne beginnen.

Welche/r Künstler/in hat Sie am stärksten beeinflusst?


Von vielen habe ich etwas gelernt, auch das Bewusstsein in einer Geschichte zu stehen. Es wäre eine zu lange Liste….

Welches künstlerische Werk hätten Sie gern selbst gemacht?


Solche Arbeiten gibt es manchmal. Jetzt fällt mir gerade nichts dazu ein… Vielleicht die genähten Bücher von Maria Lai oder die großen Skulpturen von Alexander Calder….

Welchem/r Künstler/in möchten Sie gerne begegnen?

Lina Bo Bardi.

Was würden Sie ihn/sie fragen?

Ob sie mir ihr Sao Paulo zeigt.

Zweifeln Sie manchmal an der Kunst?


Nicht im Prinzip. Ohne Kunst, würden noch in den Höhlen leben … ohne Höhlenbilder.

Was nervt Sie an der Kunstwelt?


Dass sich zu vieles am Markt orientiert, anstatt am Denken der echten Künstler. Aber nerven ist nicht das richtige Wort dafür, wir leben im Kapitalismus.

Was vermissen Sie in der Quarantäne am meisten?

Ich würde gerne ins Museum gehen.

Verändert die Quarantäne Ihre Kunst oder machen Sie einfach weiter wie bisher?


Da es im Atelier viele unfertige Bilder und Zeichnungen gibt, nutze ich die Zeit, mich damit zu beschäftigen. Gerade die unfertigen Arbeiten bergen oft Potenziale.
Nebenher entstehen kleine Filme und andere Notizen.

Ist die Corona-Pandemie ein Thema Ihrer Kunst oder halten Sie sie davon frei?

Ich habe mal gelesen, dass auch Wissen sich epidemisch ausbreitet, wenn man es nicht verhindert. Damit will ich sagen, mich interessiert die Dynamik, was die Virologen aber auch Philosophen sagen, welche gesellschaftlichen Themen an die Oberfläche kommen. Indirekt fließen solche Dinge in meine Kunst ein. Mein Werkblock „Invisible Worlds“ könnte sich auch auf epidemische Prozesse beziehen. Eine „Coronaserie“ gibt es nicht.

Wovor fürchten Sie sich?


Im Allgemeinen nur vor den Menschen, zum Glück immer weniger.

Was fehlt Ihnen zum Glück?

Ein großes Atelier.

Was ist für Sie das größte Unglück?


Die Verweigerung des Gesprächs, wenn es ansteht.

Möchten Sie gerne reich sein?


Würde bestimmt einiges erleichtern, muss aber nicht immer gut sein.

Welche Hoffnung haben Sie schon aufgegeben?

Dass jede und jeder kann, wenn sie oder er möchte.

Welches ist Ihr liebstes Vorurteil?


Dass jede und jeder kann, wenn sie oder er möchte.

Lieben Sie jemand?


Ich liebe immer jemanden.

Sind Sie sich selbst ein/e gute/r Freund/in?


Ich versuche mir eine Freundin zu sein.

Was würden Sie an Ihrem Äußeren am liebsten ändern?

Manchmal hätte ich gerne mehr Muskelkraft.

Was ist Ihr größter Fehler?


Ich bin oft nicht schlagfertig genug, zu sagen, was ich denke, wenn es für den inneren und äußeren Frieden gut wäre.

Was verabscheuen Sie am meisten?


Das Desavouieren von Kultur, hysterisches Herumschreien, die Weigerung an sich zu arbeiten

Wie alt möchten Sie werden?


Ich habe kein Gefühl für Alter, also nütze ich den Tag, die Woche, das Monat …

Wie möchten Sie sterben?


Das habe ich mir noch nicht überlegt, jedenfalls nicht im Krankenhaus.

Glauben Sie an die Wiedergeburt?


Weiß nicht, was man sich darunter vorstellen kann. Ich habe ein Leben und mich interessiert, was bleibt.

 

Zur Person

Brigitte Mahlknecht, 1966 in Bozen geboren, lebt in Wien. Ihre Medien sind die Zeichnung, die Malerei, die Animation und das Video. Das Interesse für Denkprozesse in den verschiedenen Medien und auch wissenschaftlichen Bereichen kulminiert in ihren Bildern. Die produktive Nähe zu experimenteller Lyrik und zum Experimentalfilm machen sich wiederholt bemerkbar. Zahlreiche Bücher und Ausstellungen im In- und Ausland

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