Du befindest dich hier: Home » Gesellschaft » „Man ist kein Mensch mehr“

„Man ist kein Mensch mehr“

Foto: 123RF.com

Sie gelten als geheilt, doch gesund fühlen sie sich längst nicht: Viele Covid-19-Patienten. Die Geschichte eines passionierten Sportlers, für den Treppensteigen zum Kraftakt geworden ist.

von Eva Maria Gapp

Eigentlich scheint Andreas, der seinen richtigen Namen in der Zeitung nicht lesen möchte, in der Statistik als genesen auf. Er hat eine Covid-19-Erkrankung hinter sich. Sie liegt schon einige Zeit zurück. Andreas, der Mitte 40 und passionierter Sportler ist, entwickelte lediglich milde Symptome. „Mir ging es nie richtig schlecht, ich musste auch nicht ins Krankenhaus“, sagt er.

Doch fragt man Andreas wie es ihm heute geht, kann dieser nur sagen: „Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich vorher war. Ich fühle mich jetzt, zugespitzt gesagt, wie ein 90-jähriger Mann. Ich werde bei jeder Kleinigkeit gleich müde. Früher bin ich in der Woche sicherlich 30 Kilometer gelaufen und 100 Kilometer Rad gefahren. Ich hatte Trainingstabellen und Ernährungspläne, war also wirklich topfit. Jetzt gibt es aber Tage, wo ich bereits beim Treppensteigen aus der Puste komme.“

Sein Appell: „Nehmt Corona nicht auf die leichte Schulter. Das Virus ist nicht weg, wie viele glauben mögen, wir müssen wirklich aufpassen.“

So wie Andreas geht es mittlerweile vielen Menschen. Sie gelten offiziell als „geheilt“, fühlen sich aber längst noch nicht gesund. Es gibt Menschen, bei denen auch nach überstandener Virusinfektion, der Geruchs- und Geschmackssinn nicht zurückgekehrt ist. Eine junge Frau aus dem Burggrafenamt erzählt etwa, dass sie seit vier Monaten nicht mehr richtig riechen kann. „Früher hatte ich einen ausgeprägten Geruchssinn. Doch seit Corona ist alles anders. Ich rieche das frisch zubereite Essen nicht mehr, das Parfum, das ich mir auf die Haut spritze oder den Weichspüler, den ich zum Waschen verwende.“ Für die junge Frau ist das sehr belastend. „Ich weiß nicht, ob der Geruchssinn je wieder vollständig zurückkehren wird. Selbst die Ärzte haben darauf keine Antwort. Das macht mir Angst“, gesteht sie.

Andere wiederum, die mittlerweile auch als geheilt gelten, berichten von Gedächtnislücken und/oder anhaltenden Kopfschmerzen. Niemand kann ihnen mit Sicherheit sagen, ob und wann diese Beschwerden jemals enden werden.

Mittlerweile steht auch fest, dass Covid-19 keine reine Lungenkrankheit ist. Vielmehr handelt es sich um ein Multiorganvirus. Es befällt also auch zahlreiche andere Organe, wie die Nieren, das Herz, die Leber und das Gehirn.

Andreas weiß das: „Die Erkrankung hinterlässt seine Spuren an verschiedensten Orten im Körper. Ich hätte mir auch nie gedacht, dass ich jemals in so eine Situation kommen werde.“ Während er das sagt, spürt er ein Kratzen im Hals, ein Drücken auf der Brust und beginnt stark zu schwitzen. „Das hatte ich in meinen ganzen Leben noch nicht. Mein T-Shirt ist total durchgeschwitzt – und das ohne Grund.“

Der TAGESZEITUNG erzählt er wie alles angefangen hat.

Andreas traf es Ende Februar, wo Corona noch kein wirkliches Thema in Südtirol war. „Ich hatte eines Tages ein unangenehmes Kratzen im Hals und ein Ziehen auf der Stirn. Anfangs habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Ich habe normal weitertrainiert, bis ich dann ein paar Tage später auf einmal total kräftelos war. Ich konnte nicht mehr laufen und musste das Training abbrechen.“ Andreas bekommt ein paar Tage darauf Fieber, das ihn dann 15 Tage begleiten wird. „Das war aber kein normales Fieber. Einmal hatte ich 37,5, in den nächsten fünf Minuten dann auf einmal 38,5. Dann wieder 36,5. Es war ein Auf und Ab.“ Und anstatt den Geruchs- und Geschmackssinn zu verlieren, trat bei Andreas das Gegenteil ein: „Ich hatte auf einmal einen sehr ausgeprägten Geschmackssinn. Mir ist alles versalzen vorgekommen“, sagt er. Hinzu kamen starke Kopfschmerzen. Er wurde dann positiv auf das Coronavirus getestet. Andreas hat aber – wie er sagt – nicht einmal gehustet und hatte auch keine Atemprobleme. Seine Kraft ließ aber immer weiter nach.

Mittlerweile sind bereits einige Monate vergangen. Andreas arbeitet seit einiger Zeit wieder, er ist negativ, hat die Erkrankung überstanden. Doch er ist nicht mehr der Alte.

„Bei jeder Kleinigkeit schnellt mir der Puls in die Höhe. Wenn ich zum Beispiel von der Couch aufstehe und aufs Klo gehe, habe ich auf einmal einen sehr hohen Puls. Dabei habe ich mich körperlich gar nicht angestrengt. Oder wenn ich in der Früh in die Küche gehe und den Kühlschrank öffne, kann es sein, dass ich außer Atem bin. Das kannte ich davor nicht. Ich bin ein Top-Sportler.“

Ähnlich sieht es auch bei der Arbeit aus: „Ich arbeite zum Beispiel am Schreibtisch, stehe auf und gehe ein paar Schritte. Auf einmal fällt mir das Atmen schwerer und ich schwitze ohne Grund. Das ist ein sehr unangenehmes Gefühl. Ich setze mich dann hin, und dann geht es wieder.“ Das kann sich dann mehrmals am Tag wiederholen.

Dabei ist die Situation nicht immer dieselbe, wie Andreas erzählt: „Es geht mir nicht jeden Tag gleich schlecht. Das kommt in Schüben. Es kann passieren, dass ich mich zwei Tage lang super fühle und ich mir denke, dass ich überm Berg bin. Am dritten Tag kommen dann aber wieder diese starken Kopfschmerzen und mir geht es schlecht. Es ist ein Auf und Ab.“

Seiner großen Leidenschaft – dem Sport – kann er dadurch auch nicht mehr wie gewohnt nachgehen. „Ich versuche zwar wieder zu laufen und Rad zu fahren, aber mir fehlt die Energie. Ich komme nicht mehr auf die Kilometer, die ich vorher zurückgelegt habe. Es gibt Tage, an denen ich das Fahrrad schieben muss, weil ich so erschöpft bin“, erzählt er.

Auch einige seiner Kollegen, die ebenfalls Sportler sind und sich mit dem Virus infiziert haben, berichten über ähnliche Beschwerden. „Es scheint so, als würde es uns schwerer treffen, als andere Menschen.“ Die ganze Situation macht ihm schwer zu schaffen: „Das belastet mich natürlich. Man ist ja kein Mensch mehr“, sagt er.

Aber auch die Tatsache, dass er sich nicht immer ernst genommen fühlt, sei belastend: „Viele können nicht verstehen, dass ich mich mit Mitte 40 mit dem Virus angesteckt habe und es mir oft so schlecht geht. Die Leute glauben nach wie vor, dass es nur alte Menschen mit Vorerkrankungen trifft. Das stimmt aber, wie man an mir sehen kann, nicht“, betont er.

Hinzu kommt, dass bei Andreas alle Blutwerte im grünen Bereich sind, auch seine Lunge ist in Ordnung. „Da fällt es vielen Menschen schwer mir zu glauben, dass ich mich wie ein halber Mensch fühle. Sie denken, dass es etwas Psychologisches ist. Sie können sich das nicht erklären, auch die Ärzte nicht.“ Doch Andreas weiß: „Ich bilde mir das nicht ein, ich weiß, dass das Virus etwas in meinem Körper verändert hat.“

Gleichzeitig kritisiert er, dass in der Öffentlichkeit immer von Genesenen gesprochen wird. „Ein negatives Testergebnis bedeutet noch lange nicht, dass man gesund und damit wieder zu 100 Prozent einsatzbereit ist.“

Andreas hofft, dass er bald wieder zu seinen alten Kräften zurückfindet. Wann und ob das überhaupt möglich sein wird, können die Forscher aber derzeit nicht sagen. „Da sagt jeder Arzt etwas anderes. Die einen sagen Ja, die anderen Nein und wiederum andere vielleicht. Deshalb rate ich jedem, vorsichtig zu sein.“

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (24)

Lesen Sie die Nutzerbedingungen

  • tiroler

    Dafpr öffnen nächste Woche die Diskotheken, während man nichteinmal ins Gemeindeamt hineindarf…..
    Kann das jemand erklären?

    • hallihallo

      bei uns geht man ganz normal in die gemeinde, in die bank, in die geschäfte,..
      mit mundschutz halt, aber soviel kann jeder beitragen, daß das virus nicht wieder überhand nimmt.
      allen wünschen wieder normalität zurück, aber natürlich nutzen manche ämter es aus und wollen den parteienverkehr nicht zulassen.

  • fronz

    Wie wär’s vielleicht mit weniger rauchen.

  • gutentag

    Für mich klingt das ganze von dem dieser Sportler hier spricht wie eine posttraumatische Belastungsstörung.
    Seine sportlichen Leistungen sollten seine Fitness betonen. Der Herr hat sich mit den ganzen Fitnessplänen ganz schön unter Druck gesetzt. Dann kommt noch so eine Krankheit dazu, deren Schreckensbilder um die ganze Welt gehen. Das kann einem schon mal zuviel werden.

  • prof

    Wenn ich hier lese wie es „Andreas“ gegangen ist trifft dies fast genau auf mich zu,wenn ich auch etwas älter bin Ich hatte mitte Februar 3 Tage so starkes Husten daß die Rippen schmerzten auch hatte ich Gelenk-Schmerzen zudem scmeckte mir das Essen immer versalzen.Bis zu diesem Zeitpunkt bewältigte ich die Woche jeden zweiten Tag ohne Probleme 8/9 Hunder Höhenmeter,per Pedes oder mir den Rad.
    Jetzt ist alles anders, auf E.Bike umgestiegen fast keine Aufstiege mehr und Tage wo ich mich einfach schlapp fühle.
    Versuche jetzt über meinen Hausarzt einen Termin zu bekommen einen Test zu machen,schauen ob ich diesen Virus hatte.

  • n.g.

    Was wilkst du denn.. sagte doch das er was hat… aber der Virus hat keine körperlichen Schäden verursacht, steht im Bericht ganz deutlich. Und dann den Virus psycholigische Probleme auslösen zu können ist doch etwas daneben! Es gubt auch Krebspatienten die si ähnliche Pribleme bekommen… die Einen feiern nach der Genesung ihr neu gewonnenes Leben und die anderen haben Angst vor allem und fühlen sich Dauerkrank!

    • kauz

      @n.g.
      das ist ein Multiorganvirus, und kann daher langfristige Schäden auch bei einem milden Verlauf hinterlassen. Dieser Virus ist nicht mit einer Grippe zu vergleichen. Bitte informiere dich vorher, bevor du hier so einen Blödsinn schreibst.

  • summer

    An alle, die sich hier schon quasi lustig darüber machen, wie es „Andreas“ tatsächlich gehen mag und hier so quasi eine Ferndiagnose stellen, weil sie ja möglicherweise voll ausgebildete PsychologInnen sind, nur Folgendes:
    1. Es handelt sich um eine Krankheit, die multiorganische Schäden anrichten kann. Da mögen Blut- und Lungenwerte, meinetwegen auch Lungenvolumen in Ordnung sein, und dennoch können diese beschriebenen Symptome auftreten.
    2. Selbst wenn das Virus oder die Erfahrung der Krankheit Panikzustände auslösen könnte, egal ob eingebildet oder echt erfahren, sagt das ja auch genug aus, welche seelischen Schäden diese Krankheit anrichten kann.
    3. Das Virus mit seinen Folgeschäden ist aufgrund der Neuartigkeit bisher nicht auf seine Folgeschäden oder Langzeitwirkung untersucht, was ja auch zeitlich nicht möglich war/ist.
    Deshalb würde ich vorschlagen, dass manche Kommentare hier kritisch zu bewerten sind, weil sie den nötigen Respekt vor der betroffenen Person fehlen lassen.
    Natürlich bin ich selbst strikt gegen einen weiteren Lockdown, denn einer hat mir gereicht, und ich werde mich nie mehr einsperren lassen, denn was bitte, sind die Alternativen?
    Entweder das Risiko einer Infektion in Kauf nehmen und erkranken, oder seelisch ohnehin draufzugehen: entweder durch einen weiteren Lockdown daheim (wirtschaftlich durch einen weltweiten Ruin) seelisch draufzugehen oder durch die Folgeschäden nach überstandener Krankheit draufzugehen.
    Die Alternativen sind also alles andere als rosig. Da helfen die Kommentare der PseudopsychologInnen hier keinen Schritt weiter und bestätigen, wie recht „Andreas“ hatte, anonym zu bleiben.

  • n.g.

    @summerer in keinster Weise wollte zumindest ich mich über seine Beschwerden lustig machen. Ich bin kein Psychologe und kein Arzt Aber im Bericht selbst steht das es psychologische Ursachen haben kann und darauf bin ich eingegangen. Jetzt nehmen wir an es wäre wirklich psychologischer Natur und der Virus und damit verbundenen Beschwerden haben das ausgelöst dann musst du aber auch all diejenigen sehen die nicht an Covid erkrankt waren und durch die Angsmache und die Maßnahmen ähnkich und ander psychische Probleme bekommen haben. Und ich kenne selbst Einige und bin darum überzeugt das es da mehr Menschen getroffen hat als die *wenigen* die Folgeschäden von Covid haben.

  • n.g.

    @summerer… als Beispiel… 30% der Schweinegrippe erkrankten, deren Kinder, die in Isolation mussten haben nachgewiesen psychische Probleme entwickelt. Wieviel sinds dann bei Covid? Da war die Schweinegrippe ein Furz dagegen!

    • n.g.

      Und zum Thema Maßnahmen…. ich war nie gegen Masnahmen ich war gegen Lockdowns! Die Alternative wäre Die, dass wir strikten Abstand und meinetwegen auch Masken tragen hätten müssen. Gefärdete Persinen natürlich besser schützen aber dich nicht ei sperren. Denn hätte man die Maßnahmen STRIKT eingehalten wäre in 2 Wochen alles vorbei gewesen! Aber du siehst es hier sekbst… die Leugner machen was sie wollen und darum klappts nicht und dauerd Monate .. wrnn nicht Jahre jetzt!

  • ermelin

    Schon wieder alle „Experten“ versammelt…….Hauptsache irgendwas hinschreiben….der einzige sinnvolle Kommentar hier kommt von summer…und nicht von summerer….zio peppi….

  • summer

    @n.g.
    Es geht hier eben um weit mehr. Denn die psychischen Folgen der erkrankten und der nicht an Covid-19 erkrankten Personen sind sicherlich erst in der Zukunft richtig abzuschätzen. Schon jetzt springt die Suizidrate nach oben, ich will nicht wissen, wie dies im Spätherbst aussehen wird, wenn langsam die ganzen Schäden der Wirtschaft offenbar werden in Form von konkursen und Entlassungen bzw. Arbeitslosen.
    Auch ich bin kein Arzt und kein Psychologe, deshalb verwehre ich mich hier gegen so manche PseudowissenschaftlerInnen.
    Ich weiß nur für mich, egal ob aus wirtschaftlichen, pandemischen oder lebensgefährlichen Gründen von Risikogruppen: ich lasse mich nicht mehr einsperren, sollte ein zweiter Lockdown kommen.
    Denn seien wir uns ehrlich: wieviel Sozialstunden musste der Cavaliere mit nachgewiesenen milliardenschweren Steuerbetrug im Altersheim machen, ohne Hausarrest oder Gefängnis?
    Also ich werde mich nicht mehr einsperren lassen, selbst wenn sie in jedem Dorf 50 Soldaten 24h auf 24h stationierten.

  • n.g.

    @summerer ich glaube da scheint ein Missverständnis vorzuliegen! Ich bin ohne Einschränkungen ihrer Meinung! Ich weiss nicht ob sie den ersten Lockdown wollten , ich NICHT, aus selbigen Gründen! Ich war und bin für Maßnahmen aber eben nicht so drastische!

  • n.g.

    Und genau wie sie, denke ich, die Spätfolgen werden wir bald sehen und im schlimmsten Fall werden einigen die Haare dann zu Berge stehen was sie angerichtet haben!

Kommentar abgeben

Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

2020 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl - Alle Rechte vorbehalten. Impressum | DATENSCHUTZ & AGB | Cookie Hinweis

Nach oben scrollen