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Faschingsvirus

Das Faschingsvirus hat uns gezwungen, die Masken zu tragen. Das Virus braucht keine, weil es sich bereits als König mit „Corona“ verkleidet hat.

Inspirieren das Coronavirus und die Quarantäne die Künstler*innen zu neuen Werken? Wenn ja, zu welchen? Die Corona-Galerie der Tageszeitung sucht Bilder und fragt mit Marcel Proust und Max Frisch nach. Heute der Meraner Künstler Jakob de Chirico.

Wie geht’s?

Immer gut! Ich bin es gewohnt, viele Freunde sowie einige Feinde zu haben und das Virus macht mir keine Angst.

Wie ist Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Immer glücklich, sonst könnte ich künstlerisch nichts schaffen. Seit ich aufgehört habe in Aquarell zu malen, brauch ich nimmer weinen, um die Farben mit Tränen zerfließen zu lassen.

Welches Buch lesen Sie gerade?

„Grüß Gott, Hollywood. Mein Leben zwischen Heimat und Rock ‚N‘ Roll“ von Harold Faltermeyer.

Was ist Ihre erste Erinnerung?

Im Innsbrucker Kindergarten – nach der Befreiung – als mich Tante Rosi (unsere junge Tante, die in der Nazizeit nicht unterrichten wollte) mit der Ziehharmonika in den Raum lockte. Sie spielte „Bandiera Rossa“ – das Lied hatte mir die Schwester meiner Mutter beigebracht, um meinen faschistischen Vater zu ärgern. Ich ging hinein und sang das Lied.

Was wollten Sie als Kind werden?

Zum Ärger meines Innsbrucker Volksschullehrers, ohne zu wissen, was Kunst ist, malte ich abstrakte geometrische Formen. Z.B. zwei Fechter. Erst in der Brixener Lateinmittelschule kam ich mit der modernen Kunst  in Verbindung.

Jakob de Chirico (Foto: Helmut Marchetti)

Warum sind sie Künstler geworden?

In Klausen lebte Heiner Gschwendt und dieser sprach begeistert mit meinem Vater: Er sollte mich auf die Akademie schicken. Keine Chance!

Bereuen Sie diese Entscheidung manchmal?

Wie ein Musiker, bereue ich nicht, meinen Weg selber eingeschlagen zu haben.

Wenn Sie nicht Künstler wären, wer oder was möchten sie sein?   

Ich war auch Schlagzeuger, aber Farben und Formen für die Augen, Rhythmus und Melodie für die Ohren, sind nicht dasselbe, wenn auch John Cage beides vermischte. Mein Talent hat mehr mit dem Sehen zu tun.

 Welche/r Künstler/in hat Sie am meisten beeinflusst?

Vor dreißig Jahren in Köln, Louise  Bourgeois.

Welches künstlerische Werk hätten Sie gern selbst gemacht? 

In den ersten Jahren des XX. Jahrhunderts, die Rosta-Fenster von Majakowski und der anderen Künstler im LEF.

Welchem/r Künstler/in möchten Sie gerne begegnen?

Den Künstler/innen und Handwerker/innen des „Blauen Reiters“ und dem Theoretiker Johannes Itten.

Was würden Sie ihn/sie fragen?

Ob sie heutzutage genauso gegen den aufkommenden Faschismus kämpfen würden.

 Zweifeln Sie manchmal an der Kunst?

Kunst und Kultur – wenn sie ehrlich sind – sind immer ein Zeichen der Zeit. Warum sollte ich daran zweifeln? Dabei meine ich die revolutionäre Kunst.

Was nervt Sie an der Kunstwelt?

Eigentlich nichts, sobald sie ausgestellt wird. Da kann man sehen – in der Dialektik – wer in der heutigen Zeit lebt und wer in der Vergangenheit.

Was vermissen Sie in der Quarantäne am meisten? 

Ich bin gerne in Südtirol. Die Welt ist aber heutzutage global und man kann es sich nicht leisten immer nur ein „verwurzelter Tiroler“  zu sein (Paul Flora).

Verändert  die Quarantäne Ihre Kunst oder machen Sie weiter wie bisher?

Ich habe immer auf die Wirklichkeit und Ihre dauernden Veränderungen reagiert. Die Quarantäne ist ein wichtiger Teil unserer Zeit, unseres Lebens. Man kann nicht so tun, als wären wir frei. Auch auf den Faschismus reagierten die demokratischen Künstler mit ihren Ausdrucksmitteln.

Ist die Corona-Pandemie ein Thema Ihrer Kunst oder halten Sie sie davon frei?

Die Corona-Pandemie hat mir die Bewegungsfreiheit genommen. Es genügt mir nicht ausschließlich die „geistige“ Freiheit. Das „Faschingsvirus“ hat uns gezwungen, die Masken zu tragen. Das Virus braucht keine, weil es sich bereits als König mit „CORONA“ verkleidet hat.

Wovor fürchten Sie sich?

Es wäre langweilig, wenn das Leben immer gleich wäre. Wir leben in einer Zeit  der großen Veränderungen und die Pandemie gehört auch dazu. Das Leben war auch in der Vergangenheit immer ein Kampf.

Was fehlt Ihnen zum Glück? 

Solange ich lebe, fehlt mir nichts.

Was ist für Sie das größte Unglück?

Glück und Unglück gehören zum Leben. Manchmal mehr Glück, manchmal mehr Unglück.

Möchten Sie gerne reich sein?

Wohnung, Geld zum Überleben und zum Reisen/Ausstellen genügen mir.

Welche Hoffnung haben Sie schon aufgegeben?

Keine! Ich warte nur, bis die Viruszeit vergeht.

Welches ist Ihr liebstes Vorurteil?

Ich habe keine Vorurteile, solange die Demokratie herrscht. Diktatur und Krieg hasse ich.

Lieben sie jemand?

Immer, sonst würde ich das Zusammenleben nicht vertragen.

Sind Sie sich selbst ein/e gute/e Freund?

Ich würde nie Selbstmord begehen.

Was würden Sie an Ihrem Äußeren am liebsten ändern?

Ich betrachte mich nie in den Schaufenstern.

Was ist Ihr größter Fehler?

Meine Selbstsicherheit.

Was verabscheuen Sie am meisten?

Den Polizeistaat.

Wie alt möchten Sie werden?

Solang ich ohne Stock gehen kann.

Wie möchten Sie sterben?

Ganz natürlich, aber ohne lange Krankheit.

Glauben Sie an die Wiedergeburt?

Ich bin glücklich hier auf Erden und weiß nicht, warum ich das Abenteuer eines neuen Lebens riskieren soll.

 

Zur Person

Jakob De Chirico, 1943 in Innsbruck geboren, besuchte die Kunstschule St. Ulrich, danach die Kunstakademie München (Diplom bei Günther Frühtrunk). Seine Kunst war von Beginn an politisch geprägt, in poetischen Provokationen und künstlerischen Performances bekämpfte er Kulturverbote, Engstirnigkeit, kirchliche und mediale Übermacht und setzte sich für ein interethnisches Zusammenleben ein. Zusammen mit Franz Pichler wurde er während der Besetzung der „Montedison“ in Sinich zum bildnerischen Sprachrohr der Arbeiterbewegung, später auch der Besetzung des „Tabakomopols“ in Bozen. Beeinflußt von der Fluxusbewegung hat er Kunst stets als kreative Kraft der Weltveränderung verstanden und praktiziert. Zu seinen bekanntesten Aktionen zählt eine Performance, die er 1992 vor dem damaligen Kulturassessor Bruno Hosp anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Positionen“ aufführte. Aus Protest gegen die Kulturpolitik schüttete er vor dem Assessor einen Sack mit einer Million Lire in Münzen aus. Sein umfangreiches Werk aus Malerei, Zeichnung, Plakaten, Flugblättern und Druckgraphiken ist im Museion und zahlreichen anderen Institutionen vertreten und wurde in zahllosen Ausstellungen in Italien und im Ausland präsentiert.

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