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„Keine Maske unter 6“

Ist ein Mundschutz für Kleinkinder gefährlich? War es richtig, die Corona-Maßnahmen früher zu lockern? Und warum sterben Männer häufiger als Frauen? Fragen an den Münchner Infektionsmediziner Thomas Löscher.

Tageszeitung: Herr Dr. Löscher, Südtirol hat sich Ende April dazu entschieden, bei den Lockerungen einen eigenen Weg zu gehen, schneller als von Rom verordnet. Meine Frage an Sie: War das die richtige Entscheidung?

Thomas Löscher (Facharzt für Innere Medizin, Infektions -und Tropenmedizin): Nach den aktuellen Informationen des „Istituto superiore di Sanità“ und der Autonomen Provinz Bozen gehört Südtirol zu den weniger stark betroffenen Regionen in Italien. Zudem hat die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen und Todesfälle in den letzten Wochen deutlich abgenommen und die exponentielle Wachstumskurve der Epidemie konnte erfolgreich gebremst werden. Daher scheinen Lockerungen gerechtfertigt, auch wenn dies in anderen, wesentlich stärker betroffenen Regionen Italiens nicht bzw. noch nicht angebracht erscheint. Erst vor ein paar Tagen gab es wieder einen Anstieg von Covid-19-Toten in Italien – und das nachdem mehrere Corona-Beschränkungen gelockert wurden. Wichtig ist die Meldezahlen genau zu beobachten.

Italien ist ja mit am schlimmsten von der Corona-Pandemie betroffen. Mehr als 32.000 Menschen sind bislang an Covid-19 gestorben. Nach wie vor fragen sich viele, warum es Italien so schwer getroffen hat. Haben Sie dafür eine Erklärung?

In Norditalien gibt es relativ viele chinesische Arbeitskräfte, die vor allem rund um Mailand und in der Lombardei in Textilfabriken arbeiten. Es kann also gut sein, dass es deswegen initiale mehr importierte Infektionen gab. Dann ist auch auffällig, dass doppelt so viele Männer wie Frauen in Italien gestorben sind. Rund 70 Prozent der Corona-Todesopfer in Italien sind Männer. In anderen Ländern sterben auch mehr Männer, aber da ist der Unterschied nicht ganz so extrem. Und etwa die Hälfte der Todesfälle war 80 und älter. In Italien leben im Vergleich zu anderen Ländern viel mehr ältere Menschen. Hinzu kommt, dass in Italien mehrere Generationen in einem Haus leben. Das heißt, Italien könnte deswegen so stark vom Coronavirus betroffen sein, weil dort anfällige ältere Menschen im viel engeren Kontakt mit Jüngeren leben als in anderen Ländern.

Warum sterben Männer häufiger an Covid-19 als Frauen?

Vor allem in Italien sterben mehr Männer (70 Prozent). Dieser Unterschied ist jedoch nicht überall so ausgeprägt. In Deutschland zum Beispiel sind nur 56 Prozent der Verstorbenen Männer. Die Gründe hierfür sind nicht ganz klar. Ein möglicher Grund dafür ist das Rauchen, welches bei dieser Altersgruppe (Durchschnittsalter der Todesfälle in Italien ca. 80 Jahre) in früheren Jahrzehnten in Italien wohl deutlich häufiger bei Männern ein Thema war als bei Frauen. Generell rauchen dort auch mehr Männer als Frauen. Und man weiß mittlerweile auch, dass für Raucher das Risiko an Covid-19 zu erkranken doppelt so hoch ist.

Was viele interessiert: Kann man sich tatsächlich für eine gewisse Zeit nicht mehr anstecken, wenn man Covid-19 einmal durchgemacht hat?

Man kann mit einer hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass eine durchgemachte Infektion mit oder ohne Erkrankung eine Immunität hinterlässt. Es gibt Experimente mit Rhesusaffen, die infiziert wurden und auch erkrankt sind. Kurz nach der Infektion konnten die Forscher dann im Blut der Tiere Antikörper gegen Covid-19 nachweisen. Später hat man sie mit derselben Dosis des Coronavirus in Kontakt gebracht und diesmal zeigten sie keine Symptome. Das Virus konnte weder in Stuhlproben noch im Nasenrachen nachgewiesen werden. Sie sind also immun. Wie lange diese Immunität aber anhält, weiß kein Mensch. Dafür ist es noch viel zu früh.

Auf der ganzen Welt wird fieberhaft nach einem Medikament gegen das Coronavirus gesucht. Auf dem antiviralen Wirkstoff Remdesivir, der gegen Ebola entwickelt wurde, ruhen viele Hoffnungen. Denn erste Ergebnisse aus den USA waren vielversprechend. Kann man hier bereits von einem Durchbruch sprechen?

Nein, bislang nicht. Die notfallmäßige Zulassung durch die FDA halte ich für voreilig (Anm. der Red.: Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat am 1. Mai 2020 Remdesivir die Notfallgenehmigung erteilt). Die bei einer Pressekonferenz hierzu vorgestellten, sehr vorläufigen Teil-Ergebnisse einer laufenden Studie sind nicht überzeugend und eine publizierte chinesische Placebo-kontrollierte Studie zeigt keine Wirksamkeit von Remdesevir.

Warum sind sie nicht überzeugend?

Laut Pressekonferenz verkürzte Remedesevir im Vergleich zu Placebo die Zeit bis zum Abklingen der Symptome von durchschnittlich 15 Tagen auf 11 Tage. Die Sterblichkeit bei den Remdesevir-behandelten Patienten betrug 8 Prozent im Vergleich zu 11,6 Prozent bei der Placebo-Gruppe. Dieser Unterschied war jedoch statistisch nicht signifikant.

Im Netz kommen immer wieder Stimmen auf, die vor gesundheitlichen Folgen von Mundschutzmasken warnen. Weil die Luft beim Ausatmen nicht entweichen könne, steige der Anteil von Kohlendioxid im Blut. Ist das richtig?

Bei den normalen einfachen Mund-Nase-Schutzmasken (MNS) sehe ich kein Risiko. Dicht schließende Masken, wie etwa FFP2 oder FFP3, wie sie das Gesundheitspersonal zum Eigenschutz verwendet, erfordern vermehrte Atemarbeit und sollten von Menschen mit relevanten Atemwegserkrankungen, wie COPD (Chronische obstruktive Lungenerkrankung) nicht verwendet werden. Zudem ist das Arbeiten mit diesen Schutzmasken anstrengend und es müssen regelmäßige Pausen, alle ein bis zwei Stunden, eingehalten werden. Grundsätzlich gilt auch: Damit eine Maske ihren Zweck erfüllt, muss sie die ganze Zeit richtig auf Nase und Mund sitzen.

Und wie sieht es bei Kindern aus? Einige Eltern machen sich Sorgen. Im Netz machen Nachrichten die Runde, dass sich unter der Maske Kohlenstoffdioxid sammelt und dies zu einer Atemlähmung führen könnte…

Ja, für Kleinkinder ist ein Mundschutz gefährlich. Sie können diesen in den Mund bekommen, was zu einer Blockierung der Atemwege führen kann. Daher sollten Kleinkinder auch keine Masken tragen. Ab ca. sechs Jahren (Schulkinder) sollten Mund-Nase-Schutzmasken nach entsprechender Anleitung zum Gebrauch keine wesentlichen Probleme machen. Bei selbstgebastelten Mund-Nase-Schutzmasken ist auf unbedenkliche Materialien und gute Hygiene mit regelmäßigem Waschen bei 65 bis 90 Grad zu achten. Man sollte aber auf keinen Fall Staubsaugerfilter verwenden. Leider gibt es immer wieder Menschen, die aus Staubsaugerbeuteln Corona-Schutzmasken basteln. Davon ist dringend abzuraten. Viele Beutel enthalten Stoffe, die beim Einatmen gefährlich sind.

Also sollten Kinder unter sechs Jahren keinen Mundschutz tragen?

Genau.

Kommen wir zur Impfung: Gehen wir davon aus, dass 2021 ein Impfstoff gegen Corona verfügbar ist. Der wäre dann für Milliarden von Menschen von Interesse. Kann ein solcher Impfstoff überhaupt so schnell in dieser Masse produziert werden?

Dieser RNA-Impfstoff, der derzeit klinisch getestet wird und gegen Corona eingesetzt werden soll, kann in großen Mengen produziert werden. Ich glaube nicht, dass das ein allzu großes Problem sein wird.

In Italien steht auch im Raum, den Corona-Impfstoff, verpflichtend einzuführen. Wie sehen Sie das?

Die Pockenimpfung war weltweit eine Pflichtimpfung. Ohne die Pocken-Narbe am Arm wurde man in vielen Ländern gar nicht reingelassen. Das war eine wahnsinnig ansteckende Erkrankung. Das trifft ja auch auf Corona zu. In Italien gibt es ja schon länger eine Impfpflicht für Kinder. Das sehe ich eher kritisch, da Impfungen in der Regel freiwillig erfolgen sollten. Aber was die Impfung gegen Corona anbelangt, bin ich anderer Meinung. Diese sollte schon verpflichtend sein.

Warum?

Ein Impfzwang ist nur gerechtfertigt bei übertragbaren Krankheiten, die die öffentliche Gesundheit bedrohen, wie zum Beispiel die Pocken, und vielleicht auch Covid-19 – wenn es denn irgendwann einen wirksamen und gut verträglichen Impfstoff geben sollte.

Erhöht die Pandemie die Bereitschaft, sich auch gegen andere Krankheiten zu impfen?

Ja, insbesondere die Impfungen gegen Influenza und Pneumokokken. Impfstoffe gegen Pneumokokken waren vorübergehend nicht mehr verfügbar.

Warum?

Erstens lässt sich durch die Impfung gegen Influenza das Erkrankungsrisiko an dieser oft ähnlich wie COVID-19 verlaufenden Erkrankung reduzieren. Zweitens treten wie bei der Influenza in schweren Fällen häufig bakterielle Superinfektionen auf, zum Beispiel durch Pneumokokken, gegen die ebenfalls geimpft werden kann.

Jetzt noch die letzte Frage: Rechnen auch Sie – ähnlich wie das Robert-Koch-Institut- mit einer zweiten Corona-Welle?

Ja, das ist aus verschiedenen Gründen möglich: 1. Zu schnelle Lockerung der Maßnahmen, 2. Saisonaler Verlauf aus Gründen wie zum Beispiel bei der Influenza (Temperatur- und UV-Empfindlichkeit des Virus) mit erneuter Welle im nächsten Herbst/Winter. Die Bedingungen für eine Infizierung und eine Erkrankung sind im Herbst günstiger als im Sommer. 3. Änderung des Virus, so dass die Immunität nicht mehr schützt.

Interview: Eva Maria Gapp

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