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Risikoeinschätzung

Valeria Told: Eine Risikoeinschätzung für Musiker kommt zum Ergebnis, dass bei Blasinstrumenten ein Mindestabstand von 3-5 Metern eingehalten werden soll, bei Streichinstrumenten 1,5-2 Meter.

Die Stiftung Haydn hat die Krise ohne Rückgriff auf den Sozialfonds bewältigt und arbeitet an der Wiederaufnahme des Spielbetriebes. Ein Gespräch mit der Generalsekretärin Valeria Told.

Tageszeitung: Frau Told, für das Haydn-Orchester war der Schock zweifellos, als ein Musiker Anfang März positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde. Wie ist die Geschichte ausgegangen?

Valeria Told: Glücklicherweise ist der Musiker gesundet und alle sind wohlauf. Auch dank der sofortigen Unterbrechung aller Tätigkeiten ist im Orchester kein weiterer Fall aufgetreten.

50 Orchestermitglieder mussten sich in Quarantäne begeben. Sind sie freiwillig gegangen?

Wir informierten umgehend alle Beteiligten der Oper „Toteis“, für die damals gerade geprobt wurde – also Musiker, Dirigent, Solisten, Regieteam, Techniker und Verwaltungsmitarbeiter -, und alle begaben sich freiwillig in Isolation. Nach den notwendigen Überprüfungen ordnete der Sanitätsdienst dann den Musikern und anderen Mitarbeitern eine verpflichtende häusliche Quarantäne an.

Wie ist die Stimmung im Orchester während der Zwangspause?

Die Stimmung schwankt: Von Wertschätzung der intensiven Beschäftigung mit dem eigenen Musizieren über Entdeckergeist beim Ausprobieren von neuen Möglichkeiten bis hin zu Frustration, weil das Zusammenspiel, das gemeinsame Erschaffen und Erleben von Musik fehlt, ist alles dabei. Ganz besonders bricht immer mehr die Sehnsucht durch, unserem Publikum wieder nahe sein zu dürfen, um die Herzen und Sinne mit den Klängen ihrer Musik zu verzaubern.

Die Stiftung Haydn hat die Krise ohne Rückgriff auf den Sozialfonds bewältigt. Wie war das möglich?

Möglich machte dies vor allem der ungebrochene Willen aller, weiter Musik zu machen und nach vorne zu schauen. Der Sozialfonds hätte bedeutet, dass alle Musiker isoliert und untätig bleiben. Jetzt haben wir eine vertragliche Regelung mit den Gewerkschaften getroffen, die es uns ermöglicht, Know-how und Kompetenzen im Bereich neuer Technologien anzueignen, um die digitale Transformation zu meistern, beispielsweise auch online Solo- und kammermusikalische Auftritte der Musiker zu planen und mit neuen Formaten zu experimentieren.

Wie schauen die Szenarien zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs aus? Was ist beim gegenwärtigen Wissensstand überhaupt denkbar?

Der Tätigkeitsplan zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs berücksichtigt natürlich die Sicherheitsbestimmungen für Musiker und Publikum. Die Säulen des Plans sehen grob skizziert Online-Initiativen, kleine Ensembles vor großen, Open Air vor Indoor, kleine Säle vor großen und den Wiederaufbau des Orchesterklang vor. Den Start machen wir mit exklusiven Videos für unsere Abonnenten, das soll ein Ausdruck unserer Dankbarkeit und Wertschätzung sein. Viele von ihnen unterstützen uns und verzichten auf die Rückerstattung ihrer Abonnementraten. Zudem engagieren wir uns im didaktischen Bereich mit interaktiven Musikquizzen für unsere jüngsten Klassikfans. Kommende Woche startet dann am Dienstag ein wöchentlicher Online-Aperitif, bei dem unsere künstlerischen Leiter Wissenswertes zu wichtigen Werken der Musikgeschichte und dazu persönliche Anekdoten erzählen. Unsere Musiker tragen dazu live musikalische Gustostücke vor. In den Sommermonaten geht es dann hoffentlich mit Open-Air-Auftritten weiter.

Ab wann darf das Orchester wieder proben und wie?

Im Moment planen wir, das gesamte Orchester in seiner ursprünglichen Formation im Herbst wieder zu vereinen. Dann werden wir zunächst vier bis sechs Wochen reine Probenzeit haben, um den Klang wieder zu formen. Nach so vielen Monaten des isolierten Musizierens wird diese Phase der Gruppenfindung, Vertrauensbildung und Orientierung die Basis sein, um zu unserem Qualitätsstandard zurückzufinden.

Wie ist es mit Dirigenten und Gastmusikern? Ab wann dürfen die einreisen?

Die Lage ist derzeit noch sehr unsicher – jedes Land schafft eigene Regeln. Auch deshalb konzentrieren wir uns vorerst auf künstlerische Tätigkeiten, die wir mit unseren internen Ressourcen durchführen können. Gastmusiker und Dirigenten wollen wir vorerst aus Italien holen und ab Herbst planen wir dann, wieder mit internationalen Gästen zusammenzuarbeiten.

Können Sie sich ein Orchester mit Mundschutz und mit vorschriftsmäßigem Abstand zueinander vorstellen?

Die Hochschule für Musik Freiburg hat kürzlich eine Risikoeinschätzung einer Coronavirus-Infektion für die Berufsgruppe der Musiker veröffentlicht. Angesichts der hauptsächlichen Übertragung des Virus über die Luft kommt die Studie zum Ergebnis, dass bei Blasinstrumenten ein Mindestabstand von 3-5 Metern eingehalten werden soll, bei Streichinstrumenten 1,5-2 Meter. Formationen sollen also im Moment möglichst klein und Probenräume möglichst groß gehalten werden. Alternativ dazu kann das Aufstellen von Plastiktrennwänden – wie die bei uns bereits häufig eingesetzten Schallschutzwände – das Risiko reduzieren. Wir behalten auch die Möglichkeit von Tests vor Probenbeginn im Auge, sollten solche dann zur Verfügung stehen.

 Wird es ab Herbst mehr Konzerte geben, weil Termine nachgeholt werden?

Vermutlich werden wir im Herbst kürzere Konzertformate haben und diese mehrmals am Tag wiederholen. So könnten wir bei einer begrenzten Theaterauslastung möglichst vielen Zuhörern den Konzertgenuss ermöglichen. Einige Dirigenten, deren Konzerte in der vergangenen Saison ausgefallen sind, haben wir für die kommenden Spielzeiten verpflichtet. Ähnlich verhält es sich mit unseren ausgefallenen Opernaufführungen: wir versuchen diese auf die nächsten Saisonen zu verlegen.

Wie wird sich die Musikwelt mit Corona verändern?

Wir und viele andere machen gerade einen Quantensprung, was den Umgang mit digitalen Technologien betrifft. Hürden werden sowohl bei den Künstlern als auch bei den Zuhörern abgebaut. Der Kern der klassischen Musik bleibt im Live-Erlebnis verankert: Diese Faszination wird auch Post-Corona bleiben und Menschen auf der Bühne und im Publikum zusammenführen, um gemeinsam die Magie der Musik zu erleben.

Interview: Heinrich Schwazer

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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