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Augen als Ansteckungsquelle

Sind Tränen von Infizierten ansteckend? Kann eine Bindehautentzündung auf Covid-19 hinweisen? Der Augenarzt Philipp Überbacher klärt auf.

von Eva Maria Gapp

Rund um das neuartige Coronavirus herrscht nach wie vor viel Unsicherheit. Täglich erlangen Ärzte und Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die Lungenkrankheit. So wurde erst vor kurzem bekanntgeben, dass das neue Coronavirus in Tränen nachgewiesen wurde. Seitdem sind viele verunsichert.

Ist eine Coronavirus-Infektion damit auch über das Auge möglich? Sind Tränen ansteckend und damit gefährlich? Kann eine Bindehautentzündung ein Hinweis auf eine Covid-19-Infektion sein?

Die TAGESZEITUNG hat beim Bozner Augenarzt Philipp Überbacher nachgefragt.

„Ich kenne diese Studie, die im Fachmagazin „Annals of Internal Medicine“ publiziert wurde. Forscher des römischen Krankenhauses „Spallanzani“ haben bei einer 65-jährigen Patientin, die unter anderem eine beidseitige Bindehautentzündung hatte, einen Augenabstrich gemacht. Dabei haben sie das neue Coronavirus nachweisen können. Das heißt, Augen können nicht nur Eintrittspforte für das Virus sein, sondern unter Umständen auch eine potenzielle Ansteckungsquelle. Denn auch bei der Bindehaut des Auges handelt es sich um eine Schleimhaut, an der sich das Virus leicht anhaften kann“, so Überbacher. Es ist somit auch möglich, sich über die Augen mit dem Coronavirus anzustecken.

Gleichzeitig konnten die Wissenschaftler aus Rom zeigen, dass sich das Virus auch in den Bindehäuten vermehren kann. „Grundsätzlich ist das möglich. Das Virus kann sich neben den Schleimhäuten des Rachenraumes auch in der Schleimhaut des Auges, der sogenannten Bindehaut vermehren, da es dort ideale Bedingungen vorfindet.“

Außerdem zeigt die Forschung – so Überbacher – dass Augenabstriche positiv sein können, auch wenn die Proben im Rachen keine Spuren des Virus mehr aufweisen: „Das Virus konnte bei der Patientin auch noch 20 Tage nach dem ersten Abstrich und erstaunlicherweise fünf Tage nach einem negativen Rachenabstrich nachgewiesen werden“, erklärt er.

Sind damit auch Tränen ansteckend? „Bisher konnte nur die RNA, also das genetische Material des neuen Coronavirus in der Tränenflüssigkeit von einigen Patienten nachgewiesen werden. Somit ist eine Ansteckung über das Auge auch möglich.“ Das werde aber Gegenstand weiterer Studien sein. „Ob das Virus auch über die Tränenflüssigkeit zu Ansteckungen führen kann hängt sicherlich von der Viruslast im Tränenfilm ab“, fügt Überbacher hinzu.

Außerdem stellt der Augenarzt Überbacher klar: „Es besteht kein Anlass zur Sorge, wenn jemand unter einer Bindehautentzündung leidet. Sie ist kein Hinweis auf eine Coronavirus-Infektion und auch kein typisches Symptom des neuen Virus.“ Menschen, die an Symptomen wie Jucken, Brennen oder Rötungen leiden, sollten also nicht sofort auf eine Corona-Infektion schließen – vor allem dann nicht, wenn die typischen Coronavirus-Symptome wie Husten oder Fieber nicht auftreten.

Laut Überbacher ist es weiterhin wichtig, die Hygienevorschriften einzuhalten und sich nicht mit den Händen ins Gesicht und damit auch in die Augen zu fassen. „Denn sonst besteht die Gefahr, dass das Virus über die Bindehaut eintritt.“ Außerdem ist weiterhin ein Mindestabstand von einem Meter einzuhalten – auch mit Mundschutz.

Für den Augenarzt Überbacher hat sich durch das Coronavirus auch einiges verändert. Eine Zeitlang war die Praxis geschlossen, seit Kurzem ist sie wieder geöffnet. Jedoch unter strengen Vorschriften und Auflagen: „Es gilt Maskenpflicht für alle und wir Ärzte tragen eine spezielle Schutzkleidung. Wir desinfizieren nach jedem Patienten unsere Instrumente, Begleitpersonen dürfen nicht mit zur Untersuchung. Außerdem werden nur wenige Patienten einbestellt, um einen freien Wartebereich zu ermöglichen“, erklärt er. Grundsätzlich sei es allen Patienten gestattet in die Praxis zu kommen. Doch laut Überbacher sollte man derzeit nur bei Schmerzen, zur Kontrolle von chronischen Augenerkrankungen (zum Beispiel Grauer Star) oder bei auftretenden Sehverschlechterungen zum Augenarzt gehen. „Außerdem animieren wir vor allem ältere Patienten nur bei dringender Notwendigkeit zu uns zu kommen.“ Und am Telefon werden bereits Patienten herausgefiltert, bei denen sie merken, dass es sich um einen Notfall handeln könnte.

Das Ganze sei mit einem beträchtlichen zeitlichen und organisatorischen Mehraufwand verbunden, diene aber der Sicherheit der Patienten, der Angestellten und der Ärzte. „Von Vorteil ist sicherlich auch, dass wir über moderne diagnostische Instrumente verfügen, bei denen ein direkter Augenkontakt nicht mehr notwendig ist. Dadurch wird das Ansteckungsrisiko so klein wie möglich gehalten. Beispielsweise können wir den Augeninnendruck ohne das Auge zu berühren über einen Luftstoß messen“, erklärt Überbacher.

Er geht davon aus, dass uns dieser Mehraufwand an Hygiene und Sicherheitsvorkehrungen noch über einen längeren Zeitraum erhalten bleiben wird. „Zu hoffen bleibt, dass die bisher erzielten Erfolge nicht leichtfertig verspielt werden und dass sich jeder einzelne von uns bewusst ist, dass es auf seine Mitarbeit ankommt, auch wenn dies bedeutet, auf alte und geliebte Gewohnheiten noch länger verzichten zu müssen“, so Überbacher abschließend.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (2)

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  • robby

    Ab sofort also auch Schutzbrille tragen..
    Ich überlege mir gerade die komplette Taucherausrüstung samt Taucherbrille inklusive Sauerstoffflaschen zu tragen. Natürlich noch eine Gesichtsmaske vor dem Lungenautomaten wo die ausgeatmete Luft herauskommt.

  • emma

    gibts da auch eine „taucherpolizei“? welche unter wasser zirkulierende kontrolliert,
    kònnte ja jemand iunter der adige die grenze passieren

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