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Hansguckindenäther

Gerd Sulzenbacher (Foto: Mathias Müller, Neuberg, 2018.)

Hansguckindenäther

 Von Gerd Sulzenbacher

Da ich gewohnheitsgemäß zuhause schreibe, ändert die jetzige Situation, zumindest hinsichtlich des Schreibens, nicht wirklich etwas. Höchstens, vielleicht, unwirklich etwas? Denn was die Veränderungen des Lebensalltags betrifft, glaube ich nicht, dass die Schreibenden etwas wesentlich Anderes zu berichten haben als das, was die allgemein sanktionierte Wahrnehmung bereits veranlasst. –– Von einem möglichen Bericht über das Teekochen, einem Bericht über den Fensterblick, einem Bericht über das Zubettgehen kann also einmal abgesehen werden. Bericht, Bericht. Bericht ist hierfür, was es geben soll, womöglich die falscheste Form. Noch in der Volksschule hat man gelernt einen Erlebnisbericht zu schreiben und zu wissen, was das heißt. Wie verlernt man das wieder? Wie verlernt man irgendwas wieder? Wie geht die Schule des Nichtsverstehens nochmal? Ich denke daran, an die frühe Schul- und Lernzeit, da ich wieder, anfänglich wie dazumal, mit dem spitzen Bleistift das Aufschreiben übe; und langsam etwas zustande kommt, sich ein Leben einheimst, und ein anderes links liegen lässt; zeitvertreibend. –– Diese Zeit des Zuhausebleibens ist für viele, vielleicht erstmals seit Langem wieder, Lesezeit; und Buchhandlungen, höre ich im Radio, die mitunter auf Bestellung liefern, hätten zu tun wie sonst nur in der Vorweihnachtswoche. Diese Serie für die Südtiroler Tageszeitung hat, wenn ich das richtig oder nicht falsch verstanden habe, also den Sinn, in der Zeitung vom Schreiben zu lesen. Was umgekehrt, denke ich, mit-meinen könnte, vom Lesen zu schreiben. Von dem, was man gemeinhin, doch ganz eigentlich und auch im Speziellen tut. Leseerfahrungen, erlesenes Leben. (Es soll sie ja geben, Leute die vom Lesen leben.) Aber. „Was nützt es mir, daß ich mich fallen lasse? ich werde ja doch nicht so sehr den Kopf verlieren, daß ich nicht fallend die Fallgesetzte studiere.“ (Hugo Ball, Flucht aus der Zeit) Also während wir zuhause sind und lesen und die Nachrichten sich wiederholen, grassiert im Netz das selbstgerechte Denunziantentum. Auf facebook-Seiten werden Fotos von Regelbrecher*innen veröffentlicht, die man dort regelrecht–?, regelfalsch an den Pranger stellt; tausend Hasskommentare folgen. Eine Gesinnung macht sich breit die totalitäre Züge aufweist, Selbstjustiz wird begrüßt, insgesamt Kulturtechniken, die unserer vorgeblich modernen Gesellschaft (einer, die sich für eine solche hält) nicht gerecht sind. Während wir zuhause sind und lesen, und schreiben, und lesen was geschrieben steht. Nur Unwirkliches, das uns nicht betrifft? –– Demgegenüber: „dass das zu schreibende ein anderes wäre / so wie das andere das zu schreibende ist“ (Reinhard Priessnitz, der blaue wunsch). Dass das zu Schreibende, jetzt, ganz eigentlich und vielmehr in einem Wegfall besteht, als in dem, was unsereinem, unsereiner, unsereinen auffällt? Und was fällt uns eigentlich ein? Also das Nichtstun, auch das, mit dem man herinnen zuwege zu kommen hat. Diesbezüglich vermehrt die Wendung gehört: dass einem (nicht) die Decke auf den Kopf fällt. Was heißt: Luftsprünge sind unerwünscht. –– Man hat endlich alle Zeit der Welt. –– Und ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, dass ich gestern erst, noch bevor ich den Tee aus der schönen mit einem Blattornament geschmückten Tasse trank, minutenlang, die lang wie halbe Stunden waren, in die duftenden Dampfschwaden hineinsah, die ergötzlich überm Tassenrand aufstiegen. Und mich erinnerte, schon wieder, zurück von der lieben Geistesabwesenheit, dass ich dergleichen unzureichende Zustände, Zustände ohne Zuständigkeitsbereiche, oftmals nur im Kindesalter erlebte und dass sie sich damals eben auch und gerade im Hinschauen mir ereigneten, in demjenigen das eigentlich nichts wirklich in den Blick nimmt, ein unabsichtliches, eines das vom Blick absieht. Denn man sieht das Unsichtbare nicht. „Abschauen, gleichmachen und dem lieben Herrgott die Zeit stehlen. Niemals fertigwerden.“ (St. Nichtsnutz, Apokryphen) So oder so ähnlich machte ich damals wie heute (und gestern) der Umwelt meine heimlichen (oder offenkundigen?) und inhaltsfreien Zugeständnisse, während der Gegenstand der Anschauung allmählich wegfiel, ja, kurzeitig sogar verschwand. Habseligkeiten, die ich nie besaß. Und dann, dann immerzu narrisch hinstarren bis einem die Augen aus dem Kopf kugeln, und man einen „Sprouza“ beieinander hat, schönes Wort Sprouza. Das heißt, ich sag es noch einmal, dass man für unbestimmte Dauer, also durch die Zeit, und ohne dabei etwas bestimmtes ins Auge zu fassen, also einmal von allem absehend, ungenau dreinschaut. Und ausschaut, ausschaut wie man ausschaut. Zustände sind das, das sag ich euch, worin man dem Leben vielmehr beiwohnt, als dass man es erlebte; und man wirklicht. Krone dieser Schöpfung: es kommt nichts dabei heraus. Eine-Keine-Krone.

Zur Person

Gerd Sulzenbacher, 1993 in Innichen geboren, studiert Kunstgeschichte und Sprachkunst. Veröffentlichungen in Zeitschriften, H.C Artmann Stipendium in Salzburgistan. Ein bisschen Theater und Performance, lebt und wohnt in Wien. Zuletzt erschienen (mit  Matthias Vieider): Die Reise nach Sils Maria.

Info

Die Sammlung der Texte, die Südtiroler Schriftsteller*innen zu und während der Quarantäne verfassen und als Reihe in der Südtiroler Tageszeitung publiziert werden, mündet in ein Lesefest von Literatur Lana. Zu Beginn des Sommers, hoffentlich, sollen die Kurzerzählungen, Essays, Gedichte oder Notizen in einem langen Reigen gelesen und mit ihnen ein Wiedersehen gefeiert werden. Das Projekt unterstützt Schriftsteller*innen in Zeiten von Corona.

,www.literaturlana.com,

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