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Zeit, dass es Zeit wird

Anne Maria Pircher (Foto: Manuela Tessaro)

Zeit, dass es Zeit wird

Von Anne Marie Pircher

Corona. Paul Celans Gedicht. Stille, die mir nicht fremd, sondern vertraut ist. Freundschaft geschlossen mit dem Allein-sein. Mit der Welt in der Welt in der Welt. Beata solitudine. Kalte Nächte. Sommerwarme Tage. Die Tür muss nicht geschlossen werden. Es schließt von allein. Der Weg in die Freiheit führt nach innen. Wie so oft. Dort, in den Träumen, wird noch immer getanzt, sind wir viele.  Musik, die mich wachhält, mir langen Atem verleiht. Der Morgen ist da, aber anders. Die Magnolie blüht langsamer, die Drossel vor meinem Fenster gewinnt Zeit. Von Angesicht zu Angesicht. Es ist schwer. Es ist leicht. Die Wege sind kürzer, der Abstand enorm. Der Bus schaut hier kaum noch vorbei. Die Motorräder, sage ich, sind ausgestorben. Vom Virus zum Still-sein verdammt. Spaziergänger schießen wie Pilze. Aus meiner mit Hand gepflügten Erde geht Samen auf. Schnittsalat, dem ich Zeuge sein darf. Wie er sich teilt zur Krone. Corona, flüstere ich, du bist ein Gedicht. Die halbe Welt richtet sich nach dir. Der Himmel ist leer. Flugzeuge vom Radar verschwunden. Kein kritischer Ton weit und breit. Ich zähle die Stimmen an einer Hand. Es werden mehr, höre ich mich sagen. Was ist schon dabei am Allein-sein. Die Tage gehen auch so. Wir haben ja uns und das Leben. Aber die anderen. Dort. In den Zimmern wächst kein Salat. Schon gar nicht ein Baum. Der Vogel baut dort kein Nest. Kinder springen zur Not. Auf den Teppich, vom Tisch, übers Sofa. Was blüht ist ein Tanz mit der Faust. Blaue Veilchen. Vergissmeinnicht. Nein, wir sitzen nicht alle im selben Schiff. Lesen Zahlen und Wörter mit unterschiedlichem Blick. Die Gruppen und Grüppchen, sage ich. Was ist noch zu glauben. Der Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. Die anderen aber. Mondgestalten, die durch die Bildschirme laufen. Helden zwischen Leben und Tod. Ich öffne das Fenster. Mein Verlies ist auf einmal ein Schloss. Der Himmel so blau. Mein Haar so lang wie schon lange nicht mehr. Eine Fliege dreht sich im Kreis. Sie hat sich ins falsche Zimmer verirrt. Am Weg grüßen Fremde. Ich heb meine Hand zum Wink. Ich bin da. Den Eidechsen auf der Spur. Die Förster, sagt man, kontrollieren genau. Ich halte mich ans Dekret und wechsle die Sicht. Was ist schon dabei. Das Allein-sein über Jahre erprobt. Auch Ostern geht vorbei. Ich höre die Glocken genauer als sonst. Die Tauben am Morgen. Der Pfarrer, so sagt man, betet mit seiner Häuserin allein. Drei Klicks und schon bin ich live in der Welt. In Rom, wo der Papst die Geschichte neu schreibt. Den in Häusern versteckten Massen den Segen erteilt. In die Welt und zurück ist ein Leichtes. Ich trete hinaus vor die Tür. Der Schneeball wird von den Bienen gestürmt. Ich inhaliere den Duft. Das laue Gefühl. Den Geruchssinn also noch nicht verloren. Wer sagt mir, was kommt. Es wird Zeit. Die Sonne hört nicht mehr auf. Der Mensch ist ein Mensch. Aber der Stein. In den Herzen. Corona singt mir ein Lied. Ich höre die Stimmen, die kommen. Den Neid und die Hetzjagd und all das Banale. Ich lege die Kissen zurecht. Für den Traum, auf dem der Stein noch nicht liegt. Den Brief, den der Postbote bringt. Das Wort aus der Hand und zurück.

Es ist an der Zeit, sagt der Fluss. Ich hör seine Stimme von fern. Sein Rauschen ist mein Gedächtnis. Noch blüht mir kein Mohn. Ich gehe die Wege. Vom Zimmer zum Garten zur  Küche. Hin und zurück. Ich suche die Zeit, die mir zwischen den Fingern zerrinnt.

Mein Spiegel im Zimmer.  Sein Bild lächelt sanft: Vergiss die Zeit, werde zeitlos!

Zur Person

Anne Maria Pircher ist 1964 geboren und in Schenna/Südtirol aufgewachsen. Sie lebt und arbeitet in Kuens und Meran. Seit dem Jahr 2000 literarisch tätig. 2002 war sie Finalistin beim internationalen Literaturwettbewerb „Floriana“ in St. Florian/Linz. Sie ist Mitglied im Südtiroler Künstlerbund sowie der Südtiroler und Grazer AutorInnen-Vereinigung. Zuletzt erschienen: Das Haus meiner Mutter. Erzählung. Alpha beta, 2017.

Info

Die Sammlung der Texte, die Südtiroler Schriftsteller*innen zu und während der Quarantäne verfassen und als Reihe in der Südtiroler Tageszeitung publiziert werden, mündet in ein Lesefest von Literatur Lana. Zu Beginn des Sommers, hoffentlich, sollen die Kurzerzählungen, Essays, Gedichte oder Notizen in einem langen Reigen gelesen und mit ihnen ein Wiedersehen gefeiert werden. Das Projekt unterstützt Schriftsteller*innen in Zeiten von Corona.

,www.literaturlana.com,

 

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