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Wortort

Toni Bernhart (Foto: Alexander Gehring)

Wortort. Ein Aufenthalts- und Bewegungsprotokoll

Von Toni Bernhart

Sonntag, 23. Februar. Maschger in Prad. Einer der höchsten Feiertage im Jahr. Der Zoch springt alle Frauen und die Pfott springt alle Männer an. Bei mir zieht die Pfott zuerst den Gasthaustisch, an dem ich sitze, mitten in die Stube. Dann packt sie mich, wirft mich über ihre Schulter und knallt mich auf den Tisch und, rumms, rammelt sie mich durch. Wunderbar ist dieser alte Ritus und ich bin stolz, unter dem Beifall der versammelten Gasthausgemeinschaft von der Pfott geritten zu werden. Es war ganz richtig, an diesem Tag in Prad zu sein.

Montag, 2. März. Plausch am Morgen mit zwei Kolleginnen auf dem Flur in der Universität Stuttgart. Ich berichte freudig von meiner Urlaubswoche in Südtirol. Die beiden Frauen springen zurück an die Wand. Seltsam. Sonst gibt es freudiges Trara, wenn man erzählt, dass man in Südtirol war.

Donnerstag, 5. März. Von Montag bis Freitag bin ich auf der Jahrestagung des Verbands Digital Humanities in Paderborn. Heute ist ein langer Tag. Am Vormittag halte ich einen Vortrag über computergenerierte Gedichte von Theo Lutz und über stochastische Musiken von Wilhelm Fucks. Am Abend besichtige ich mit ein paar hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung die Benteler-Arena. Das ist die Heimspielstätte des FC Paderborn. Wir besichtigen die Mannschaftskabinen. Fotografieren ist erlaubt, erklärt der Trainer, der uns durch das Stadion führt, nur die ausliegenden Trikots dürfen wir nicht fotografieren. Fotos könnten die Mannschaftsaufstellung für das Spiel gegen den FC Köln am Tag darauf verraten. Die Besichtigung ist sehr interessant. Ich sehe das erste Mal in meinem Leben ein Fußballstadion von innen. Gleich darauf gibt es einen Empfang. Wir schlemmen am Buffet und trinken Sekt und Bier. Man flaniert durch die Halle und unterhält sich über alles mögliche. Am nächsten Morgen bei der Tagung sitzt hinter mir eine Kollegin aus Hamburg, die aus Bozen stammt. Sie wollte am nächsten Tag für eine Woche mit den Kindern auf den Karerpass zum Schifahren. Südtirol ist wohl bald Risikogebiet, sage ich zu ihr. Es ist schon Risikogebiet, sagt sie.

Samstag, 7. März. Zurück in Stuttgart. Nach den neuesten Regeln müsste ich in zweiwöchige Quarantäne. Eigentlich muss ich nach Bozen, weil ich hier im März Gastdozent an der Universität bin. Doch in Italien sind die Universitäten zu. Ich beschließe, noch am gleichen Abend nach Hause nach Berlin zu fahren. Ich fahre mit dem Auto. Die Autobahn quer durch Deutschland ist kaum befahren.

Montag, 9. März. Um 9 Uhr eine Mail von der Universität Bozen. Um 14 Uhr soll mein Unterricht beginnen. Helle Panik meinerseits. Ich habe weder Zugangsdaten zu den digitalen Plattformen, noch bin ich darauf vorbereitet, den Unterricht komplett online abzuhalten. Mein Stapel mit Büchern und Vorbereitungen liegt in Prad. Ein Informatiker der Universität nimmt mich telefonisch bei der Hand und nach einer halben Stunde ist alles installiert. In den verbleibenden drei Stunden setze ich mich hin und baue meinen Unterricht zur Online-Lehre um. Um 14 Uhr sitze ich meiner Gruppe Studierender am Bildschirm gegenüber. In den folgenden Wochen treffen wir uns regelmäßig in der virtuellen Aula. Ich bin erstaunt und gerührt, dass alles so gut funktioniert. Den Unterschied zur physischen Lehre empfinde ich als viel geringer, als ich dachte.

Donnerstag, 19. März. Nach wie vor bin ich in Berlin. Mein Vater wohnt in Südtirol in einem Altersheim. Seit zwei Wochen ist er in präventiver Isolation und darf von niemandem besucht werden. Was kann ich tun? Ich kann ihm jeden Tag über Video im Internet etwas vorlesen. Was soll ich lesen? Ich denke an die Märchen der Brüder Grimm. Doch ich entscheide mich für Literatur in Dialekt. Mir fällt ein, dass ich die beiden Bücher meiner Mutter Elsa Patscheider im Regal stehen habe. Sie enthalten hunderte von kurzen und längeren Geschichten. Ich klemme meine Kamera auf das Stativ, stelle mich vors Mikrophon und lese den ersten Text aus den „Olt-Graunr Gschichtn“.

Sonntag, 5. April. Ich telefoniere mit einem Freund in Mals. Er erzählt mir, dass er heute mit seinen Kindern spazieren war. Er erzählt mir, dass man sich im Vinschgau wundert und freut, dass es dort so wenige Fälle, wie man sagt, gibt.

Montag, 6. April. Mein wochenlang leergeräumter Terminkalender beginnt sich wieder zu füllen. Mehrere Online-Termine täglich sind nun Routine. Ich denke daran, wie glücklich ich mich schätzen muss, dass ich meine Arbeit von zu Hause machen kann. In der Mittagspause stelle ich mich vor die Kamera und lese die nächste Geschichte aus den „Olt-Graunr Gschichtn“. Der Ausgang ist offen.

 

Zur Person

Toni Bernhart, 1971 in Meran geboren, lebt in Stuttgart und Berlin. Er ist Universitätsdozent für Literaturwissenschaft an der Universität Stuttgart und Autor der Stücke „Aeneis. Nach Vergil“ (2016), „Rita“ (2014), „Gschmugglt weart nicht mea“ (2011), „Martinisommer“ (2006), „Langes afn Zirblhouf“ (2002) und „Lasamarmo“ (1999). Im Herbst 2019 erschien sein Buch „Volksschauspiele. Genese einer kulturgeschichtlichen Formation“.

Info

Die Sammlung der Texte, die Südtiroler Schriftsteller*innen zu und während der Quarantäne verfassen und als Reihe in der Südtiroler Tageszeitung publiziert werden, mündet in ein Lesefest von Literatur Lana. Zu Beginn des Sommers, hoffentlich, sollen die Kurzerzählungen, Essays, Gedichte oder Notizen in einem langen Reigen gelesen und mit ihnen ein Wiedersehen gefeiert werden. Das Projekt unterstützt Schriftsteller*innen in Zeiten von Corona.

,www.literaturlana.com,

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