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Corona erschwert Wettervorhersage

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Weil die Flugzeuge am Boden bleiben müssen, fehlen den Meteorologen wichtige Daten für ihre Wetterprognosen.

von Eva Maria Gapp

Den meisten ist es sicherlich schon aufgefallen: Kaum Wölkchen, kaum Kondensstreifen – so makellos azurblau hat man den Himmel lange nicht gesehen. Das liegt daran, dass die Corona-Epidemie den Flugverkehr weitgehend zum Erliegen gebracht hat. Was erst einmal positiv klingt, weil so weniger Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre gelangt, hat einen negativen Effekt: Den Meteorologen fehlen Daten, die normalerweise Flugzeuge liefern. Prognosen und Klimabeobachtungen werden dadurch viel schwieriger.

Das bestätigt auch der Landesmeteorologe Dieter Peterlin: „Wir haben es hier mit einem internationalen Problem zu tun. Weil der Flugverkehr weitgehend eingestellt ist, werden viel weniger Wetterdaten erhoben und somit nimmt die Zuverlässigkeit von Wettervorhersagen ab.“ Vor allem wenn es um Prognosen für mehrere Tage geht. „Es wird immer schwieriger, zuverlässige Prognosen zu erstellen.“

Die Prognosequalität nimmt mit zunehmendem Zeitraum also ab. „Um mehr als 80 Prozent haben die Flugzeugmessungen in Europa in den letzten Wochen abgenommen“, so Peterlin.

Doch warum sind Flugzeugdaten für Wettervorhersagen so wichtig?

Peterlin erklärt es ausführlich: „Wetterdaten werden auf verschiedene Art und Weise gewonnen. Es gibt Wetterstationen, Satellitendaten, Schiffsmessungen und eben Messungen in der Atmosphäre durch den Flugverkehr. Was viele nicht wissen: Beinahe jedes Flugzeug ist mit Sensoren ausgestattet, die während des Fluges aktuelle Wetterdaten erfassen. Sie sammeln Daten wie etwa Umgebungstemperatur, Windgeschwindigkeit und Angaben zur Luftfeuchtigkeit. Und diese Messungen sind für Meteorologen so wichtig, weil die Flugzeuge die Atmosphäre dreidimensional erfassen, und damit Informationen aus solchen Höhen sammeln, die für den Fortgang des Wetters wesentlich sind. Klassische Wetterstationen hingegen messen die Parameter nur am Boden.“ Flugzeuge sind für die Wettervorhersagen die zweitwichtigste Datenquelle. An erster Stelle stehen die Satellitendaten.

Diese weltweiten Wetterdaten werden dann von den verschiedenen Rechenzentren gesammelt, erklärt Peterlin weiter. Südtirol erhält die Daten vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage. „Anhand dieser Daten wird der IST-Zustand mittels physikalischer und mathematischer Formeln in die Zukunft gerechnet“, sagt er. Doch weil nun weniger Flugzeuge unterwegs sind, fehlen weltweit immer mehr Messungen von Temperatur, Druck und Feuchte.

Das könnte Folgen haben: „Sollte es zu extremen Wetterereignissen kommen, wie etwa im November letzten Jahres, als es extreme Niederschlagsmengen gab, könnte es schon zu einem Problem werden. Denn hier braucht es sehr genaue Wetterprognosen, um die Situation einschätzen zu können – und diese fehlen dann.“ Zudem ist die Wettervorhersage auch deshalb so wichtig, weil viele Institutionen und Unternehmen darauf angewiesen sind. Der Katastrophenschutz braucht sie zum Beispiel für sein Warnmanagement, die Bauwirtschaft für eine Risikoabschätzung, und die Land-und Wasserwirtschaft nutzt sie, um beispielsweise Wetterschäden bei der Ernte zu vermeiden.

Die Wetterdienste versuchen diesen Verlust an Daten aber aufzufangen, indem sie häufiger Wetterballons entsenden, die ein Vertikalprofil der Atmosphäre erstellen. Außerdem setzt man verstärkt auf Sattelitendaten. Und Peterlin beruhigt auch: „Wir werden jetzt nicht Sonnenschein voraussagen und Regen bekommen. So schlimm ist es nicht.“

Abschließend erklärt Peterlin noch, warum es generell bei Wettervorhersagen manchmal zu Abweichungen kommt: „Das liegt daran, dass das Wetter dem Chaosprinzip folgt. Das heißt, schon minimale Störungen an einem Ort der Welt können an einem ganz anderen Ort völlig unberechenbare Folgen nach sich ziehen. Es braucht sich nur der Wind drehen, und schon hat man große Auswirkungen auf die Prognose.“ In diesem Zusammenhang spricht man auch vom sogenannten „Schmetterlingseffekt“ – so Peterlin. „Der kleine und harmlose Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien, kann in Amerika einen Tornado auslösen.“

Diese Metapher, so Peterlin, steht dafür, dass Wetter global und langfristig nicht vorhersagbar ist. Bis zu einer Woche sei möglich, darüber hinaus sei zu unsicher. „Dafür sind die Zusammenhänge einfach zu komplex. Schon ein kleiner, unvorhergesehener Einfluss kann dafür sorgen, dass alles eben doch ganz anders wird.“

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