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Rosália und Rosalía

Contaminatio. Grenzüberschreitungen. Rosália und Rosalía.

 Von Kurt Lanthaler

»C‘ties tan na burta, vedla, ria stria«, sagte meine Großmutter Rosália; die, wäre sie in Palermo geboren, sagen wir: in der Vuccirìa, quasi die Ersatzstadtheilige geworden wäre, wenn auch anders betont: Rosalía, la santuzza.

Ich ging also auf Palermos Hausberg, den Monte Pellegrino, wo ihr, der palermitanischen Rosalía, Heiligtum steht. Da sie dorten nämlich (exHofdame in ritiro anticipato, ihr war das fröhliche Drunterunddrüber der höheren Stände zu viel geworden) in eine Grotte sich verzogen hatte. Eine Grenzlinie gezogen. Dann starb. Um dann, 1624, aus der Vergessenheit ans Tageslicht gezerrt und entsprechend inbrünstig angerufen, Palermo vor der Pest, der wütenden zu schützen. (Es starben Abertausende.)

Kam auf dem Weg den Berg hoch zur Santuzza an dem »Studienzentrum« vorbei, links am Hang gelegen, das von Geheimdiensten belegt und von dem aus Borsellinos Ermordung optisch koordiniert wurde: man kann von da aus direkt in die Straße sehen, in der des Richters Mutter wohnte und er in die Luft gebombt wurde samt seiner Eskorte. (Si vede che non avevano dei santi in paradiso.) Womit wiederum eine Grenze überschritten.

Im Höhlenheiligtum der Rosalía fangen derweil, allüber die Decke verlaufend, bizarre Blechrinnenkonstrukte Heilige Wasser auf. Ich erstand an diesem Tag eine kleine Plastikflasche à 0,5 dl, mit Antlitz der Santuzza, ohne Wasser (Wasser kostete extra – nach Rückkehr auf den continente dann, zwecks Verschenkung, mit paganem Leitungswasser aufgefüllt).

Im SanctuariumsZentrum aber liegt Rosalía, la santuzza, in Gold gewandet, auf einer Art Schäselonge, Totenkopf und Buch neben sich (Erstversorgungsmittel in Zeiten der Pandemie), und über die andre Schulter reicht ihr ein ziemlich erwachsen aussehender Engel etwas an, das ich immer noch für eine Opiumpfeife halte. (Zweitversorgungsmittel in Zeiten der Pandemie.) Rosalía also ist versorgt.

Und was alles der Aber-Gläubige hier in der Grotte, auf der anderen Seite der Abschrankung, in devoter Hinwendung, die auch nichts als eine (un)laute(re) Forderung, vollkommen entgrenzt anfaßt und abküßt, verteilt, im mindesten Fall, eine bunte Schar an robusten Bakterienstämmen.

Prëitambel. Bel dilan.

Bittschön. Dankschön.

»C‘ties tan na burta, vedla, ria stria«, sagte meine Großmutter Rosália, geborene Clara, dem Pire Frontull verehelicht, eines Tages, und wiederholt an andren Tagen, und wer ihr dabei nicht ins Gesicht sah, hätte meinen können, sie meine es böse: Immerhin: »Du bist eine dermaßen häßliche, alte, böse Hexe.« War aber nur ein Scherz.

Denn eigentlich glaubte sie lieber an Ungeheuer, gutmütige. (Ein Glaube, der durchaus Bestand hatte, trotz des Römischkatholischen.) Da waren die Salvans, zu denen ihr Schwiegervater sowas wie einen Musical-Song geschrieben hatte. Und der Orco; der aber blieb, g“tseidank, fern meist, jenseits der Grenze.

Behauptete also, Rosália, auch die Existenz eines Wesens, das sie recht lautmalerisch Baou nannte, eines besonders burlesken Waldgeistes, ihr sonderlich zugetan. War, sagte sie, seiner mehrfach ansichtig geworden. (Andere nicht.) In den Augen ihrer Umgebung eine Grenzüberschreitung.

Ansonsten hat Rosália ihr Leben lang, bei mäßigem Einsatz und null Erfolg, Totocalcio gespielt, also Fußballwetten abgegeben. (Auch so ein Spiel mit logarithmischenVerteilungskurven.) Ohne je eine Fußballpartie des italienischen campionato, in welcher Darreichungsform auch immer, wahrgenommen zu haben. Es lag nicht in Rosálias Interesse. Wohl aber: die Hoffnung, auf das GanzAndere, auf zumindest einen 13er. Eine ziemlich irdische Gläubigkeit. Und trotzdem: gänzlich jenseitig.

Daß die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz erschlagen zu werden, deutlich höher als das Eintreffen eines 13ers: geschenkt. (Die ars conjectandi ist wie jede Kunstform eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, der es eben nicht um die Reine Wahrheit geht.) Erst fröhlich contaminierte Datensätze, hemmungslos ineinander, durcheinander gewürfelt, ergeben, im besten Fall, eine Näherung, worauf hin sie, n-fach permutiert, frohgemuth im neckigen Tippelschritt ihrem Grenzwert zuschreiten.

Prëitambel. Bel dilan.

***

Und im übrigen ist das jetzt eine gute Zeit, um wiederzulesen:

Hippolytus Guarinonius. Die Grewel der Verwüstung Menschlichen Geschlechts. Ingolstadt 1610. Herausgegeben von Elmar Locher. Edition Sturzflüge, 1993.

Zur Person

Kurt Lanthaler, 1960 in Bozen geboren, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Schreibt Erzählungen, Romane, Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke. Installationen. Libretto und Video zu der Oper „Rasura“ von M. Kerer. Diverse Preise und Stipendien. Übersetzer aus dem Italienischen, darunter Romane von Peppe Lanzetta und Roberto Alajmo. Seit 12. 03. Beliefert Kurt Lanthaler Interessierte mit literarischen Wurfsendungen freihaus, via Email: Wer „an solcherner kostenlosen und auch ansonsten folgenlosen sendung (bild&ton) intressiert ist, schicke eine mail an„ [email protected]

Info

Die Sammlung der Texte, die Südtiroler Schriftsteller*innen zu und während der Quarantäne verfassen und als Reihe in der Südtiroler Tageszeitung publiziert werden, mündet in ein Lesefest von Literatur Lana. Zu Beginn des Sommers, hoffentlich, sollen die Kurzerzählungen, Essays, Gedichte oder Notizen in einem langen Reigen gelesen und mit ihnen ein Wiedersehen gefeiert werden. Das Projekt unterstützt Schriftsteller*innen in Zeiten von Corona.

,www.literaturlana.com,

 

 

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