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Die grüne Ape

Rut Bernardi (Foto: Chris Veltman)

Die grüne Ape

 Von Rut Bernardi

Per d’autri mo nianca da audì no, jeghi bele coche la storj docà. No, ie la sënte sun mi pel che mët man a picë. Anunji avanea l grunzenamënt che vën for plu adaut y sdrient.

Für andere noch unhörbar, erahne ich sie bereits herannahen. Nein, ich spüre sie auf meiner Haut, die zu jucken beginnt. Ganz langsam steigert sich das Grunzen, das immer lauter und schriller wird.

X mal pro Tag fährt der Stadtkonditor mit seiner Ape, dem grünen Kastenwagen, unsere bewohnte Straße entlang. Entlangfahren ist jedoch untertrieben, wenn wir die Art der Fahrt genauer betrachten. Es ist ein Vorbeirattern, ein Vorbeikreischen, ein Vorbeibrüllen bis zum Anschlag. Wobei sich die grüne Ape gar nicht so schnell fortbewegt. Sie braucht eine gefühlte Ewigkeit, bis sie um die Kurve biegt und auf die Hauptstraße gelangt. Doch wie gesagt, die Lautstärke rührt weniger von der Geschwindigkeit oder gar von den Reifen her, als vielmehr von der Tatsache, das der Fahrer in der engen Kabine ausschließlich vom ersten Gang Gebrauch macht. Auf diesem durchaus nur ebenen Stück Straße könnte er, ich kann nur im Konjunktiv sprechen, auch einmal versuchen in den zweiten, wenn nicht gar in den dritten Gang, zu schalten. Und das würde er, wenn er auch nur ein einziges Mal in unserer, seiner Nachbarn Haut, stecken würde. Aber auf diese Idee ist er in all den Jahren, und das sind erstaunlich viele, wenn man bedenkt, dass so eine Ape doch gar nicht so lange verkehrstauglich sein kann, noch nie gekommen.

Befindet man sich gerade im Haus, versucht man winters an etwas anderes zu denken und überbrückt dabei halbwegs glimpflich die unvergänglichen 10 Sekunden. Sommers wird es bei geöffneten Fenstern bereits schwieriger zu versuchen, den stechenden Lärm einfach zu überhören. Da begibt man sich am besten schleunigst in einen nach hinten hinaus gehenden Raum. Ist man aber gerade im Garten, da gibt es kein Entrinnen. Man ist dem ohrenbetäubenden Lärm, und noch vielmehr dem stechenden Schmerz auf der Haut bis auf die Knochen, ausgeliefert. Da hat man nur die Wahl: Entweder man beißt die Zähne zusammen und erduldet stoisch die Tortur, in der Hoffnung, sie vergehe so schnell wie möglich, oder man lässt alles, was man in den Händen hält, rasch fallen und hält sich die Ohren zu, wobei man fest zudrücken muss, um auch effektiv den Zugang des Lärmes bis ins Innere des Körpers zu verhindern. Am besten hält man die Ohren auch noch eine ganze Weile versperrt, nachdem die Ape bereits aus dem Sichtfeld verschwunden ist, denn der Nachhall ist ausgesprochen langatmig und ausgedehnt und kann durchaus noch Nachschäden verursachen.

Und so vergeht die Zeit, die grüne Ape fährt tagein tagaus vorbei, wie eine schlechte Angewohnheit, die kaum jemandem auffällt und noch weniger jemandem stört.

Bis eines Tages das Unvorstellbare passiert. Das ganze Land erleidet einen Hörsturz. Von einer Stunde auf die andere herrscht plötzlich vollkommene Stille. Man hört nichts, gar nichts mehr. Kein Rauschen der Autobahn, kein Rattern der Züge, kein Mähen der Nachbarn, kein Sägen der Waldarbeiter, kein Bohren der Hausrenovierer, kein Gezeter der Kinder: NICHTS. Ich lausche dem Zwitschern der Vögel, dem Plätschern des Baches, dem Wehen des Windes und atmete den neuen Duft der Luft ein.

Ma ora de n bel sarëin rundenësc la tiotena dl’ape vërda, tla prima, cun tëurtes. Y l dà deplën gas. Ma śën l’aud y sënt finalmënter nce duc i autri.

Aber mit einem Mal hallt das Dröhnen der grünen Ape, im ersten Gang, mit Torten, im Vollgas. Doch jetzt endlich auch für alle anderen deutlich hör- und spürbar.

Die Angst vor dem Virus schafft es, was kein Gesetz der Welt und keine noch so hohe Strafe je schaffte oder schaffen wird: Das gesamte Eisacktal in eine seit Jahrhunderten nicht mehr dagewesene Stille zu versetzen. Nur die grüne Ape vermag es nicht zu stoppen.

Nachtrag: Vorschlag an die Gemeinde für die Nach-Coronavirus-Zeit: Zu Gunsten einer erheblichen Steigerung des Gemeindebudgets, könnte, analog zur Gemeindesteuer auf Immobilien, eine Gesundheitsabgabe auf Lärmverschmutzung eingehoben werden. Lärm ist kein Kavaliersdelikt. Lärm ist Körperverletzung. Die Gemeinde würde – zusätzlich zu einer längst fälligen Lichtverschmutzungssteuer – einen großen Gewinn machen.

Rut Bernardi, Tluses, d’auril dl 2020

Zur Person

Rut Bernardi, 1962 in Urtijëi/St. Ulrich in Gröden geboren, schreibt Gedichte und Prosa in ladinischer Sprache und ist Verfasserin zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten über ladinische Sprache und Literatur. Zu den wissenschaftlichen Veröffentlichungen zählen u. a. Wörterbücher und Sprachlehrbücher verschiedener Dialekte des Ladinischen sowie ein Werk zur Geschichte der ladinischen Literatur. 2004 erhielt sie den Förderpreis „Walther von der Vogelweide“ .Sie lehrt an der Freien Universität Bozen.

Info

Die Sammlung der Texte, die Südtiroler Schriftsteller*innen zu und während der Quarantäne verfassen und als Reihe in der Südtiroler Tageszeitung publiziert werden, mündet in ein Lesefest von Literatur Lana. Zu Beginn des Sommers, hoffentlich, sollen die Kurzerzählungen, Essays, Gedichte oder Notizen in einem langen Reigen gelesen und mit ihnen ein Wiedersehen gefeiert werden. Das Projekt unterstützt Schriftsteller*innen in Zeiten von Corona.

Info: www.literaturlana.com,

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (1)

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  • george

    Sehr gut Rut!
    Du bringst es auf einfache Weise ins rechte Licht. Auch bei uns fährt so eine APE täglich vorbei, nur ist sie blau und nicht grün und der Inhaber macht tagtäglich seine Dorfrunde. Jetzt, während der „Coronazeit“ etwas weniger oft, aber unüberhörbar oft genug noch. Und die Autobahn und die Ratterzüge mitten durch Dorf in unserem engen Eisacktal geben ihr Übriges dazu.

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