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Fallen in den Ursprung

Fallen in den Ursprung

Ein Essay über die Liebe von Bertrand Huber

Obwohl die Liebe mit der Aufmerksamkeit auf eine Person beginnt, öffnet sie doch den Blick für die Unersetzbarkeit aller Menschen und weckt somit einen Sinn für Gemeinschaft. Zudem sind Liebende erfinderisch und geben nicht schnell auf. Diese Haltungen müssen wir uns über das Private hinaus zunutze machen, um die großen Herausforderungen anzugehen, vor welche uns die Corona Pandemie stellt. Und was noch wesentlicher ist: Liebe inspiriert uns zum Denken. In Platons Dialog Phaidros erklärt Sokrates, dass einen anderen Menschen zu lieben mit ihm zu philosophieren heißt, weil die Liebe zu einer anderen Person unsere Liebe zur Weisheit, also zum Wesentlichen des Menschen, erst entfacht.

Finde heraus

was du im Leben liebst

und tue es

/flüstert mir der Abendstern/

so

und nur so

kommt Glück näher

Ich habe die „Corona – Auszeit“ genutzt, um ein anregendes Buch zu lesen. Die junge Philosophin Nora Kreft hat es geschrieben und es nennt sich „Was ist Liebe, Sokrates?“ (Piper Verlag) Auf Anregungen dieses Buches hin, habe ich versucht, eigene Antworten auf die Liebe zu suchen und sie als Denkangebote gemeinsam mit selbst verfassten Gedichten in unsere eher unsichere Zeit zu stellen. Überhaupt wurde mir schreibend bewusster, dass die Haltungen, welche hinter der Liebe stehen viele Ähnlichkeiten aufweisen mit den Haltungen, welche hinter den Unsicherheiten der derzeitigen Krise stecken.

Denn man kann nicht nebenbei lieben und ansonsten weitermachen wie immer. Das gilt wohl für die Liebe gleichermaßen wie für unsere gesellschaftliche Situation. Liebe fasziniert uns Menschen, seit wir denken können. Trotzdem bleibt sie voller Rätsel. Die Liebe ist das stärkste Gefühl, das wir verspüren, aber sie lässt uns daran auch regelmäßig verzweifeln. Ungewollt stellt sie unser Leben immer wieder auf den Kopf, nicht selten stehen wir ohnmächtig daneben. Liebe verändert uns von Grund auf, verwandelt Sehnsüchte und Wünsche und auch unsere Wahrnehmung. Wir sehen und hören anders, wenn wir lieben, weil unsere Aufmerksamkeit einen neuen Fixstern hat. Alle Gedanken kreisen auf einmal um ihn, und man hofft nichts sehnlicher, als dass man zurückgeliebt wird. Liebe überkommt uns manchmal plötzlich, manchmal bahnt sie sich langsam an, aber in jedem Fall entzieht sie sich unserem Einfluss. Sie mischt sich zwar in unsere Entscheidungen ein, aber für die Liebe kann man sich nicht so entscheiden, wie man sich für einen Beruf entscheidet. Ob man liebt, liegt nicht in unserer Macht, man kann sich zur Liebe bloß bekennen.

Diese Parallele zwischen dem Gefühl der Liebe und dem Gefühl des Unbehagens zieht die irische Philosophin Iris Murdoch weiter, indem sie im Vergleich zwischen Kunst-Erleben und Liebes-Erleben Hoffnung aufzeigt. Das Gute an einem Kunstwerk ist, dass wir bei der Auseinandersetzung mit Kunst dermaßen in die jeweiligen Inhalte und Formen eintauchen, dass für uns rundherum nichts mehr Bedeutung hat. All unsere Gedanken und Gefühle sind von dieser Auseinandersetzung eingenommen. Egal ob in Literatur, Musik oder in der bildenden Kunst, Kunst durchdringt uns so stark, dass wir in einen Zustand der Selbstvergessenheit fallen. Nichts Oberflächliches lenkt mehr vom Wesentlichen ab. Im Gegenteil: Erst wenn wir uns selbst vergessen, finden wir zu uns selbst.

Linde Luft

haucht

Langsamkeit ein/durch alle Poren

wie ein Seidenschal umhüllt sie zwei Menschen

die sich darunter suchen

Finger verwickelt/Wange an Wange klebend

endlich

den Druck der Warmen Lippen spüren

Machen wir nochmals den Sprung zurück in die Antike. Der griechische Komödiendichter Aristophanes hält in Platons Symposion eine Rede über die Liebe und erzählt den Mythos von den geteilten Kugelwesen, die auf der Suche nach ihrer anderen Hälfte sind. Sie beinhaltet die Geschichte, dass wir Menschen ursprünglich Kugelwesen waren, die Zeus als Strafe für ihren Übermut in zwei Hälften getrennt und dann über den gesamten Erdball verstreut hat. Aristophanes meint, dass die Liebe das Begehren, auch das erotische Begehren, nach der anderen Hälfte sei und das Verlangen nach Wiedervereinigung ausdrücke. Wir alle sehnten uns nach der anderen Hälfte, nach etwas, das die ursprüngliche Einheit wiederherstelle. Wir möchten gerne vollständig sein.

Die heutige Vorstellung von romantischer Liebe beinhaltet eine diametral entgegengesetzte Sichtweise zur Antike. Demnach ist die Liebe nicht mehr der Weg, um transzendentale Ziele zu erreichen, sondern sie selbst ist das Ziel unserer Sehnsüchte und Bemühungen. Und die Schönheit hilft uns dabei, die Liebe zu finden. Allerdings nicht immer gewöhnen sich Liebende wirklich an die Liebe, oft schweigen sie mit den Sternen und hören Lieder am Mond verstummen, bis die Mondfinsternis ihr Glück verdunkelt. Aber so ist Liebe: Sie verändert alles. Ganz unerwartet. Und in alle Richtungen. Sie ändert sogar ihr eigenes Verständnis. Heute wie heute liegt ihr letzter Schritt nicht mehr im Emporsteigen zu den Sternen, sondern im Fallen. So paradox das klingen mag: im Fallen, um zu steigen. Im Fallen in die Kindheit, im Fallen in den Ursprung, im Fallen in das Andere. Nur aus der selbstlosen Umarmung mit dem Anderen steigt die Liebe auf zur Idee aller Ideen und formt uns Menschen zu Kugelwesen. Als solche erst werden wir eins mit uns, mit dem Anderen und mit der Welt. Wäre das Fallen in den Ursprung nicht auch ein gangbarer Weg aus unserem gesellschaftlichen Engpass?

 Zur Person

Bertrand Huber, 1954 in Tscherms geboren, lebt in Lana und arbeitet als Oberschullehrer in Meran. 2002 erschien seine Erzählung „Gelb“, mit „Maia“ (2006), „Tiefgarage“ (2007) und „Klassentreffen“ (2009) folgten drei Jugendstücke. Nach „Windwechsel“ und „Träume aus weißem Salz“ hat er jüngst seinen dritten Lyrikband „Lichtoasen“ herausgebracht.

Info

Die Sammlung der Texte, die Südtiroler Schriftsteller*innen zu und während der Quarantäne verfassen und als Reihe in der Südtiroler Tageszeitung publiziert werden, mündet in ein Lesefest von Literatur Lana. Zu Beginn des Sommers, hoffentlich, sollen die Kurzerzählungen, Essays, Gedichte oder Notizen in einem langen Reigen gelesen und mit ihnen ein Wiedersehen gefeiert werden. Das Projekt unterstützt Schriftsteller*innen in Zeiten von Corona.

,www.literaturlana.com,

 

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