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Daheimbleiben

Was bedeutet es für Jugendliche, in Quarantäne zu sein? Wie erleben sie die Zeit zu Hause? Womit beschäftigen sie sich und wie bleiben sie in Kontakt? Übernehmen Angst, Langeweile und Einsamkeit das Leben oder finden sie trotz der Einschränkungen Wege, das Daheimbleiben spannend zu gestalten?

Von Rosa Schwazer

Junge Menschen sprudeln meist vor Energie, sie unternehmen viel und lieben Bekanntschaften. Für die meisten war es vor der Corona-Krise unvorstellbar, so lange Zeit nicht das Haus zu verlassen und sich nicht mit Freunden zu treffen. Doch jetzt ist dies Wirklichkeit, und ein jeder muss damit umgehen. Erstaunlich ist, dass sie die Zeit der Ausgangsperre als Möglichkeit sehen und Vieles daraus ziehen können. Es ist nicht nur „nicht geil“ zu Hause zu bleiben, der eine oder andere lernt sich und seine Liebsten neu kennen, und schöpft Positives aus dieser Erfahrung. Es sind die Jungen, die kämpfen müssen, für sich selbst und all die anderen. Wir alle spüren das zusammen, wir alle zusammen auf dieser Welt. So viel diese Zeit an Schrecklichem verursacht, bringt sie vielleicht Chancen und Hoffnung in uns selbst mit.

Schon irgendwie traurig

 Von einem Tag auf den andern keinen Fuß mehr nach draußen setzen zu dürfen, ist eine äußerst krasse Einschränkung! Allerdings habe ich viel Zeit für mich und meine Familie! Dinge die seit ewig aufgeschoben werden, kann ich nun mit Ruhe erledigen. Viel Musik, Schule, Aufräumen und Entspannen steht auf dem täglichen Programm!

Ein Gedanke, der mich etwas bedrückt…

Die Natur, das Klima – unsere Erde kann endlich Luft holen und verschnaufen. Der Grund dafür ist ein tödlicher Virus, der die Welt zum Stillstand bringt… Schon irgendwie traurig, dass uns Menschen die Freiheit entzogen werden muss, damit sich unser Planet vorübergehend erholen kann.

Vielleicht schaffen wir es, unserem Credo „Immer höher, schneller und weiter“ zu entfliehen und einen Gang zurückzuschalten. Diese Krise ist jedenfalls die perfekte Gelegenheit, uns darauf zu besinnen, was wirklich im Leben zählt: Gesundheit, Familie und gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Florian, 19, Bozen

Auf einmal sorgt man sich um die Nachbarn

Ja, ich darf nicht mehr raus. Und ja, ich kann meine Freunde und nicht einmal meine Freundin sehen. Und Sport machen darf ich ja auch nicht. Kein Kino, keine Konzert, kein Feiern. Ist so. Gibt‘s nichts dran zu ändern. Jetzt muss ich meine Freundin halt ab und zu anrufen. Und Watten kann man mit seinen Freunden online ja auch. Die Familie ist zu Hause, 24 Stunden am Tag. Man erzählt sich Dinge, die man sonst vielleicht nie erzählt hätte, und lernt sich ganz anders kennen. Man hat nicht mehr so viel Freiraum, aber es fehlt einem auch an nichts. Die meisten in Südtirol haben wunderschöne Gärten, Balkone und Terrassen mit den herrlichsten Blumen oder Aussicht, die kaum einmal geschätzt oder auch nur bemerkt werden. Ich genieße und schätze diese Dinge zur Zeit wie noch nie zuvor. Denn die Zeit scheint still zu stehen. Und sie ist greif- und nutzbar geworden. Ich kann sie gestalten, wie ich will. Ich lerne Musiktheorie, die ich seit Jahren lernen wollte, aber mir nie die Zeit dafür genommen habe. Ich werde Lieder schreiben und Gedichte. Warum nicht eine neue Sprache lernen?

Aber abgesehen davon, dass die Zeit so gestaltbar ist, hat diese Zeit noch einen anderen sehr positiven Effekt: Vereinigung. Freunde von (fast) allen Kontinenten schreiben mir und von verschiedensten Ländern in Europa: „Wie geht es euch in Italien? Wie geht es deiner Familie? Bleibt gesund, passt auf euch auf!“ Nachrichten von Leuten, die meine Familie noch nie gesehen haben. Von Freunden, die aufgrund des Virus ihre Arbeit verloren haben, und das Jahr 2020 wahrscheinlich nicht ohne Arbeitslosengeld überstehen werden. Aber genau so merke ich, wie wertvoll unsere Art von Gesellschaft ist. Auf einmal sorgt man sich um die Nachbarn, die einem am Tag zuvor noch wegen ihres Hundes auf die Nerven gingen. Wenn man sie im Garten trifft, fragt man sich: „Alles klar bei euch?“ Die Menschen um mich herum fehlen mir auf einmal. Sonst hatte ich immer mehr als genug Menschen, die herumschwirrten. Vielleicht grüßt man sich nach dieser Zeit ja wieder auf den Straßen, obwohl man sich nicht kennt. Vielleicht singt man öfter miteinander in Kondominien, weil es einfach so schön ist. Vielleicht – oder besser – hoffentlich behalten wir uns diesen Zusammenhalt, diese gegenseitige Hilfeleistung, die Wertschätzung von Berufen, Vereinen oder ganz einfach den Mitmenschen bei. Das wünsch ich uns allen für nachher.

Alles Gute.

Jakob, 18, Bozen

Alles neu macht der Mai…oder doch der Juni?

 Heute sind es genau 14 Tage, seit 14 Tagen bin ich nun zu Hause. Ich habe seit 336 Stunden niemand anderen mehr gesehen als meine Familie und meine Nachbarn. Wenn mir das jemand vor einem Jahr erzählt hätte, dann hätte ich ihn wohl als Spinner abgetan. Denn unsere Welt kannte vor Corona keinen Stillstand. Die globalisierte und kommerzialisierte Welt war so schnelllebig, so chaotisch, quirlig, manchmal unübersichtlich und vor allem wollte sie immer mehr, immer höher, immer geiler, immer besser werden.

Wir alle waren Teil davon, wir haben dazu beigetragen. Und wenn dann berechtigterweise die Frage aufkam, ob wir uns und unseren Planeten nicht möglicherweise selbst zerstören, dann wurde es meist beantwortet mit: Es geht nicht mehr anders in der heutigen Zeit.

Es war undenkbar, ein Land stillzulegen. Doch dann änderte sich alles innerhalb von 14 Tagen. Und es gab auch wenig Protest dagegen, diese Maßnahmen sind mehr als notwendig, da kann niemand wiedersprechen.

So wurde innerhalb kürzester Zeit, unsere gesamte Lebenssituation verändert, wir müssen nun daheimbleiben. Und genau deshalb, weil es alternativlos ist, hatte ich bisher noch nicht das Gefühl, es nicht mehr auszuhalten.

Ich bin seit 14 Tagen in einem anderen Modus, es gib keine andere Möglichkeit, also muss ich das Beste aus dieser Situation machen. Es ist dieser Mach-was-draus-Modus, er motiviert mich täglich neue Dinge anzufangen und auszuprobieren. Beispielsweise lernte ich in den vergangenen Tagen, drei neue Gerichte zu kochen, ich lernte neue Musikstücke auf der Ziehharmonika, machte meine Aufgaben sorgfältig, ich half meinem Vater im Wald und machte Sport so fanatisch wie nie zuvor.

Aber all das macht mir unheimlich Spaß, es trägt mich durch den Tag, und so sind die 14 Tage wirklich wie im Flug vergangen. Es gibt noch einen schönen Aspekt, den ich genießen möchte: die intensive, enge Zeit mit meiner Familie.

„So viel mitnond wermor dornoch worscheinlich nia mehr sein“, sagte meine Mutter neulich, und ja, bald beginnt meine Studienzeit und ich werde nicht mehr so viel zu Hause sein, deshalb ist diese Zeit nun immens wichtig.

Ich bin sehr überzeugt, dass man aus dieser Situation sehr viel mitnehmen kann, wenn man es schafft, richtig damit umzugehen. Auch gesellschaftlich wird sie einiges verändern, ich denke da an die Möglichkeiten von Home-Office, die bisher nicht viel genutzt und beachtet wurden, oder den unglaublich schönen Zusammenhalt innerhalb der Gemeinden, Regionen und Länder, der wieder eine neue Bedeutung bekommen hat.

Die Welt und wir Menschen haben gesehen, es braucht nicht immer ein Schneller-höher-weiter, es geht auch anders, und es tut uns und unserer Seele gut, mal daheim zu bleiben, und uns neu und bodenständig zu erfinden. Ich bin überzeugt, dass wir verändert und gestärkt aus dieser Krise herausgehen können.

Alles neu macht der Mai, sagt ein altes Sprichwort. Wir werden sehen.

Friedl,19, Ritten

 

Wo ist die Normalität geblieben?

 Neulich begann ich sogar um 7.00 Uhr aufzuwachen, normalerweise eine Seltenheit bei mir. Freiwillig stehe ich nicht vor 9.00 Uhr auf. Aber was ist schon normal in diesen Tagen? Nichts.

Außer die Umgebung, die ist normal, denn wir sind ja angehalten möglichst alle zu Hause zu bleiben. Aber zwei Wochen in der gewohnten, normalen Umgebung ist nicht normal, maximal zwei Tage war ich in den letzten drei Jahren am Stück daheim. Auch das war schon fast eine Seltenheit.

Insbesondere wir Jugendlichen sind die, die am meisten unterwegs sind. Vom täglichen Schulbesuch, dem wöchentlichen Fußballtraining bis hin zu Nachmittagen mit Freunden und am Wochenende meist noch ausgehen, wir Jugendlichen sind wirklich nicht die Daheimbleiber in der Gesellschaft.

Umso schwerer fällt es uns, jetzt daheimzubleiben, aber ich sehe es als neue Chance, als einen kleinen Neustart.

Vorher hatte man täglich einen klaren Plan, man hatte fast gar keine Zeit für neue Sachen. Jetzt aber muss man sich irgendwie beschäftigen, und um mit dieser Situation zufrieden zu sein, will ich mich möglichst sinnvoll beschäftigen. So versuche ich, unter der Woche am Morgen produktiv für die Schule zu sein, am Nachmittag ein bisschen in den Garten zu gehen und meinen Eltern rund ums Haus behilflich zu sein, damit ich am Abend zufrieden meine Freunde über Videochat hören kann. Da geht dann manchmal ein online-Watter oder eine Runde Playstation aus – tut gut am Abend abhängen zu können. Den ganzen Tag abhängen, dass würde mich wohl verrückt machen.

Diesen Vorsatz habe ich mir für diese Corona-Zeit gemacht.

So versuche ich Positives mitzunehmen, Neues zu lernen und diese Zeit, die man plötzlich hat, für längst überfällige Dinge zu nutzen. Ich bin gespannt, wie man im Nachhinein auf diese Zeit zurückschauen wird.

Friedrich,19, Ritten

Scheiß auf Stereotypen

 Ich nehme die Quarantäne nicht so schlimm wahr, da ich es schaffe mich gut zu beschäftigen. Ich mache viel Sport, höre Musik und außerdem finde ich mehr Zeit, um zu lesen und zu basteln. Ich versuche, es mir einfach fein zu machen, da man zur Zeit nichts anderes tun kann. Vor allem nutze ich die neue Zeit, um mir Gedanken um meine Zukunft zu machen, ich informiere mich über Universitäten und Studiengänge. 

Meine Freunde höre und „treffe“ ich über WhatsApp und Skype, man beschäftigt sich viel mit den Social Networks, was mich selbst eigentliche eher stört, aber es geht im Moment nicht anders. Eine Sache, der ich mir bewusst geworden bin, ist, dass man Bestimmtes, wie soziale Kontakte, erst schätzen lernt, sobald man sie nicht mehr jeden Tag hat. Meine Freunde sind mir sehr wichtig und sie fehlen mir unglaublich.

Dennoch finde und hoffe ich, dass sich viele Leute wieder an Dinge erinnern, die ihnen wichtig sind, und die sie in letzter Zeit vielleicht aus den Augen verloren haben: Solidarität und Zusammenhalt als Gesellschaft, auf andere und auf sich selbst schauen. Vielleicht sollte man diese Zeit nutzen, um in sich selbst reinzuhören, mal inne zu halten und herunterzukommen, nicht immer nur im Stress herumirren. Hoffentlich verstehen wir, dass „Immer mehr“ nicht zielführend ist, und vielleicht fangen wir an, unseren Lebensstil zu hinterfragen. Ich als Mann wage mich an Dinge wie Backen und Kochen heran, und „scheiß mal“ auf die Stereotypen, weil es mir gefällt. Ich glaube am erfolgreichsten sind derzeit Leute, die neue Sachen ausprobieren, aktiv sind und das Beste aus der Zeit machen.

 Jan, 20, Ritten

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