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„Wir sind mitten im Klimawandel“

Georg Kaser

Der Klimaforscher Georg Kaser sagt: Die „Coronakrise“ zeigt uns, wie sehr wir von globalen Vorgängen abhängig sind und wie immens verletzbar wir sind.

Der Klimaforscher Georg Kaser hat einen Offenen Brief verfasst, indem er über die Coronakrise und ihre Auswirkungen sinniert.

Das ist der Brief im Wortlaut:

Neben den immer noch beunruhigenden, fast stündlich steigenden Zahlen von an Covid‐19 Erkrankten und den Todesfällen hierzulande und weltweit, drängen immer mehr Meldungen aus der Wirtschaft in die Nachrichten. Das ist gut so. Es ist die Wirtschaft, die ganz besonders getroffen wird von dem sich immer noch rasant ausbreitenden Virus Sars‐CoV‐2. Die kleinen runden Dinger haben sie und damit unsere Gesellschaft weidwund geschossen.

Die großen Anstrengungen von Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft und Finanzwelt, die Wirtschaft zum Überstehen der Krise zu stärken, sind dringend notwendig. Noch wichtiger wird einstarke Wirtschaft in absehbar naher Zukunft werden, wenn es gilt, nach dem Ende von nationalen Notstände und Ausgangssperren unserer Gesellschaft wieder auf die Beine zu helfen und um den nächsten, vor der Tür stehenden und noch viel größeren Herausforderungen standzuhalten.

Vor dem Wiederauftreten eines SARS Virus und seinen Folgen wurde zwar schon lange gewarnt, z.B. 2007 in einem Aufsatz in der Zeitschrift Clinical Microbiology Reviews 1, aber es hat uns dann doch völlig unerwartet und unvorbereitet überfallen. Viel älter schon und wissenschaftlich viel fundierter ist das Wissen um den Klimawandel, seine Ursachen und seine Folgen. Der bereits verursachte und noch viel mehr der gegenwärtig zunehmend beschleunigte Klimawandel wird im Alpenraum und damit auch in Südtirol die Temperaturen weiter steigen, die Gletscher in wenigen Jahrzehnten zur Gänze schmelzen, die Winterschneedecke als essentielles Wasserreservoir schwinden und die atmosphärischen Extremereignisse in Häufigkeit und Amplitude zunehmen lassen.

Die Wasserversorgung wird zunehmend problematisch werden, Schädlinge werden zunehmend Land‐ und Forstwirtschaft aber auch die Gesundheit der Menschen bedrohen und Naturgefahren werden unseren Siedlungs‐ und Wirtschaftsraum bedrohen. Die Folgen für alle Bereiche der Südtiroler Gesellschaft werden in den nächsten Jahrzehnten bereits drastisch sein.

Gerade die „Coronakrise“ zeigt uns, wie sehr wir von globalen Vorgängen abhängig sind und wie immens verletzbar wir sind. Das gilt in großem Ausmaß auch für den Klimawandel. Die Sauerstoffzufuhr in die obersten Schichten der Weltmeere wird durch die Erwärmung immer schwächer, zu‐ dem versauern sie durch zunehmende CO2 Aufnahme. Die Nahrungsketten der Ozeane sind massiv bedroht. Das Eis der Gletscher und Eisschilde schmilzt mit zunehmend schnellerer Geschwindigkeit und der Meeresspiegel steigt immer schneller an. Neueste Beobachtungen aus der Westantarktis und aus Grönland deuten auf den obersten Rand der vorhergesagten Szenarien hin. Die Versalzung von bisher fruchtbaren und dicht besiedelten Flussdeltas nimmt rasant zu, Küstenerosion und Küstenhochwasser ebenso.

Die Permafrostböden Sibiriens und Alaskas tauen und atmen Methan und Kohlenstoff aus. Krankheitserreger breiten sich aus und Arten sterben, atmosphärische Extremereignisse nehmen in ihrer Ausprägung und Dauer (auch in unseren Breiten) bedrohlich zu.

Wir sind schon mitten drinnen im Klimawandel und er wird in den allernächsten Jahrzehnten hunderten von Millionen von Menschen die Lebensgrundlage entziehen, sie werden flüchten müssen, wandern, und sie werden zuhauf sterben. Mit dem bisherigen Wirtschaften steuern wir auf eine menschgemachte globale Erwärmung von über 3°C in den nächsten 80 Jahren und weit mehr darüber hinaus zu. Dass es dann in Südtirol vielleicht auch um 3 oder 4°C wärmer sein wird, wird dann keine Rolle mehr spielen. Die Erde wird dann eine ganz andere sein! 2

Wir brauchen gleich nach „Corona“ wieder eine starke Gesellschaft, die diesen noch viel massiveren Herausforderungen standhält und noch schlimmere verhindert. Wir brauchen v.a. eine Wirtschaft, die nicht in ihren Grundfesten bedroht ist, wenn ein vergleichsweise kleines und vorübergehendes Virus über die Lande zieht, aber eine, die den kommenden Bedrohungen standhält, welche mit Sicherheit mächtiger und in den meisten Fällen bleibend sein werden.

Wir brauchen eine Wirtschaft, die dem Wohlbefinden der Menschen dient und fundamentale materielle Stütze ist, wenn die nächsten Probleme kommen werden, in unseren Tälern, den Dörfern, Städten, Europa, global. Wir brauchen Sie als Entscheidungsträger, die sich dieser Herausforderungen bewusst sind und alles in ihrer Macht stehende unternehmen, unsere zukünftige Wirtschaft und damit unsere Nach‐Covid‐19‐Gesellschaft materiell, kulturell und sozial zu stabilisieren.

Und wir brauchen dringend eine Wirtschaft, die dem schon angefachten Klimawandel sehr schnell Einhalt gebietet. Eine, die ohne den Verbrauch fossiler Brennstoffe auskommt. „Geht nicht“ darf es nicht geben, aber wir können diese Herausforderung nur gemeinsam schaffen. Lassen Sie es uns mit allen Kräften gemeinsam angehen.“

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (8)

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  • jennewein

    mein lieber georg
    klimawandel hin oder her solche Katastrophen hat es in den letzten jahrtausenden schon öfter gegeben.
    diese gescheiten Ratschläge können sie sich sparen.

  • emma

    no a suprschlauer mit bartl.

  • leser

    Georg Kaiser
    Ich weiss zwar nicht welcher Experte du jetzt bist aber aufgezählt hast du eine Menge Szenarien
    Was ich nicht nachvollziehen kann ist wie das geht dass sich Wasser mit CO2 anreichern kann das ist ein sogenanntes radikal und du weisst viel besser ich was radikale welche Eigenschaften haben aber egal
    Gutes Argument du legst die Zukunft der Menschheit in die vertrauensvollen Hände der Wirtschaft und verlässt dich darauf dass genau diese deine aufgezählten Szenarien zum Klimawandel ins Positive drehen wo genau diese es war die dieses Dilemma verursacht Hat ich frage dich ist dein Vertrauen so gross dass du die weltweite Wasserknappheit in die Hände der Manager von nestlé legen würdest
    oder die gerechte Verteilung und das nutzen der Rohstoffe Typen wie zum Beispiel glancore und den dazugehörigen finanzierern wie Credit Swiss UBS HSBC und unzählige mehr überlässt?
    Aber um nicht ausserhalb Südtirols zu bleiben glaubst du wirklich wir sollten uns besinnen unseren allergrössten Predigern und Wirtschaftszentren in unserem Lande wie beispielsweise einer ebnerfamilie einem oberrauchclan einem bauernbund dem HGV und vielen mehr unser Schicksal in die Hände legen, uns das Verhalten einer Schafherde angewöhnen und davon ausgehen dass diese Herrschaften schon alles richten werden
    Lieber Kaser welcher Experte oder wessen Prediger bist du? Ich kann nicht glauben dass du mit der Seele eines echten Wissenschaftlers so spricht
    Ein Nachcorona sollte auf jedenfalls ein aufwachen der Gesellschaft werden und zumindest versuchen diese alte Banden zu brechen und einen mutigeren Weg gehen
    Und siehst du lieber Kaser , daher glaube ich ganz fest an die jugend und hoffe dass genau diese so schnell wie möglich das sagen bekommt
    Dann gibt es Hoffnung dass diese alten Strukturen in Umgangssprache auszudrücken ausgeschossen haben

  • george

    ‚leserle‘,
    musst du wirklich jeden Namen verhunzen (Kaiser)? Du musst Georg Kaser in seinen Aussagen nicht anzweifeln, wenn du die Augen öffnest und mit all deinen Sinnen verspürst, was zur Zeit auf der Erde und in der Atmosphäre abläuft. Aber mit deiner Einstellung wirst du deine Blindheit nicht überwinden können und weiterhin mit vielen anderen in den Abgrund rennen. Wenn die Jugend, die du meinst, so eingestellt ist wie du, dann gnade uns die Natur.

    • yannis

      jörgile,

      scheinbar hast Du den Aufsatz von @leser nicht verstanden, oder was ?

      @leser zweifelt rein gar nichts an, er stellt nur ein paar seeeehr gerechtfertigte Fragen zu den Aussagen dieses Experten, der diese noch zu beantworten hätte.

  • george

    Ihr respektlosen Herren! Ich rede dich ja auch nicht mit ‚yannisle“ an und ‚leserle‘ auch erst, nachdem mich dieser öfters als ‚jergile‘ bezeichnet hat.
    Übrigens, ich bin ja nicht so engstirnig, dass von einem Schreiber hier nur einen Kommentar betrachte und das nur auf den Zeilen. Sagt ja ihr bzw. habt ja ihr behauptet, dass ich nicht fähig wäre zwischen den Zeilen zu lesen bzw. zu interpretieren. Diesmal habe ich es einmal bewusst das gemacht und jetzt sagst du, ich hätte „den Aufsatz von @leser nicht verstanden“. Den Ansatz zu meiner Kritik an euch liefert ihr selber, indem ihr versucht immer wieder alles zu verbiegen und recht despektierlich über Experten herzieht – „seeeehr gerechtfertigte Fragen zu den Aussagen dieses Experten“ – und dadurch euch selber bloß stellt. Nur weil ich euch immer wieder durchschaue, stinkt euch das und wollt es mit „nicht verstanden“ meinerseits abtun. Also hintertückisch seid ihr auch noch.

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