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„Wir kommen an unsere Grenzen“

Ein Freiwilliger der Vinzenzgemeinschaft und eine 24-Stunden-Pflegerin leisten in der Zeit des Coronavirus wertvolle Arbeit.

Christian Anderlan (Freiwilliger)

Ich bin seit sechs Jahren Freiwilliger bei der Vinzenzgemeinschaft, und habe in dieser Zeit so einiges miterlebt. Menschen, die durch Schicksalsschläge alles verloren haben, die gute Jobs hatten, dann aber auf einmal auf der Straße gelandet sind. Der Abstieg geht schnell – das weiß ich mittlerweile.

Immer wieder gibt es Menschen, die sagen, dass Obdachlose selbst für ihr Schicksal verantwortlich sind. Sie müssten ja nur zu einer Hilfsorganisation gehen, um Hilfe zu bekommen. Ich kann nur sagen: Diese Menschen machen es sich zu einfach und verschließen ihre Augen vor der Realität. Fast kein Mensch lebt freiwillig auf der Straße. Dahinter steckt immer eine Geschichte.

Und gerade jetzt, brauchen uns Obdachlose und Flüchtlinge am meisten. Denn sie treffen die Corona-Maßnahmen am härtesten. Sie sind gezwungen, die Zeit draußen zu verbringen. Weil sie sonst nirgends hinkönnen. Es ist ja wirklich gar nichts geöffnet. Sie haben nicht einmal die Möglichkeit aufs Klo zu gehen. Vorher sind sie in die Bibliothek gegangen oder in ein Museum. Doch das geht jetzt nicht mehr.

Ich habe sogar miterlebt, das Menschen vor uns hinknien und bitten, duschen oder auf die Toilette gehen zu dürfen. Sie erzählen auch, dass sie sich im eiskalten Wasser der Talfer waschen müssen. Das macht mich sehr traurig, aber auch wütend. Ich denke mir, wir dürfen in warmen Betten schlafen, und da draußen gibt es Menschen, die nicht einmal eine Decke haben. Einige versuchen wir im Winterhaus und im Zeilerhof in Gries unterzubringen, aber das reicht nicht. Wir platzen aus allen Nähten. Man hat jetzt zwar gesagt, man will einen Teil des Ex-Alimarket Gebäudes für Obdachlose zur Verfügung stellen, aber es bräuchte noch zusätzlich kleinere Unterkünfte, als auch Container.

Und auch wir Freiwilligen kommen an unsere Grenzen – sowohl körperlich als auch psychisch. Es ist weniger die Angst vor einer Ansteckung, sondern vielmehr damit fertig zu werden, was diese Menschen miterlebt haben.

Ljiliana Dinic (24-Stunden-Betreuerin)

Ich komme aus Serbien und arbeite als 24-Stunden-Betreuerin in Eppan. Eigentlich wäre geplant gewesen, dass ich jetzt in Serbien bin und meine Familie besuche, aber wegen dem Coronavirus ist das nicht möglich. Eine Kollegin von mir konnte auch nicht einreisen, weil die Grenzen dicht sind. So bleibe ich hier in Eppan, bis die Krise vorbei ist. Manchmal habe ich schon etwas Heimweh, weil meine ganze Familie in Serbien ist, und gerade in dieser schwierigen Zeit ist das oft schwer zu verkraften. Ich weiß aber auch, man braucht mich hier.

Ich betreue ein älteres Ehepaar, beide sind um die 90. Das heißt, man muss sehr vorsichtig sein. Ich gehe deswegen auch nur sehr selten raus, und sollte ich doch einmal müssen, ziehe ich immer eine Atemschutzmaske und Handschuhe an. Wenn ich dann wieder zurückkehre, wechsle ich immer meine Kleider. Um auch wirklich kein Risiko einzugehen.

Natürlich braucht man für diesen Job Geduld und starke Nerven, aber ich bin froh, etwas tun zu können. Wir versuchen trotz allem, unser Bestes zu geben. Ich sage immer: Halten wir zusammen. Gemeinsam schaffen wir das.

 

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