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Die Helden des Alltags

Sie arbeiten derzeit unermüdlich teilweise weit über die Belastungsgrenzen hinaus – und sorgen dafür, dass das Leben trotz Coronakrise weitergeht.

Paul Gutwenger (Krankenpfleger, Anästhesie und Intensivtherapie Bruneck)

Ich habe mich vor neun Jahren für diesen Beruf entschieden, weil ich anderen Menschen helfen will – und gerade jetzt brauchen uns die Menschen besonders. Für mich kommt es daher auch nicht in Frage, zu Hause zu bleiben. Das könnte ich nicht.

Natürlich ist jeder Tag eine Herausforderung. Unser Arbeitsalltag hat sich total verändert. Im Falle des Coronavirus können wir nicht auf bewährte Alltagsroutinen zurückgreifen. Wir haben keine eigenen Erfahrungswerte dazu, kein Handbuch, und ständig ändert sich etwas. Das heißt, man muss ad hoc Lösungen finden und schnell reagieren. Auch für jemanden, der schon lange auf der Intensivstation ist, ist das etwas komplett Neues.

Die Covid-Patienten kommen meist mit einer schlechten Sauerstoffsättigung zu uns, sie werden in Bauchlage beatmet. Mehrmals am Tag müssen sie umgelagert werden. Dazu braucht es jeweils fünf Personen, also vier Krankenpfleger und einen Arzt. Alleine würde man das nie schaffen. Für uns Krankenpfleger ist das körperlich sehr anstrengend. Wir haben ja nicht nur einen Patienten, der immer wieder umgelagert werden muss, sondern mehrere. Dadurch ist nicht nur das Arbeitspensum, sondern auch die Arbeit an sich anstrengender geworden.

Hinzu kommt, dass wir dabei immer eine Schutzkleidung tragen müssen. Diese ist nicht gerade angenehm, man schwitzt andauernd und auch das Atmen fällt schwerer. Mit Schutzkleidung meine ich einen Ganzkörperschutzanzug, eine Brille, zwei Paar Handschuhe und einen Mundschutz. Dabei ist es wichtig, dass man so lange wie möglich diese Schutzkleidung anhat. Denn es ist nicht möglich, sie einfach mal auszuziehen oder sie immer wieder zu wechseln. Sonst würden uns irgendwann die Schutzanzüge ausgehen, das wäre auch nicht machbar. Das heißt, man muss sich also bereits im Vorhinein Gedanken machen, wann man am besten aufs Klo geht, ob es sinnvoll ist, jetzt noch etwas zu trinken usw. Das ist kein Zuckerschlecken.

Neu ist auch, dass Angehörige jetzt nicht mehr ins Krankenhaus kommen können. So etwas hat es ja noch nie gegeben. Sie können mit keinem Arzt oder Pfleger direkt sprechen. Auch wenn Patienten früher isoliert wurden, und sie nicht reingehen konnten, war immer ein Arzt oder Pfleger da. Es war ein persönliches Gespräch möglich. Das ist jetzt total weggefallen. Wir versuchen zwar über Telefon mit den Angehörigen zu sprechen, ihnen zu erzählen, wie es dem Patienten geht, wie er aussieht, aber das ist nicht das gleiche. Im persönlichen Gespräch sieht man auch anhand der Gestik wie der Angehörige reagiert. Am Telefon kann man das sehr schwierig erkennen. Das belastet nicht nur die Angehörigen, sondern auch uns Pfleger. Weil wir immer unser Bestes versuchen. Wir sind aber gerade in den Überlegungen, per Videochat einen Kontakt mit den Angehörigen herzustellen.

Angst vor einer Ansteckung hat sicherlich jeder. Man will es ja auch nicht nach Hause bringen. Aber wir wissen, wie wir uns schützen können. Es wurden auch eigens Lernvideos gemacht, in denen ganz genau erklärt wird, wie man seine Schutzkleidung an- und ausziehen soll. Denn die größte Gefahr besteht beim Ausziehen der kontaminierten Schutzanzüge.

Und wenn man jüngere Covid-19-Patienten sieht oder auch Menschen, die sich im gleichen Alter befinden, wie seine Eltern, ist das auch für uns schwierig, damit umzugehen. Man weiß, es kann jeden von uns treffen. Aber es bringt nichts, dauernd darüber nachzudenken. Ansonsten könnte man diese Arbeit nicht mehr ausüben. Wir sind natürlich einem hohen Risiko ausgesetzt, tun aber jeden Tag alles dafür, dass es unseren Patienten wieder besser geht.

Susanne Reiffenstuhl (Apothekerin)

Unser Arbeitsalltag hat sich gravierend verändert. Das fängt schon damit an, dass wir jeden Tag, bevor wir mit der Arbeit beginnen, unsere Hände desinfizieren, sowie den Mundschutz und die Handschuhe anziehen. Die Händedesinfektion begleitet uns dann den ganzen Tag. Außerdem bedienen wir unsere Kunden nur mehr durch eine Plexiglasscheibe, um eine Infektion mit dem Coronavirus zu verhindern. Sorgen mache ich mir trotz des Kundenkontakts aber keine. Angst wäre jetzt fehl am Platz. Das muss man wegblenden.

Mittlerweile hat sich auch die Situation hier in den Apotheken etwas beruhigt. In den ersten zwei Wochen, als bekannt wurde, dass das Coronavirus auch Südtirol erreicht hat, sind die Menschen fast schon hereingestürmt. Die Menschen haben verzweifelt versucht Masken zu bekommen. Jeder wollte sich mit Desinfektionsmitteln und Medikamenten eindecken. Eine Zeitlang waren auch die Fiebermesser ausverkauft. Die Leute waren sehr gestresst und angespannt. Das hat sich jetzt etwas gelegt. Jetzt wird vor allem nach fiebersenkenden Medikamenten gefragt, aber auch nach Handschuhen. Wir verkaufen aber nicht mehr große Packungen, sondern versuchen sie aufzuteilen, damit auch wirklich jeder etwas davon hat.

Seit einiger Zeit bieten wir auch einen Hauszustellungsdienst für Medikamente an. Damit ältere Menschen und andere Risikogruppen nicht jedes Mal in die Apotheke kommen müssen. Drei Mitarbeiter sind derzeit damit beschäftigt, diese Medikamente zusammenzusuchen, die Menschen anzurufen usw. Wir sehen das auch als unsere Verantwortung, mit diesen Menschen zu reden und sie zu beruhigen. Denn viele sind wirklich aufgeregt und hilflos. Sie sind den ganzen Tag daheim eingesperrt. Natürlich gibt es hier und da auch mal ein paar ältere Menschen, die meinen unverbesserlich zu sein, und trotzdem in die Apotheke kommen, aber ich weise sie dann immer wieder darauf hin, dass wir ihnen die Medikamente auch liefern können.

Im Großen und Ganzen merken wir aber, dass die Menschen wirklich verstanden haben, warum es so wichtig ist, zu Hause zu bleiben. Wir Apotheker bekommen auch sehr viele positive Rückmeldungen von den Kunden. Erst vor kurzem hat mir ein Kunde gesagt, wie dankbar er ist, dass wir nach wie vor für die Menschen da sind. Das freut uns natürlich sehr.

Fabian Kuprian (Freiwilliger beim Weißen Kreuz)

Ich habe beim Weißen Kreuz angefangen, weil ich als Jugendlicher einen Unfall miterlebt habe, bei dem ich nicht wusste, was ich tun soll. Das wollte ich nicht noch einmal erleben. Mittlerweile bin ich seit zehn Jahren dabei, habe in dieser Zeit sehr viel miterlebt und gesehen. Aber die derzeitige Situation bringt natürlich alle an ihre Grenzen.

Ich fahre mit dem Rettungswagen und bin dabei eigentlich immer in der Nacht unterwegs. Durch Corona hat sich einiges verändert: Wir müssen ständig aufpassen, dass wir nicht angesteckt werden. Denn im Grunde weiß man nie ganz genau, ob der Patient infiziert ist oder nicht. Die Landesnotrufzentrale klärt das zwar im Vorhinein ab, aber ein Restrisiko gibt es immer. Man hat aber gelernt, damit umzugehen. Ich zerbreche mir deswegen nicht den Kopf. Wir tragen auch immer einen Mundschutz und Handschuhe. Die Landesleitung vom Weißen Kreuz ist auch darauf bedacht, dass wir alle mit angemessener Schutzausrüstung ausfahren.

Natürlich geht es einem auch nahe, wenn man sieht wie schlecht es diesen Covid-Patienten geht, und wie jung manche sind, aber ich denke mir immer, ich kann diesen Menschen helfen. Ich kann für sie da sein.

Was sich auch verändert hat ist, dass jene Fahrten abgenommen haben, die nicht dringlich sind. Vor Corona ist man immer wieder zu Menschen gefahren, wo sich dann vor Ort herausgestellt hat, dass es sich um keinen Notfall handelt. Das gibt es jetzt so gut wie gar nicht mehr. Weil die Menschen verstanden haben, dass jetzt Corona-positive Menschen Priorität haben.

Auffallend ist auch, dass die Corona-Krise eine Solidaritätswelle ausgelöst hat. Auf einmal sind die Menschen unglaublich nett zu uns, Restaurants spendieren uns sogar Essen. Das freut uns natürlich sehr. Erst vor kurzem hat sich eine ältere Frau bei mir bedankt, und gesagt, wie froh sie doch ist, dass wir nach wie vor arbeiten. Ein älterer Herr hat sogar geklatscht. Das gibt uns natürlich Kraft weiterzumachen. Wir werden wirklich wie Helden gefeiert. Ich würde mir wünschen, dass dies nach der Krise beibehalten bleibt. Dass unsere Arbeit immer so wertgeschätzt wird. Das hoffe ich sehr. Alles in allem muss ich sagen, ich bin sehr froh in dieser Situation beim Weißen Kreuz dabei zu sein und meinen Beitrag leisten zu können.

Umfrage: Eva Maria Gapp

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Kommentare (6)

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  • kurt

    Ihnen gehört besondere Anerkennung und nicht nur in Worten ,sie sollen in diesen schweren Zeiten das doppelte verdienen , denn noch dazu riskieren sie ihre eigene Gesundheit und die ihrer Familie .

    • leser

      Kurtile
      Dann müssen die Damen und Herren ja schauen dass der steiner nicht krank wird sonst wird das nix mit den Tarifverhandlungen denn der Zeitpunkt war noch nie der richtigere
      Und wenn dem Tschenett jetzt noch einfallen würde ein Streikaufruf zu empfehlen

  • pingoballino1955

    Es ist mir eine EHRE und RESPEKT, mich bei euch ALLEN aus vollstem Herzen zu bedanken.

  • leser

    Heisst das dass die vorher nix gemacht haben und erst jetzt aufgewacht sind

  • gerhard

    Und warum applaudiert niemand dem Bäcker, der morgens um halb drei sein Brot bäckt, dem Metzger, dem Strassenbauer?
    Warum nicht dem Fäkalientankwagenfahrer, der das Abwasserrohr frei macht und unseren Dreck wegmacht, dem Straßenkehrer, dem Bauern, dem Tankwart?
    Jeder leistet seinen Beitrag. Und das ist gut und wichtig
    Ich kann das Gejaule der Sanitätsgemeinschaft nicht mehr hören.
    Jeder leistet seinen wichtigen Beitrag damit unsere Solidagemeinschaft am Leben bleibt.
    Nur, dass eine Krankenschwester deutlich mehr verdient wie der Fäkalienwagenfahrer.
    Nur, das dieser keine Prämie bekommt!
    Warum eigentlich?

  • yannis

    >>>>>Nur, dass eine Krankenschwester deutlich mehr verdient wie der Fäkalienwagenfahrer.

    könnte es sein dass es einen Unterschied in der Qualifikation bei diesen beiden gibt ?

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