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Corona & Liebe

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Der Sexualtherapeut Hagen Kasslatter: Wie die Corona-Krise das Liebesleben verändert.

von Eva Maria Gapp

Geschlossene Restaurants und Cafés, leere Straßen und Bahnhöfe, und Busse ohne Passagiere: die Corona-Krise hat unser Alltagsleben in kurzer Zeit komplett verändert. Viele würden auch sagen, auf den Kopf gestellt.

Die Corona-Krise hat aber auch Auswirkungen auf Beziehungen und das Dating-Leben. So kann das Virus etwa das Liebesleben vieler Menschen schlagartig verändern. Paare werden getrennt oder müssen über Wochen gemeinsam unter Quarantäne stehen. Gleichzeitig kommen, angesichts der hohen Ansteckungsgefahr, neue Fragen auf: Darf ich meinem Partner oder meine Partnerin überhaupt noch küssen? Darf ich mit ihm oder ihr intim werden?

Der Sexualtherapeut aus Burgstall, Hagen Kasslatter, ist in diesen Tagen immer wieder mit diesen Fragen konfrontiert: „Das sind gute und wichtige Fragen in Zeiten des Coronavirus. Dieses Thema beschäftigt derzeit viele Menschen. Denn das Virus verändert nicht nur die Art und Weise wie wir leben, sondern hat natürlich auch einen Einfluss auf das Liebesleben“, sagt er.

Laut Kasslatter muss diese Veränderung aber nicht unbedingt etwas Negatives bedeuten. Im Gegenteil. „Für Paare, die über mehrere Wochen zusammen in Quarantäne verbringen müssen, kann das auch eine Chance sein, die Liebe und das Feuer in der Beziehung wieder neu zu entfachen. In solchen Ausnahmesituationen bieten sich Paaraktivitäten an, die beide schon immer mal zusammen machen wollten und wofür vorher die Zeit gefehlt hat“, sagt er. Ob Spiele, Filme oder ein Austausch, was einen gerade im Leben bewegt – das entscheidet laut Kasslatter jedes Paar für sich selbst.

Diese Zeit könne also auch als „Geschenk“ gewertet werden. „Es muss nicht immer alles negativ sein. Ich gehe sogar davon aus, dass es in neun Monaten einen Anstieg der Geburtenrate in Südtirol geben wird“, so der Sexualtherapeut.

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Und auch was das Küssen anbelangt, müsse man als Paar nicht darauf verzichten: „Wenn man sich an die Hygienemaßnahmen hält und engen Kontakt mit fremden Menschen meidet, steht auch dem Küssen nichts im Wege.“ Es gelte nur immer achtsam und vorsichtig zu sein. Mit engen Kontakt sind Umarmungen, Händeschütteln, Wangenküsse und so weiter gemeint.

Wer aber hingegen keinen fixen Partner hat, sollte sich laut Kasslatter zurücknehmen: „Jenen Menschen, die keinen fixen Partner haben und auch nicht unter einem Dach zusammenleben, rate ich zurzeit ab, sich zu küssen und intim zu werden. Da sonst die Gefahr zu groß ist, dass man sich ansteckt.“ Hier gelte also: Zurückhaltung bei körperlicher Nähe.

In weiterer Folge bedeute das auch: „Auf One-Night-Stands mit Unbekannten sollte man im Moment verzichten. Weil man hier nur schwer einschätzen kann, ob die andere Person einer Risikosituation ausgesetzt war oder Symptome aufweist.“ Da das Coronavirus sich bei manchen auf sehr milde Weise äußert, erkennt man es nicht sofort. „Deshalb sollte man derzeit lieber auf Nummer sichergehen und vorerst eine Dating-Pause einlegen“, rät Kasslatter.

Und auch gewisse Dating-Apps und Portale reagieren auf das Coronavirus – und warnen vor einer Ansteckung. Die bekannte Dating-App „Tinder“ rät etwa seinen Nutzern, wie sie sich vor dem Coronavirus schützen können. Man solle sich nicht ins Gesicht fassen, Handdesinfektionsmittel dabei haben und sich in der Öffentlichkeit vor Menschenmassen fernhalten. Gleichzeitig warnen sie davor, leichtfertig mit der Verbreitungsgefahr des Virus umzugehen. Besonders beim Dating sei es wichtig, sich vor einer möglichen Corona-Ansteckung zu schützen. „Tinder ist ein toller Ort, um Menschen kennenzulernen. Wir wollen weiterhin, dass ihr Spaß habt, aber sich vor dem Coronavirus zu schützen ist wichtiger“, teilt Tinder seinen Usern mit. Wer also in Zeiten des Coronavirus online nach Liebe sucht, sollte sich die Hände waschen.

Für Paare, die schon lange zusammenleben, kann diese intensive gemeinsame Zeit über einen längeren Zeitraum aber auch Herausforderungen mit sich bringen. Das weiß auch Kasslatter: „Das ist natürlich eine ungewohnte Situation, und viele Paare müssen wieder lernen, die Zeit mit dem Partner zu füllen. Ansonsten ist man tagsüber bei der Arbeit, hat Erledigungen zu machen, nun hocken aber viele ununterbrochen aufeinander. Das kann für einige herausfordernd sein. Weil man auch Arbeit hineinstecken muss.“

Laut Kasslatter ist es aber wichtig, dass man sich auf diese neue und ungewohnte Situation einlässt. „Vielleicht lernt man in dieser Zeit auch eine völlig neue Seite des Partners kennen, und die Liebe wird dann noch intensiver“, fügt der Sexualtherapeut hinzu.

Zudem habe man nun mehr Zeit für intensive Gespräche, die sonst im Alltag oft zu kurz kommen, weil man ständig unter Stress steht. Dabei empfiehlt der Sexualtherapeut die Übung „Dyade“. „Dabei geht es darum, dass eine Person für eine gewisse Zeit über ihre Wünsche, Ziele und Gefühle sprechen kann, ohne dass ihr Gegenüber dazwischen redet, Fragen stellt oder etwas ergänzt. Die andere Person hört also nur aufmerksam zu. Dann gibt es einen Wechsel. Aus Erfahrung weiß ich, dass dies für Paare sehr hilfreich ist. Oft kommt es dann zu ganz unerwarteten Gesprächen und Begegnungen.“

Und sollte es dennoch zu Konflikten kommen, rät Kasslatter die Emotionen etwas abkühlen zu lassen, im Sinne von „bis zehn zählen“. Hilfreich ist auch in einen anderen Raum zu gehen. Erst in einem zweiten Moment sollte man dann noch einmal über den Streit reden. „Dabei ist es wichtig, dass wir unsere Emotionen ganz klar artikulieren, so nach dem Motto: „Mich hat das geärgert, weil…“ Zudem sollte man nicht mit Schuldzuweisungen und Vorwürfen reagieren. Denn das verschlimmere nur die Situation.

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