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„Und doch, immer wieder, ist der himmel blau.“

 

„Und doch, immer wieder, ist der himmel blau.“

Von Josef Oberhollenzer 

Aber da ist wahrscheinlich schon alles gesagt – wie auch alle erfahrungen schon gemacht worden sind, von denen hier die rede sein soll, in ähnlichen zeiten vor dieser zeit. • Etwa die erfahrung des hausarrests, die jetzt einem jeden möglich ist, ohne daß er etwas angestellt, ohne daß sie etwas verbrochen hätte: vorsorglicher, fürsorglicher haus- oder stubenarrest. • Die verwunderung darüber, immer wieder blitzlichternd das erstaunen darüber, wie selbstverständlich und wie zustimmend sogar: ich die einschränkung der freiheiten hinnehme, die mir so selbstverständlich waren all die jahre bisher. Erst das selbstverständliche erwägen von drohnenaugen über unsern städten, dörfern – „und Gott sieht alles“ – weckte mich abrupt aus dieser selbstverständlichkeit auf: Diese mögliche verwirklichung der wirklichkeit der brasilianischen science-fiction-serie Omnipräsenz machte mir plötzlich angst. • Vorm fenster der apfelbaum, der zu knospen beginnt, fetter mit jedem tag; durch die offene tür die altbekannte frühlingsluft, das lockende, verlockende vogelgezwitscher von draußen herein. • „Was werden wir in diesen Frühlingstagen tun, die jetzt rasch kommen? Heute früh war der Himmel grau, geht man aber jetzt zum Fenster, so ist man überrascht und lehnt die Wange an die Klinke des Fensters.“ (Franz Kafka, Zerstreutes Hinausschaun, 1910) – Und so schau ich jetzt hinaus. • Was wohl mit den bettlern ist, wenn da keine bettelkunden, wenn keine bettlerüberseher, bettlerinnenwegjager mehr um die wege sind? Wer ohne obdach ist, ohne dach überm kopf und allem anderen – • .. und zappe über die coronakanäle, wische über die coronaseiten hinweg: All die coronierung steht mir längst bis zum hals. Ereignislose welt? Hände waschen, hände waschen! In unschuld, nein, nicht. • Und wenn ich im fernsehen menschen sehe, die sich nahe kommen, die sich umarmen und sich in die arme fallen oder in menschenaufläufen jubeln oder dahinschwimmen oder gefangen sind, denke ich sofort, und es ist wie ein pawlowscher reflex: Das war noch vorCorona, da gab es das noch! Alle selbstverständlichkeit des lebens scheint dahin. • Mir aber sind die tage, sind die nächte nicht anders als in den sommer- oder den winter- oder den weihnachtsferien; nur daß da die möglichkeit da ist, immer, ins freie, ins weite, woanders und woimmerauch: hinzugehn, hinzufahrn .. und sei es bloß zum einkaufen ins nächste dorf. • Wer keine reise macht –: Mir sind die reisen in meinen räumen die längste zeit genug; und ich begnüge mich etwa mit der Reise um mein Zimmer, die der savoyische schriftsteller Xavier de Maistre 1790 in seinem duellbedingten zimmerarrest 42 tage lang tat, wiederundwieder 36 schritte an den wänden entlang („Man möge mir nicht vorwerfen, ich verlöre mich in Einzelheiten, Reisende machen das so.“), oder mit dem buch Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer des salzburgers Karl-Markus Gauß. • Hans, der buchhändler, der kurz klingelt: „Wieder ein buch für dich, ich leg’s vorm tor auf die bank.“ Auch so kommt die welt herein, ja, nochundnoch eine neue erfindung davon. • Nein, Die Pest von Camus hab ich nicht wiedergelesen oder Die Maske des roten Todes von Poe, an die ich dachte bei der recherche fürn sog. fernunterricht; und nicht Il Decamerone und auch I Promessi Sposi nicht. Wohl aber hab ich den dänischen autor J. P. Jacobsen entdeckt; seine novelle Die Pest in Bergamo ist so beeindruckend lebensvoll wie das pestkapitel am schluß von De rerum natura des Lukrez. • Meine frau, die in die Rai fährt wie gewohnt und mir von der welt draußen berichtet allabendlich – und also davon, wie leer die welt ist, wie still und wie ausgestorben; was ich auch sehe, wenn ich lang am fenster stehe und ab und zu doch ein mensch sich von einem fensterrand zum andern bewegt. Aber ich sehe nicht, wie die kontrollierenden gemeindepolizisten der einen gemeinde jenen der andern nicht mehr übern weg trauen: „Noch eine sog. eigenerklärung .. und noch eine .. und noch: Drei für eine fahrt!“ • Die fliege Jolanda, die mir von raum zu raum folgt .. oder Vitus Sültzrather, ja, weiterundweiter in meinem kopf. • Aber schon ist auch hier der mir zugestandene, zugewiesene raum aus und ein spaziergang noch weit; und so ende ich, während alles immer weitermacht, immer weitermacht, mit einem satz aus der erzählung Der Spaziergang des leidenschaftlichen spaziergängers Robert Walser: „Wollte man aufzählen, bis alles getreulich aufgezählt wäre, so käme man an kein Ende.“

Zur Person

Josef Oberhollenzer, 1955 in St. Peter, Ahrntal, geboren, ist Gründungsmitglied der Südtiroler Autorenvereinigung. 1994 erschien sein erstes Buch  „in der tasse gegenüber“, danach folgten „Was auf der Erd da ist“, „Der Traumklauber“ und „Großmuttermorgenland“. Sein jüngster Roman „Sültzrather“ gelangte 2018 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises

Info

Die Sammlung der Texte, die Südtiroler Schriftsteller*innen zu und während der Quarantäne verfassen und als Reihe in der Südtiroler Tageszeitung publiziert werden, mündet in ein Lesefest von Literatur Lana. Zu Beginn des Sommers, hoffentlich, sollen die Kurzerzählungen, Essays, Gedichte oder Notizen in einem langen Reigen gelesen und mit ihnen ein Wiedersehen gefeiert werden. Das Projekt unterstützt Schriftsteller*innen in Zeiten von Corona.

,www.literaturlana.com,

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