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„Manche ärgern sich zutiefst“

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Der Professor für Sozialpsychologie, Heiner Keupp, erklärt, was uns in Zeiten des Coronavirus dazu bewegt, Mitmenschen anzukreiden.

Tageszeitung: Herr Keupp, in Zeiten wie diesen sind alle Menschen aufgefordert, zu Hause zu bleiben und sich strikt an die Hygieneregeln zu halten. Wer sich nicht daran hält, wird in den sozialen Netzwerken immer häufiger angeprangert. Menschen werden wütend, wenn man sich aus ihrer Sicht nicht regelkonform verhält. Bürger spielen also quasi Polizisten. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sich Menschen so verhalten?

Heiner Keupp: Ja, ich kenne dieses Phänomen und es fällt uns vor allem in Krisenzeiten auf, wenn gewohnte Regeln und Selbstverständlichkeiten nicht mehr gelten. Freiheiten werden radikal eingeschränkt: Wir dürfen nicht mehr das Haus verlassen, wann wir es wollen, man wird also quasi fremdkontrolliert. Gerade aber wenn einem die Freiheit genommen wird, erleben wir das als Verlust. Die Vernunft sagt uns: Das müssen wir jetzt ein paar Wochen durchhalten, auch wenn es schwer fällt. Wenn man dann aber sieht, dass sich andere nicht an diese Regeln halten und sich damit auch diese Freiheit nehmen, führt das bei manchen dazu, dass sie sich zutiefst ärgern. Weil sie ja eigentlich selbst nicht die Regeln so konsequent befolgen möchten. Für sie ist diese Regelübertretung eines fremden Menschen eine Versuchung, der man nicht erliegen darf und deshalb wird sie zur Provokation. Deshalb reagieren sie so sensibel darauf und sind auch dazu bereit, diese Menschen anzukreiden. Ihr innerer Regelkanon, das sogenannte „Über-Ich“ belohnt sie dafür, dass sie der Versuchung nicht erlegen sind: „Das hast du gut gemacht.“ Die angemaßte Polizistenrolle bietet einen psychischen Profit.

Ich möchte aber auch betonen, dass es durchaus legitim ist, Menschen, die durch ihr Handeln andere gefährden, darauf anzusprechen bzw. sie darauf hinzuweisen. Das gehört auch zur Zivilcourage. Die Frage ist aber: Muss man sie deswegen anschwärzen und öffentlich bloßstellen? Ich finde nicht. Man braucht sich auch nicht wie ein Oberpolizist verhalten: Über-Ich-Botschaften von anderen Personen erzeugen in aller Regel Abwehr. Denn das trennt die Gesellschaft mehr als dass sie sie zusammenhält.

Gibt es Menschen, die eher zu solchen Verhaltensweisen tendieren als andere?

Menschen, die von klein auf ziemlich autoritär erzogen wurden, tendieren eher zu solchen Verhaltensweisen. Sie haben gelernt, wenn jemand eine Norm oder eine Regel bricht, dann darf ich das nicht akzeptieren, weil ich zur Regelverletzung selbst verführt sein könnte.

Foto: privat/Heiner Keupp

Ist ein solches Verhalten auch in anderen Situationen oder Bereichen sichtbar?

Ähnliche Verhaltensweisen sieht man immer wieder im Alltag, wenn jemand zum Beispiel bei Rot über die Ampel geht. Auch hier gibt es Menschen, die ganz wütend werden, wenn jemand diese Regel bricht. Sie weisen dann die betreffende Person zurecht, obwohl sie den Menschen nicht kennen.

Welche Folgen könnten damit einhergehen?

Die größte Gefahr sehe ich derzeit, und das meine ich global gesehen, dass Persönlichkeitsrechte im Kampf gegen das Coronavirus überschritten werden. Ich finde es zum Beispiel besorgniserregend, wenn der israelische Ministerpräsident Netanjahu nun alle Handys überwachen lässt, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Er hebelt damit im Grunde die Demokratie aus, was ich als sehr problematisch erachte. Hier werden eindeutig Grenzen überschritten. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel ist gerade auch in Krisensituationen von zentraler Bedeutung.

Interview: Eva Maria Gapp

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Kommentare (9)

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  • watschi

    natùrlich regen sich viele leute auf, die die regeln einhalten und mitansehen mùssen, dass andere machen was sie wollen. im pfarrhof sollen gruppen von einwanderern bis spàt in die nacht partys gefeiert haben (dolo berichtete). soll man da still sein? ich glaube nicht

  • silverdarkline

    Die Welt wäre besser, würde sich jeder um seinen eigenen Dreck kümmern. Gilt übrigens allgemein so.

    • kawazx110

      genau alle haben einen besen und besser vor der eigen tür kehren
      das größte problem wird erst kommen den psychische schaden was al diese medien angerichtet haben kommt erst und dauerert sicher über jahre

  • goggile

    die Tierart mensch ist genetisch immer noch ein steinzeitwesen. vergesst das nicht. die Charakteren sind selbstsüchtig wenn es ums überleben geht gibt es kein miteinander.

    • george

      Du nimmst wohl die Lehre von Thomas Hobbes aus dem 16. Jht. als absolut, der auch behauptet hat: homo homini lupus est. Aber es gibt nicht nur diese absolute Sichtweise.

      • vogelweider

        Der Spruch stammt ursprünglich von Plautus (aus „Asinaria), erst später abgeändert (in Bezug des Verhältnisses von Staaten untereinander) von Hobbes verwendet.

        • george

          Stimmt. Nur wer hat denn die altgriechische Sprache, Geschichte u. Philosophie studiert. Ich habe das Humanistische Gymnasium durchlaufen und bin bis zur alten chinesischen und altindischen Humanlehre zurückgegangen und musste feststellen, dass neuere Philosophen und Gelehrte in dieser Hinsicht kaum etwas Neues hervorgebracht haben.

  • meinemeinung

    ich bin nicht dieser Meinung von diesem Herrn Heiner Keupp
    wenn ich eine Öffentliche Verordnung brache ,so gehört Sie gestraft ,angezeigt und…
    was der Mensch Zuhause oder Privat macht ist egal, bezahlt er selbst und hat keine Auswirkung auf andere, aber wenn die Allgemeinheit oder gar nur einige Bestimmte das ausbaden müssen ,dann bin ich absolut dafür , das sich Menschen dafür einsetzen das Verordnungen eingehalten werden.
    Bestes Beispiel sind jetzt die Spitäler ,wenn sich nur einer nicht an die Vorschriften halten würde ,wo kämen wir da hin?

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