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„Diese Menschen brauchen uns“

Zwischen Sorge und Verantwortungsgefühl: Was Hauspflege in Zeiten von Corona bedeutet.

von Eva Maria Gapp

Wenn die meisten noch in ihren warmen Betten liegen oder ihren morgendlichen Kaffee trinken, sitzt Lea Ortwein bereits in ihrem Auto. Das heißt, um 05:30 Uhr aufstehen, sich fertig machen, einsteigen und losfahren.

Sie ist die Einzige auf der Straße, nur ein, zwei Fußgänger mit Atemschutzmasken sind zu sehen, die mit ihrem Hund Gassi gehen. Ansonsten wirkt alles wie ausgestorben. Trotz der Corona-Krise arbeitet die junge Frau wie gewohnt weiter. Sie muss, sagt sie: „Diese Menschen brauchen uns. Wir können nicht zu Hause bleiben, viele haben ja sonst niemanden.“

Die 27-Jährige arbeitet für den Hauspflegedienst der Caritas. Sie betreut pflegebedürftige Senioren, Menschen mit Beeinträchtigung aber auch Menschen mit Sucht – bzw. psychischen Problemen am Wohnort. Ortwein kümmert sich um die Körperpflege, geht für die Menschen einkaufen, begleitet sie zu ärztlichen Visiten, holt Medikamente ab, unterstützt sie überall dort, wo sie Hilfe brauchen. Es gibt aber auch Menschen, die ihre Dienste nur deshalb in Anspruch nehmen, damit sie jemanden zum Reden haben. Ortweins Aufgabengebiet ist lang. Und ihr Dienst unverzichtbar.

Gerade ist die 27-Jährige auf dem Weg zu einer 85-jährigen Frau. Ortwein wird heute die Einzige sein, die sie besuchen kommt. Enkelkinder hat sie zwar, doch wegen der Corona-Krise darf sie sie im Moment nicht sehen. „Für ältere Menschen ist es gerade besonders schwer. Sie fühlen sich einsam, weil sie so gut wie gar keinen Besuch bekommen“, sagt die junge Frau.

Ortwein versucht für diese Menschen aber da zu sein, schenkt ihnen in dieser schwierigen Zeit ein offenes Ohr. Erst vor kurzem gab es auch ein sehr berührendes Erlebnis mit einer älteren Frau: „Sie hat gesagt, wie froh sie ist, dass wir sie nach wie vor besuchen kommen. Denn sonst wüsste sie nicht mehr weiter. Sie ist jetzt 92 Jahre alt, und wenn sie jetzt an dem Virus sterben würde, dann ist ihr das lieber, als wochenlang alleine und vereinsamt in der Wohnung zu hocken.“ Solche Aussagen machen Ortwein auch immer wieder nachdenklich. „Das zeigt auch, wie wichtig wir für diese Menschen sind und was wir ihnen bedeuten.“

Doch bevor die 27-Jährige überhaupt mit ihrer Arbeit beginnen kann, zieht sie sich eine Atemschutzmaske und Handschuhe an. Erst dann kommt sie in die Wohnung. „Unsere Arbeit geht zwar wie gewohnt weiter, aber durch die Corona-Krise hat sich auch bei uns so einiges verändert“, sagt Ortwein.

Schon bisher haben die Mitarbeiter der Hauspflege auf hohe Hygienestandards geachtet, doch nun ist es viel rigoroser. „Ich habe den ganzen Tag eine Maske auf, und die Haustüre öffne ich nicht mehr mit der Hand, sondern ich drücke die Türklinke mit dem Ellenbogen hinunter. Dann schiebe ich die Tür auf, damit ich erst gar nicht angehe“, erzählt die 27-Jährige. Nur so könne das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich gehalten werden. „Das dient der Sicherheit aller Personen. Wir wollen uns, aber auch sie nicht anstecken.“

Außerdem werden immer wieder die Handschuhe gewechselt, und während der Körperpflege wird das Reden auf ein Minimum reduziert: „Wenn wir etwa die Haare eines Klienten waschen, ihn abduschen oder dergleichen, reden wir so gut wie gar nicht. Wir haben zwar Masken auf, trotzdem wollen wir kein Risiko eingehen“, sagt sie. Das liegt auch daran, dass bei diesen Tätigkeiten nicht der Abstand von einem Meter zwischen den Personen eingehalten werden kann.

Für Ortwein, aber auch für die Betroffenen selbst, eine ungewohnte Situation: „Ich bin ein sehr offener Mensch und erzähle immer sehr viel. Das wissen auch die Klienten und freuen sich darüber. Sie sind immer sehr neugierig und wollen wissen, was wir erleben. Ich muss ihnen dann aber immer wieder erklären, dass ich bei nahem Körperkontakt nicht mehr reden kann.“ Die meisten hätten dafür Verständnis. „Es gibt aber auch einige, die dann schon fragen, warum wir ständig eine Atemschutzmaske aufhaben. So nach dem Motto: Diese braucht es ja gar nicht.“ Das Wichtigste sei in dieser Situation dann aber, die Menschen aufzuklären. „Wir müssen ihnen zu verstehen geben, warum dies notwendig ist, warum es so drastische Maßnahmen braucht.“

Neu ist außerdem, „dass Klienten bei der Fahrt zum Einkauf oder zur Apotheke nicht mehr vorne auf dem Beifahrersitz sitzen dürfen. Sie müssen sich hinten auf der Rückbank hinsetzen, um den 1-Meter-Abstand gewährleisten zu können und das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich zu halten“, erzählt sie. Gleichzeitig werde das Auto laufend desinfiziert.

Doch wie gehen eigentlich die Pflegebedürftigen mit der Corona-Krise um? Welche Fragen und Sorgen haben sie?

„Das Coronavirus ist natürlich das Gesprächsthema Nummer 1. Es gibt einige, die große Angst vor dem Virus haben. Sie fragen dann oft: Wie gefährlich ist das Virus wirklich? Wie viele sind bereits gestorben? Einige haben auch unseren Dienst abgesagt, weil sie kein Risiko eingehen wollen“, erzählt Ortwein. Das bedeutet, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Hauspflegedienstes haben damit weniger zu tun. „Sonst arbeiten wir rund neun Stunden pro Tag, jetzt sind es vielleicht sieben Stunden.“ Die 27-Jährige habe dafür aber vollstes Verständnis. „Wir dürfen nicht vergessen, dass der Großteil unsere Klienten zur Risikogruppe gehört.“

Dann gebe es auch einige, die das Coronavirus für harmlos halten würden und mit einer Grippe gleichsetzen. „Sie glauben, dass dies alles zu aufgebauscht wird. Sie können die ganzen Maßnahmen nicht verstehen. Und viele machen sich auch Sorgen um uns“, erzählt Ortwein.

Für Ortwein und ihre Kollegen und Kolleginnen ist es dann nicht immer ganz leicht, die passenden Antworten zu geben. „Wir versuchen aber unser Bestes. Wir tun dann alles dafür, um ihnen die Angst zu nehmen“, sagt sie.

Ob sie selbst Angst hat, angesteckt zu werden?

„Ich befinde mich im Zwiespalt. Auf der einen Seite habe ich schon Angst, mich mit dem Coronavirus anzustecken und es in weiterer Folge weiterzugeben. Ich möchte natürlich nicht, dass meine Familie oder andere Pflegebedürftigen damit angesteckt werden – und wegen mir einen Schaden nehmen. Auf der anderen Seite weiß ich, wie wichtig wir für diese Menschen sind. Es gibt Leute, die nicht alleine aus dem Bett kommen, weil sie auf einen Rollstuhl angewiesen sind“, erzählt die 27-Jährige.

Zudem seien die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft die Einzigen, welche die Pflegebedürftigen überhaupt zu sehen bekommen: „Es gibt viele, die niemanden mehr haben, die den ganzen Tag alleine zu Hause sind. Und wenn wir in die Wohnung hineinkommen, ist es jedes Mal schön zu sehen, wie unglaublich froh diese Menschen sind. Das ist unbeschreiblich“, so Ortwein.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (1)

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  • bernhart

    Ein grosses Lob und ein noch grösser Dank an alle Mitarbeiter im Pflegesektor, sie alle leisten aussergewöhliches für unsere bedürftigen Mitmenschen, schade nur , dass diese Engel ihr Leben für andere auf spiel setzen, nochmals vielen Dank

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