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„Ich würde es immer wieder tun“

Foto: privat

Elisabeth Kuppelwieser aus Plaus hat ihrem Mann Siegfried eine Niere gespendet. Eine schwere Entscheidung, die die beiden aber noch enger zusammengeschweißt hat.

Tageszeitung:Frau Kuppelwieser, Sie haben vor rund zehn Jahren Ihrem Ehemann eine Niere ge- spendet. Denken Sie oft noch an diese Zeit zurück?

Elisabeth Kuppelwieser: Ja, es war doch eine prägende Zeit für uns. Ich weiß noch genau, als ich aus der Narkose aufgewacht bin, hat der Arzt zu mir gesagt: „Ihrem Mann geht es gut, die Niere arbeitet super.“ Da habe ich mir nur ge- dacht, gut, dann kann ich jetzt weiterschlafen (lacht). Jetzt kann nur mehr alles gut gehen.

Wissen Sie noch, welcher Tag es war, als Ihr Mann Ihre Niere bekommen hat?

Das war der 6. Juli 2010, mitten im Sommer. Ich weiß noch, ich wurde am Vormittag operiert, und mein Mann gleich anschließend. Das werde ich nie vergessen.

Warum brauchte Ihr Mann überhaupt ein neues Organ?

Bei meinem Mann Siegfried haben die Ärzte bei einer Untersuchung eine Niereninsuffizienz, also Nierenversagen festgestellt. Die Niere hat nicht mehr ausreichend gearbeitet. Niemand hat das kommen sehen. Mein Mann hatte schon erhöhten Blutdruck, weshalb er auch zum Arzt gegangen ist, aber wer denkt schon an so etwas. Wenn sich jemand beim Knie verletzt, dann sieht man das auf Anhieb, hier ist das aber anders. Wir waren nicht darauf vorbereitet. Dement- sprechend war der erste Schock natürlich groß. Von da an war dann auch Dialyse, also künstliche Blutwäsche angesagt.

Was heißt das konkret?

Drei Mal die Woche vier Stunden lang an ein Gerät angeschlossen zu sein, das das Blut von giftigen Stoffen reinigt. Das ist natürlich sehr belastend. Nicht nur wegen der Dialyse an sich, sondern auch wegen der vielen Einschränkungen. Mein Mann durfte ja nur noch einen halben Liter pro Tag trinken und essen durfte er auch nicht mehr alles. Er musste eine strenge Diaät einhalten. Wir haben alle mitgelitten. Und ihn dann auch jedes Mal in diesem Raum zu sehen, wo die Maschinen zischen und pumpen, hat mir auch wehgetan. Ich wusste, dass das keine dauerhafte Lösung sein kann. Er braucht eine neue Niere.

War für Sie von Anfang an klar, dass Sie die Niere spenden werden?

Nein, war es nicht. Ich musste das Ganze mal verdauen. In der Zwischenzeit kam er auf die Warteliste für ein Spenderorgan. Als wir dann mal wieder bei der Dialyse waren, habe ich einfach mal so zum Arzt gesagt: „Ich konnte ja meinem Mann eine Niere spenden. Ich weiß nur nicht, ob das geht, weil wir ja nicht die gleiche Blutgruppe haben.“ Daraufhin hat er nur gemeint, dass das kein Hindernis ist, sofern ich gesund bin. Mit der Antwort hatte ich nicht gerechnet. Ich habe dann mit meinen Kindern und meinem Mann gründlich darüber gesprochen. Uns war auch bewusst, dass die OP schief gehen könnte oder der Körper die Niere abstößt. Mein Mann hat dann aber gesagt, er will es probieren.

Und warum haben Sie sich dazu entschieden?

Damit mein Mann ein besseres Leben hat. Es geht mir gut, wenn es ihm gut geht. Ich meine, wenn man so viele Jahre zusammen ist, heuer sind wir fast 50 Jahre verheiratet, dann macht man so etwas. Sicher klappert es mal, aber wenn ich ihm helfen kann, dann tue ich es. Wir stehen das gemeinsam durch.

Wie hat Ihr Mann dann eigent lich reagiert, als Sie ihm dann endgültig gesagt haben: „Schatz, ich spende dir eine Niere?“

Er war froh. Er hat aber auch ge- sagt, dass ich mir sicher sein muss. Nicht, dass ich dann irgendwelche gesundheitliche Einschränkungen haben werde. Das war ihm auch wichtig. Er hat mich auch keines- wegs unter Druck gesetzt. Und auch wenn ich abgelehnt hätte, hät- te er mir das nicht übel genommen. So gut kenne ich meinem Mann. Es ist aber wichtig, dass man darüber redet. Und man muss sich ganz gut überlegen, ob man das wirklich ma- chen will. Das ist ja nicht so wie Semmeln beim Bäcker einkaufen. Man muss sich seiner selbst sicher sein. Ansonsten wird das eine Last.

Wie war das für Ihre Kinder? Wie sind sie mit dem Ganzen umgegangen?

Ich muss sagen, ich habe ganz wunderbare Kinder, drei logisch denkende Kinder. Das haben sie wohl von mir (lacht). Ich weiß noch, wie sie zu mir gesagt haben: „Mama, in erster Linie musst du dich entscheiden, du musst wissen, was du da tust. Von uns hast du aber unsere volle Unterstützung, egal was passiert.“ Das hat dann auch sehr viel Kraft gegeben.

Kamen eigentlich nur Sie als Spenderin in Frage?

Nein, eine meiner Töchter wäre si- cherlich in Frage gekommen, aber das stand für mich nicht zur Debatte. Auch die Ärzte haben davon abgera- ten. Ein junger Mensch hat ja noch das ganze Leben vor sich, und dann nur mit einer Niere zu leben, ist mit Risiken behaftet. Es kann immer et- was passieren. Das wollte ich nicht. Deshalb habe ich gesagt, ich bin 60 Jahre alt, ich habe mein Leben ge- lebt, und dann kann ich das auch tun.

Eine Organspende ist ein großer Schritt – wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Ich wurde psychologisch betreut – denn oft kommt es vor, dass Organ- spender später in ein psychisches Loch fallen. Ich habe mich dann auch selbst in die ganze Situation reingefühlt, habe viel darüber nachgedacht. Ich wusste aber das ist mein Weg und den gehe ich jetzt. Ich hatte einen unglaublichen eisernen Willen.

Wie haben Sie den Tag der Operation empfunden?

Nicht mal so schlecht. Ich bin ein- geschlafen und wieder gut aufgewacht. Ich habe mich von den Ärzten gut aufgehoben gefühlt. Wenn es nicht das Krankenhaus gewesen wäre, dann hätte man auch sagen können, „flotter“ Urlaub (lacht). Ich war einfach felsenfest davon überzeugt, dass alles gut gehen wird. Ich hatte nie Zweifel.

Haben Sie Ihren Mann vor der OP noch einmal gesehen?

Nein. Mein Mann kam eine Woche zuvor in die Klinik, das Immunsystem musste ganz heruntergefahren werden. Es durfte dann auch niemand zu ihm ins Zimmer, auch ich nicht. Ich habe ihn dann erst wieder einen Tag nach der OP gesehen.

Wie war Ihre erste Begegnung?

Ich war ja in einem anderen Zimmer und die Ärzte haben mich dann im Bett zu ihm in sein Zimmer geschoben. Sie haben mein Bett neben seinem hingestellt. Meinem Mann sind dann gleich ein paar Tränen runtergekullert. Das war schon sehr berührend. Zu wissen, dass mein Mann durch mir wieder ein gutes Leben führen kann. Das kann man kaum in Worte fassen. Das ist einfach etwas, das uns noch mehr zusammengeschweißt hat.

Wie hat sich durch die Nierenspende Ihr Alltag verändert?

Es hat sich einiges verändert: Die Dialyse, die er eineinhalb Jahre machen musste, ist weggefallen, das war eine große Erleichterung. Vor allem war er aber froh, dass er endlich wieder normal trinken konnte. Einfach mal ein Glas Wasser zu trinken war ja nicht möglich. Davor kreisten seine Gedanken ja ständig ums Trinken. Und seit der OP können wir endlich wieder planen oder einfach mal spontan irgendwo hin- fahren. Er ist heute auch aktiver und nicht mehr so müde oder schlapp. Es ist ein ganz anderes Leben.

Und wie geht es Ihrem Mann heute?

Es geht ihm sehr gut, die Niere arbeitet super. Er muss nur Medikamente gegen die Abstoßung nehmen.

Und wie geht es Ihnen? Wie lebt es sich mit nur einer Niere?

Es hat sich einiges verändert: Die Dialyse, die er eineinhalb Jahre machen musste, ist weggefallen, das war eine große Erleichterung. Vor allem war er aber froh, dass er endlich wieder normal trinken konnte. Einfach mal ein Glas Wasser zu trinken war ja nicht möglich. Davor kreisten seine Gedanken ja ständig ums Trinken. Und seit der OP können wir endlich wieder planen oder einfach mal spontan irgendwo hin- fahren. Er ist heute auch aktiver und nicht mehr so müde oder schlapp. Es ist ein ganz anderes Leben.

Haben Sie ihre Entscheidung jemals bereut?

Nein, keine Sekunde. Ich würde es immer wieder tun.

Was wäre passiert, wenn Sie ihrem Mann nicht die Niere gespendet hätten?

Er hätte dann solange die Dialyse machen müssen, bis er eine Spenderniere bekommen hätte. Spenderorgane sind aber rar, weshalb es Jahre hatte dauern können. Die Ärzte haben mir damals gesagt, dass es im Durchschnitt vier Jahre dauert, bis eine passende Niere gefunden wird.

Interview: Eva Maria Gapp

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