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„Vorbildliches Modell“

Für sein neues Wohnbau-Modell erhalten die Gemeindeverwaltung von Lajen und Bürgermeister Stefan Leiter landesweit viel Lob. Nur im eigenen Dorf zweifeln einige an dessen Vorteile.

von Markus Rufin

Die „Schreiber Koslait“– das steht wohl jetzt schon fest – wird das große Wahlkampfthema in der Gemeinde Lajen. Auf dieser Wiese, mitten im Dorf, sollen geschätzt rund 60 neue Wohnungen entstehen. Der Gemeindeausschuss genehmigte vor einigen Monaten die Ausweisung einer neuen B-Zone, die zu 100 Prozent konventioniert ist.

Einige Bürger, aber vor allem einige Gemeinderatsmitglieder witterten dahinter eine Bauspekulation. Die Gemeinde erhält für die Ausweisung einer B-Zone ein Drittel des Grundstückswertes. Allerdings, so die Befürchtungen der Bürger, würden die Wohnungen nicht von Lajenern, sondern von Bürgern aus anderen Gemeinden genutzt werden. Lajen wäre demnach einem starken Zuzug von außen ausgesetzt.

Vor allem deshalb hat sich in Lajen eine Bürgerliste gegründet, die angekündigt hat bei den nächsten Gemeinderatswahlen zu kandidieren. Sie besteht nicht nur aus den beiden oppositionellen Gemeinderatsmitgliedern Gerlinde Vikoler und Alexander Lang (bisher Freiheitliche), sondern auch aus SVP-Mitgliedern.

Bisher hielt sich der Bürgermeister Stefan Leiter zu den eigentlichen Plänen der Gemeindeverwaltung gegenüber der Öffentlichkeit recht bedeckt, doch vergangene Woche machte er öffentlich, was es mit der B-Zone auf sich hat. Er verkauft die Ausweisung der Zone als großen Erfolg.

Das hat einen ganz bestimmten Grund. Wie der Bürgermeister nämlich bekannt gibt, ist Lajen die erste Gemeinde in Südtirol, die mit dem Grundeigentümer eine einseitiger Verpflichtungserklärung ausgehandelt hat, die zahlreiche Vorteile für die Dorfbevölkerung mit sich bringt.

60 Prozent der Fläche werden mittels Preisbindung und einem zusätzlichen Abschlag von 10.000 Euro pro Wohnung für mehrere Jahre für Lajener reserviert sein. Auch ehemalige Lajener, die nachweisen können, dass sie für fünf Jahre in der Gemeinde einen Wohnsitz hatten, gilt diese Begünstigung. „Damit ist es uns gelungen, eine Tür für alle die gerne wieder nach Lajen heimkehren möchten, aufzutun“, meint Bürgermeister Leiter.

Damit aber nicht genug: Weitere Zugeständnisse des Grundeigentümers der Schreiberwiese an die Gemeinde sind eine Verbreiterung der angrenzenden Landstraße, ein Verbindungsweg von der Bushaltestelle Arnika zum Kulturhaus/Kindergarten, die Zurverfügungstellung von Parkflächen gegenüber dem Kulturhaus sowie eine Ausgleichszahlung des Wertes von 30 Prozent für den Mehrwert des Grundstückes.

Sollte sich der Grundeigentümer nicht an die vertraglich geregelten Bestimmungen halten, drohen ihm Strafen in Höhe von 50.000 Euro pro Wohnung. Natürlich erhält auch der Grundeigentümer Vorteile, in dem auf dem Baugrund dichter verbaut werden darf.

Bisher habe nur eine begrenzte Anzahl an Bürgern auf den geförderten Wohnbau zugreifen können, da das Einkommen und das Vermögen nicht überschritten werden darf. Dieses Projekt wirke dem aber entgegen.

Auch wenn der Eindruck entsteht, dass Leiter diesen Vertrag nur ankündigt, um vom Rekurs und von der drohenden politischen Konkurrenz abzulenken, so versichert er, dass das Gegenteil der Fall ist: „Der Vertrag ist seit einer Woche unterschrieben. Davor konnten wir keine Ankündigungen in der Öffentlichkeit machen.“

Leiter erhält für diesen Erfolg vielerorts Zuspruch. Tony Tschenett, Vorsitzender des Autonomen Südtiroler Gewerkschaftsbundes (ASGB), zeigte sich in einer Aussendung über diese vertraglichen Bedingungen „äußerst erfreut“: „Dass die Gemeinde Lajen nun ihren eigenen Weg geht und versucht – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – den Grundstein für günstigeren Wohnraum zu legen, ringt mir wirklich Anerkennung ab.“

Tschenett spricht von einem „ ausgeklügeltes Konzept“, das zukünftig Schule machen könne und dem Ziel vom leistbaren Wohnen näher kommt.

Auch Leiter selbst, ist überzeugt davon, dass das Modell revolutionär ist: „In der Preisbindungspolitik hatte man immer das Problem, dass fixe Preise einen niedrigen Wohnstandart bedeuteten. In der Bindung wird aber auch festgelegt, dass der höchste Baustandart realisiert wird.“

Trotzdem scheint es ihm gerade im eigenen Dorf an Zuspruch zu mangeln. Vor allem die Bürgerliste hält an der Kritik fest. Willy Ploner, einer der Mitbegründer, will zumindest nicht glauben, was der Bürgermeister sagt: „Ich habe den Vertrag noch nicht gesehen und solange ich ihn nicht gesehen habe, kann ich dazu auch nichts sagen. Papier ist immerhin geduldig.“

Außerdem bezweifelt Ploner, dass es überhaupt so vieler neuer Wohnungen für Lajener bedarf. Im Rekurs, den die Bürgerliste gegen die Umwidmung einreichte, wird kritisiert, dass eine Bedarfserhebung nie gemacht wurde. Nur wenige können sich vorstellen, dass dieser Bedarf besteht.

Doch auch das hat sich mittlerweile geändert. Laut Berechnungen des Landesamtes für Statistik braucht Lajen in den nächsten zehn Jahren rund 170 Wohneinheiten.

Nichtsdestotrotz bleibt es dabei: Die Bürgerliste steht der neuen Zone sehr skeptisch gegenüber. Daher reichten insbesondere die beiden Noch-Freiheitlichen in den letzten Tagen mehrere Anfragen ein. Unter anderem wird auch Einsicht in den Vertrag gefordert.

Bürgermeister Leiter kann diese Kritik nicht nachvollziehen: „Wohnen ist eines der wichtigsten Themen überhaupt. Ich verstehe nicht, warum man diesen Erfolg für die Lajener Bevölkerung nicht hinnehmen kann und ihn stattdessen zum Wahlkampfthema erklärt. Hier geht es um zu viel. Ich finde die Kritik ungerechtfertigt und schädigend.“

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