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Hochgezüchtete Droge

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Immer mehr Cannabis-Konsumenten leiden an psychotischen Störungen.

von Eva Maria Gapp

Es beginnt mit Panikattacken und Angststörungen, später leiden viele unter Wahnvorstellungen. Sie reden sich Sachen ein und glauben verfolgt zu werden. „Die Polizei wird mich jetzt holen.“ Es kann im schlimmsten Fall sogar so weit gehen, dass sie Stimmen im Kopf hören und Dinge sehen, die gar nicht da sind.

Die Rede ist von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, und das seit Jahren, und sich immer häufiger an die psychiatrischen Abteilungen wenden. „Es ist effektiv so, dass die Zahl der jungen Patienten, die wegen psychotischer Störungen die psychiatrischen Abteilungen aufsuchen, zugenommen hat. Ein Grund dafür ist die mittlerweile hochgezüchtete Droge Cannabis bzw. der darin enthaltene THC-Gehalt, der stark gestiegen ist“, sagt Bettina Meraner, Leiterin des Dienstes für Abhängigkeitserkrankungen in Bozen.

THC steht für Tetrahydrocannabinol. Dieser Bestandteil von Canna-bis sorgt maßgeblich für die berauschende Wirkung, indem es die Signalübertragung von Nervenzellen im Gehirn beeinflusst. Und genau dieser Gehalt hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen. „Das Marihuana von heute hat nur noch wenig mit der einstigen Hippie-Droge zu tun. Cannabis hat sich stark verändert“, sagt auch Meraner.

Das zeigen auch die Zahlen: Vor etwa 40 Jahren lag der durchschnittliche THC-Gehalt in Marihuana bei etwa drei Prozent. Heute sind es 15 bis 20 Prozent. Das ist ein enormer Anstieg. Mit fatalen Folgen.

Denn je mehr THC in Cannabis enthalten ist, desto stärker ist die Rauschwirkung. Und umso größer ist das Risiko, eine Psychose zu entwickeln. Das zeigt auch eine aktuelle Studie, in der Wissenschaftler in Europa und Brasilien den Konsum von Cannabis und die Folgen für die psychische Gesundheit untersucht haben. Das Ergebnis: Menschen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, haben häufiger Psychosen. Und je stärker der THC-Gehalt, desto höher das Risiko. Konkret heißt das: Die Gefahr einer Psychose ist fünf Mal höher, wenn es sich um ein hochdosiertes Cannabis handelt. Damit ist Cannabis gemeint mit einem THC-Gehalt von mehr als zehn Prozent. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Cannabis mit einer hohen THC-Konzentration einen schädlicheren Effekt auf die psychische Gesundheit hat als schwächere Formendes Stoffes“, erklärt Marta Di Forti, Psychiaterin am King’s College in London und federführende Autorin der Studie.

Das große Problem dabei: „Psychotische Störungen können im schlimmsten Fall auch dauerhaft bestehen bleiben, auch wenn man mit dem Cannabis-Konsum auf-hört“, betont Meraner. Cannabis dürfe deshalb nicht verharmlost werden. Auch der Psychologe Martin Fronthaler kann dies nur bestätigen: „Regelmäßiger Cannabiskonsum erhöht das Risiko für Psychosen. Wir in Bad Bachgart haben immer wieder mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun, die wegen des hohen THC-Gehalts Angststörungen entwickeln.

“Doch nicht nur das erlebt Fronthaler in seiner Arbeit: „Was wir vor allem beobachten ist, dass immer mehr junge Erwachsene zu uns kommen, die infolge eines Cannabiskonsums in eine depressive Verstimmung geraten und dann eine regelrechte behandlungsbedürftige Depression entwickeln. Das hat in den letzten 20 Jahren sehr zugenommen“, so der Psychologe. Dabei würde es sich vor allem um Menschen handeln, die Anfang, Mitte 20 sind. „Sie kommen zu uns, weil sie sehr depressiv sind, sehr zurückgezogen leben und nicht mehr weiterwissen. Im Rahmen des Erstgesprächs stellt sich dann oft heraus, dass sie schon lange Cannabis konsumieren. Häufig berichten die Betroffenen von regelmäßigem Konsum über lange Zeit“, erzählt Fronthaler.

Wenn der Psychologe die Patienten dann aber darauf anspricht, werde die ganze Sache verharmlost: „Die meisten wollen das nicht wahrhaben. Sie sind der Überzeugung, dass Cannabis lediglich eine Heilpflanze ist und nicht schädlich sein kann. Sie idealisieren die Substanz und glauben nicht, dass Cannabis Depressionen auslösen oder Psychosen entwickeln kann. Hier bräuchte es auf alle Fälle mehr Aufklärung.“ Zumal wir es heute mit einer hochgezüchteten Droge zu tun hätten, die nicht unterschätzt werden dürfte.

Doch warum werden Cannabispflanzen überhaupt mit einem so hohen THC-Gehalt gezüchtet?

Meraner hat darauf eine klare Antwort: „Das ist eine ganz klare Marktstrategie. Ziel ist es ja, soviel wie möglich von der Droge zu verkaufen. Das gelingt am besten, wenn man die Menschen abhängig macht, sodass sie immer mehr danach verlangen. Und je höher der THC-Gehalt ist, desto größer ist auch das Suchtpotenzial. Und umso mehr wird verkauft.“

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Kommentare (4)

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  • watschi

    gibt sicher einige konsumenten dieser droge hier im forum, wenn ich mir so gewisse kommentare durchlese.

  • adn

    Nun ja die Sache hat natürlich auch einen Haken.

    Natürlich ist Cannabis in den letzten zwei Jahrzehnten potenter geworden, und es wurde das anti-psychotische CBD aus vielen Sorten herausgezüchtet.
    Dies ist aber der Prohibition geschuldet und eine Folge dessen.

    Natürlich ist es in der Illegalität für einen Dealer/Schmuggler lukrativer hochpotentes Zeug auf engstem Raum zu transportieren, da man damit mehr Profit machen kann.
    Da es auf dem Schwarzmarkt keine Qualitätskontrollen und Ihnaltsangabe gibt, ist natürlich der Konsument in besondere Weise gefährdet.

    Wenn hier eine Überdosierung vorliegt oder man zu den wenigen gehört die auf Cannabis psychotische Störungen entwickeln können, kann das bei so potenten Cannabis verheerende Folgen nach sich ziehen.

    Zur Wahrheit gehört aber auch, dass insgesamt gesehen nur ein kleiner Teil der Konsumenten die oben genannten Probleme haben, international spricht man hier von 1-3% aller Konsumenten.

    Da wäre ein absoluter Konsumverzicht mehr wie ratsam, ist aber bei vielen Drogen so, wer z.b. auf Alkohol aggressiv wird, sollte da auch das Trinken überdenken.

    Über 90% der Konsumenten haben eben außer der Illegalität keine Probleme mit Cannabis, wobei ca. 10% der Konsumenten eine Abhängigkeit entwickeln ( 15% beim Alkohol und 25% beim Tabak).

    Wäre Cananbis legal, dann könnte der Staat wie beim Nikotin verpflichtende Höchstgrenzwerte festlegen.
    Beim Nikotin gab es früher ja auch sehr starke Zigaretten die alle runter reguliert wurden, siehe Richtlinie 2001/37/EG, verabschiedet am 5. Juli 2001.

    Es gibt viele Konsumenten die vielleicht auch gerne die Bierversion haben möchten, kein so starkes Cannabis mit reltaiv hohen CBD Gehalt um die psychotischen Effekte zu mindern.

    Ein Dealer kann das in der Regel nicht anbieten, undum es auf Alkohol umzumünzen: Wer geht in die Kneipe und bestellt einmal „Alkohol“ und erhält eine Wundertüte.

    Wer dann ein 0,5l Glas mit Bier hingestellt bekommt wird da sicher kein Problem haben, wer aber statt Bier Schnaps aus dem selben Glas erwischt, wird da auch früher oder später Probleme bekommen.

    Gott sei dank können die Alkoholkonsumenten aber relativ risikolos einkaufen und wissen was sie erwerben. Das wissen die Cannabiskonsumenten eben nicht.

    Nicht jeder möchte sich wegdröhnen, so wie sich sicher auch nicht jeder mit Alkohol besoffen trinken möchte.
    Das es nun zu einer Zunahme an „Problemfällen“ kam, hängt auch damit zusammen, dass in den letzten 20 jahren die Konsumentenzahl als ganzes gestiegen ist.

    Das

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