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Radames und Lohengrin

Radames (Foto: Sabine Burger)

Die Stiftung Haydn von Bozen und Trient startet am 18. und 19. Januar mit zwei Kurzopern aus dem 20. Jahrhundert in die fünfte Opernspielzeit. Drama und Satire an einem Abend, zwei Werke in Anlehnung an bedeutende Opernklassiker.

 Unter dem Titel Angel or Demon rückt der künstlerische Leiter Matthias Lošek in der fünften Opernspielzeit der Stiftung Haydn von Bozen und Trient „Gut“ und „Böse“ in den Mittelpunkt, die nicht nur im Alltag, sondern auch in der Oper oft dicht nebeneinander liegen.

Zum Auftakt der Spielzeit kommen am Samstag, 18. Januar (20 Uhr) und Sonntag, 19. Januar (17 Uhr) zwei Kammeropern des späten 20. Jahrhunderts auf die Bühne des Bozner Stadttheaters: Radames des ungarischen Komponisten Péter Eötvös und Lohengrin von Salvatore Sciarrino. Beide Opern nehmen Bezug auf bedeutende Opernklassiker und in beiden Werken glänzt der eigentliche Protagonist durch Abwesenheit. Der Opernabend ist eine Koproduktion der Stiftung Haydn mit dem Theater Orchester Biel Solothurn. Am Dirigentenpult des Haydn Orchesters steht Yannis Pouspourikas, Regie führt Bruno Berger-Gorski. Bühnenbild und Kostüme stammen von Dirk Hofacker. Für das Lichtdesign zeichnet Samuele D’Amico verantwortlich. Jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn findet im Foyer des Stadttheaters die Werkeinführung statt.

Die Kurzoper Radames wurde 1976 uraufgeführt und kommt nun als italienische Erstaufführung nach Bozen. Das Stück handelt von einer Probe für Verdis Aida in einem von Sparmaßnahmen gezeichneten Opernhaus. Beinahe alle Mitwirkenden mussten aufgrund von Einsparungen entlassen werden. Dem Theater sind nur wenige Orchestermusiker geblieben, ein Korrepetitor und ein einzelner Sänger, der als Countertenor einen derart großen Stimmumfang hat, dass er sowohl die Rolle des Radames als auch jene der Aida singen kann. Im Gegensatz zu den Musikern mangelt es an Regisseuren nicht, davon gibt es nämlich gleich drei. Das Ergebnis ist katastrophal. Einzelne Szenen werden sinnbefreit aneinandergereiht und am Ende bricht der Sänger unter dem Druck der Regisseure regelrecht zusammen. Eötvös persifliert nicht nur die Aufführungspraxis in der Oper, sondern karikiert auf satirisch-absurde Weise auch den zeitgenössischen – von Kürzungen gezeichneten – Kultur- und Theaterbetrieb. Musikalisch setzt er den atonalen Klängen des Ensembles den Sprechgesang der drei Regisseure und die melodischen Weisen des Countertenors gegenüber. Dieser singt Passagen, die der Tenorpartie von Radames und der Sopranpartie von Aida aus Verdis gleichnamiger Oper entnommen sind. Mit Rafał Tomkiewicz (Radames / Countertenor), Céline Steudler (Opernregisseurin / Sopran), Alexander Kaimbacher (Theaterregisseur / Tenor), Javid Samadov (Filmregisseur / Bass), Salvador Pérez (Kameramann / Bariton), David Liger (Inspizient)

 Als „Unsichtbare Handlung für Solistin, Instrumente und Stimmen“ wurde Salvatore Sciarrinos Lohengrin 1983 in Mailand uraufgeführt. Das Psychodrama basiert allerdings nicht auf Richard Wagners gleichnamiger Oper, sondern auf einem Text aus dem Erzählband Moralités légendaires (1887) des Symbolisten Jules Laforgue, der darin berühmte literarische Figuren parodiert.

Im Mittelpunkt steht die von ihrem Schwanenritter Lohengrin verlassene Elsa. Zwischen Kindheitsvisionen, Angst und Sehnsucht nach körperlicher Nähe driftet Elsa mehr und mehr in die Welt des Skurrilen und des Wahns ab. Wohl auch, um der bitteren Realität im Sanatorium zu entfliehen. Alles, was auf der Bühne zu sehen ist, geschieht in Elsas Kopf. Mit einem musikalischen Flirren und Flimmern in höchsten Tönen schafft Sciarrino eine surreale, traumähnliche Atmosphäre. Dazu spricht, wispert, singt und rezitiert Elsa und verleiht ihrer Verzweiflung und ihrem Wahn Ausdruck. Während Lohengrin, genau wie Aida in Radames, der große Abwesende in Sciarrinos Oper ist. Mit Céline Steudler (Elsa/Sopran), Alexander Kaimbacher (Tenor), Salvador Pérez (Bariton), Javid Samadov (Bass), Rafał Tomkiewicz (Countertenor).

Péter Eötvös wurde 1944 in Székelyudvarhely (Transsilvanien) geboren. Mit 14 wurde er in Zoltán Kodálys Komponistenklasse an der Budapester Musikakademie aufgenommen. 1966 kam er durch ein Stipendium nach Köln und wurde Teil der musikalischen Avantgarde und Mitglied von Stockhausens Ensemble. 1979 – 1991 war er musikalischer Leiter des Ensemble intercontemporain und gab 1980 sein Dirigenten-Debüt bei den London PROMS. Als Erster Gastdirigent leitete er das BBC Symphony Orchestra, das Budapester Festivalorchester, das SWR Radiosinfonieorchester Stuttgart und seit 2009 das Radio-Symphonieorchester Wien. 1991 gründete er das Internationale Eötvös Institut für junge Dirigenten und Komponisten in Budapest. Eötvös zählt zu den erfolgreichsten Opernkomponisten unserer Zeit.

Salvatore Sciarrino Salvatore Sciarrino wurde 1947 in Palermo geboren und betont immer, wie stolz er ist, die Musik als Autodidakt erlernt zu haben. Er begann im Alter von zwölf Jahren zu komponieren und 1962 wurde im Rahmen der IV. Internationalen Woche Nuova Musica in Palermo zum ersten Mal ein Werk von ihm aufgeführt. Sciarrino ist ein umfassend gebildeter und interessierter Künstler und auch als Schriftsteller tätig. Er war drei Jahre lang künstlerischer Leiter des Teatro Comunale di Bologna und hat an den Konservatorien in Mailand, Perugia und Florenz unterrichtet. Seit 2004 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin und seit 2013 gibt er im Sommer regelmäßig Meisterkurse an der Accademia Musicale Chigiana in Siena. Er gilt heute als einer der renommiertesten Vertreter der neuen Musik Italiens.

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