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„Keine Alternative zu Plastik“

Bergmilch-Obmann Joachim Reinalter über die Tücken des Biomarktes und die fehlende Alternative für die Unmengen an Plastikverpackungen.

Tageszeitung: Herr Reinalter, die Bauernverbände im Alpenraum sagen, dass von den Verbrauchern zwar Druck zu mehr Bio gemacht wird, aber nicht entsprechend Bio-Produkte gekauft werden. In Bayern haben viele Molkereien deshalb einen Aufnahmestopp für Biomilch verfügt und in Tirol rechnet man mit einem Rückgang bei den Biobetrieben. Wie ist die Situation in Südtirol?

Joachim Reinalter: Die Zunahme an Mitgliedern im Biobereich ist nicht sehr groß, weil wir noch einen sehr guten Milchpreis haben, mit dem die Höfe überleben können. In Nordtirol mit 35 Cent pro Liter ist die Flucht zum Bio, wo man mehr Geld kriegt, hingegen fast eine gezwungene Maßnahme. In Bayern ist der Druck ebenso hoch. Generell ist der Anstieg im Biobereich größer als das Marktwachstum. Der Markt wächst langsam, aber jedes Jahr um einige Prozent. Das große Problem ist: Im Biobereich darf nicht das gleiche passieren wie in den 90ern im konventionellen Bereich, als die große Überproduktion den Preis ruinierte. Es darf nicht passieren, dass das Angebot die zögerliche Nachfrage übersteigt. In Italien kann das leicht der Fall sein.

Sehen Sie diesbezüglich eine Gefahr in Südtirol?

Nein. Der Bioabsatz ist gut, aber Bio ist noch eine kleine Nische. Es hängt natürlich vom Konsumenten ab: Wenn mehr nachgefragt wird, wollen sicher mehr Mitglieder Bio produzieren. Und die Molkereien werden auch mehr anbieten können.

Wie hoch ist in Südtirol derzeit der Anteil an Biomilch?

Rund vier Prozent.

Nehmen Sie auch wahr, dass mehr nach Bio geschrien wird als effektiv gekauft wird?

Ja, das ist effektiv so. Dem Medienecho zufolge müsste Bio bei über 50 Prozent sein. Effektiv sind die Verkaufszahlen bei weitem nicht dort. Zu sagen ist auch: Hätte nicht die Südtiroler Hotellerie Bioheumilch bei uns bestellt, wäre das Wachstum sicher nicht so groß gewesen. Insgesamt ist das Wachstum aber relativ gering, sodass es noch länger dauern wird, bis entscheidende Marktanteile entstehen. Mit der Marke Südtirol haben wir aber schon ein sehr hochwertiges Qualitätsprodukt. Wenn Biokäse aus Südtirol statt Käse aus Südtirol auf dem Produkt steht, ist das kein entscheidender Marktvorteil. Entscheidend ist „Käse aus Südtirol“.

Wie hoch sehen Sie das Bio-Potenzial in den nächsten Jahren?

Insgesamt ist ein stetiges Wachstum gegeben. Es werden sicher mehr Mitglieder umstellen. Ein plötzliches Wachstum wie in Deutschland, wo sich die Milchlieferantenzahl in zwei Jahren fast verdoppelt hat, ist aber nicht vorstellbar. Das wäre unmöglich zu händeln auf dem Markt und würde Einbußen bei den Verkaufspreisen verursachen.

Ein anderes brennendes Thema ist Plastik. Gerade bei Milchprodukten wie Joghurt gibt es Unmengen an Plastik. Wie will man dieses Problem angehen?

Wir haben schon vor einigen Jahren versucht, das zu lösen. Bei unserem sogenannten K3-Becher wird die Struktur durch Karton gegeben, den man abreißen und gesondert verwerten kann. Es wird nur mehr wenig Plastik verwendet. Aber zurzeit sind wir alle ganz intensiv auf der Suche nach Alternativen. Wir arbeiten mit der Uni und unabhängigen Labors. Danone etwa hat es mit Maisstärke versucht, aber nach einem Jahr wieder vom Markt genommen, weil die Haltbarkeit des Produktes nicht gewährleistet ist. Die Frische- und Gesundheitsgarantie mit einer Haltbarkeit von mindestens 70 Tagen gibt zurzeit nur Plastik. Auf dem Markt gibt es auch Zuckerrohrprodukte, aber wenn wir statt Plastik Zuckerrohr verwenden, muss für die Herstellung Regenwald abgeholzt werden. Das ist auch keine langfristige Lösung. Wir suchen also intensiv nach Lösungen, aber zurzeit ist nur Plastikreduktion eine Möglichkeit. Wir hoffen auch, dass in den Gemeinden das Plastikrecycling weiter vorangetrieben wird, damit das Plastik zumindest wiederverwertet werden kann, denn Joghurtbecher sind aus hochwertigem Plastik.

Das meistens im Restmüll landet – auch weil viele Recyclinghöfe keine Joghurtbecher annehmen…

Leider landet viel im Restmüll – und leider recyceln viele Gemeinden das Plastik nicht. Wir hoffen, dass auch das Land mithilft, damit die Strukturen geschaffen werden. Denn das reine Plastik von Plastikflaschen oder Joghurtbechern kann leicht wiederverwertet werden. Natürlich ist es ein Aufwand, den Karton abzureißen und die Becher zu reinigen. Aber wenn man etwas für die Umwelt tun will, muss man auch diesen Aufwand in Kauf nehmen. Ganz einfach und gratis geht es nicht.

Glas oder Plastik-Pfandflaschen bei Milch werden nicht ausreichend von den Verbrauchern angenommen?

Das ist sehr schwierig. Besonders Plastik-Pfandflaschen sind hygienisch schwierig zu händeln, weil die Reinigungsmaschinen so eingestellt werden müssen, als ob altes Motoröl dringewesen wäre. Das ist eine große Herausforderung für die Betriebe, aber wenn eine Flasche 30-mal wiederverwendet werden könnte, ist das umwelttechnisch sinnvoll. Einwegglas ist von der CO2-Bilanz her hingegen das schlechteste Verpackungsprodukt überhaupt. Deswegen ist Einwegglas, was bei Joghurt ein Muss ist, auch keine Zukunftslösung. Stattdessen braucht es die Suche nach einem Material, das die Hygienevorschriften einhält, die Frischegarantie gibt und umweltmäßig Vorteile bringt. Aber wir haben bislang noch kein solches Material auf dem Markt gesehen. Die Lösung ist trotz intensiver Suche noch nicht gefunden.

Interview: Heinrich Schwarz

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (4)

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  • silberfuxx

    ……die Industrie findet sehr wohl und sehr schnell ALTERNATIVEN……..wenn der KONSUMENT sie durch NICHTKAUFEN von Plastik DAZU ZWINGT………

  • alsobi

    Der Meinung bin ich auch, der Weg führt nur über den Konsumenten.

  • yannis

    sehr wahrscheinlich würde der Becher dann komplett aus Aluminium entstehen, der Deckel ist es ja schon.
    Zudem ist Aluminium recht leicht zu recyclen, wobei dieser Prozeß, gegenüber der Primär-Alu-Herstellung deutlich über 90% weniger an Energie verbraucht.

  • ostern

    Frage: gibt es Milch seit dem es nur Plastikverpackungen gibt?
    Die gesetzlichen und Hygienischen Bestimmungen haben sich natürlich im Laufe
    der Jahre geändert, keine Frage, aber sagt mir nur nicht es gibt keine Alternative !
    Könnte sein, dass auch andere Spekulationen im Hintergrund sind. (Milch-Geld-Preis?)

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