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Die Nashornschützerin

Bei der Arbeit: Mit einem betäubten Nashorn (Foto: LiSi Raich_catheter placement_Fidu)

Das unaufhaltsame Sterben von Nashörnern und Schuppentieren: Tierärztin Friederike Pohlin aus Percha arbeitet in Afrika mit Nashörnen. Im Interview spricht sie über den Handel mit Horn auf dem Schwarzmarkt und über die brutale Jagd auf die Tiere.

TAGESZEITUNG: Frau Pohlin, was verschlägt eine junge Frau aus Wielenberg, Percha, in die afrikanische Wildnis?

Friederike Pohlin: Für Wildtiere hatte ich immer schon eine große Passion. Es war für mich immer klar: Ich möchte Tierärztin werden. Während des Veterinärstudiums in Wien habe ich mich vor allem mit Haustieren beschäftigt und eine große Leidenschaft für Pferde entwickelt. Kurz vor meinem Studienabschluss wurde ich jedoch zum „SYMCO 2013“ in Südafrika eingeladen. Das ist ein Wildtiersymposium für Veterinärmedizin-Studenten, das alle zwei Jahre stattfindet und auf 60 Teilnehmer aus der ganzen Welt beschränkt ist. Bei diesem Symposium konnten wir die Tierärzte im Krüger Nationalpark bei ihrer Arbeit mit den Nashörnern und Elefanten begleiten und wurden über die Problematik der Nashornwilderei aufgeklärt.

Stichwort Nashornwilderei: Was kann man sich darunter vorstellen?

Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es über 500.000 Nashörner in freier Wildbahn. Heute gibt es weniger als 30.000, wovon knappe 80 Prozent in Südafrika leben. Von den fünf Nashorn-Arten findet man in Afrika das Spitzmaul- und das Breitmaulnashorn. Beide Arten sind vom Aussterben bedroht. Das letzte männliche Breitmaulnashorn der nördlichen Unterart ist letztes Jahr in Kenia verstorben und jetzt gibt es nur mehr zwei Weibchen. Von der südlichen Unterart gibt es noch 18.000 Tiere. Der Grund für das Aussterben der Tiere ist neben der Habitatfragmentierung, die Wilderei. Seit 2013 werden alleine in Südafrika jährlich um die 1.000 Nashörner wegen ihrem Horn gewildert. Das bedeutet: alle acht Stunden stirbt ein Nashorn! Dabei geht es brutal zu. Die Tiere werden mit Waffen angeschossen und ihr Horn wird mit der Axt oder einer Kettensäge bis zum Nasenknochen hin abgehackt. Dabei werden die Knochenstrukturen sowie Nasennebenhöhlen, Nerven und Gefäße weitgehend exponiert. Das müssen unglaubliche Schmerzen sein. Oft überleben die Nashörner den Schuss und sterben erst anschließend unter großen Qualen. Nachdem ich das alles gelernt hatte war mir klar, dass ich im Nashornschutz tätig sein möchte.

Welche Ausbildung haben Sie dann gemacht?

Der nächste logische Schritt, um mein neues Ziel zu erreichen, war Erfahrung als Tierärztin zu sammeln. Ich habe mich also für ein Internship in der Wildlife and Referral Clinic in Belize, einem kleinen Land zwischen Mexiko und Guatemala, entschieden. Dabei ging es vor allem um die Rehabilitation verwundeter oder beschlagnahmter Wildtiere.  Von Leguanen, die vom Hund gebissen worden sind über Waschbär-Welpen, die ihre Mutter verloren hatten, bis zu Brülläffchen mit gebrochenen Extremitäten, war alles dabei. Einer unserer Patienten war zum Beispiel ein Krokodil, dem man das Maul zugeklebt hatte, um es an Maya-Ruinen als Fotomotiv für Touristen auszustellen. Für ein Krokodil ist das Maul ein sehr wichtiges Organ, das es zur Temperaturregelung benötigt. Wird diese Funktion eingeschränkt, kann dies fatale Folgen für das Tier haben. Glücklicherweise wurde dieses Tier beschlagnahmt.

Sie haben Belize irgendwann wieder verlassen…

Ich bin dann wieder zurück nach Wien gezogen, wo mein jetziger Mann und meine zwei heißgeliebten Haflinger auf mich warteten. Außerdem konnte ich mich dort akademisch weiterbilden und ein Masterstudium in Wildtierökologie und Wildtiermanagement an der BOKU absolvieren. Gleichzeitig habe ich weiterhin als Tierärztin in einer Gemischtpraxis und Kleintierklinik gearbeitet. Es gelang mir meine Masterarbeit, über saisonale Änderungen der Herzratenvariabilität in Przewalski’s Pferden, bei Kongressen vorzustellen, wo ich schlussendlich meinen heutigen Chef, Professor Leith Meyer, kennengelernt habe. Er hat mir die Möglichkeit gegeben das „Rhino translocation project“ im Rahmen einer PhD-Arbeit an der University of Pretoria, zusammen mit South African National Parks, zu starten.

Warum  sind die Transporte von Nashörnern nötig?

Umsiedlungen, oder Translokationen, sind eine wichtige Managementmaßnahme im Artenschutz der Nashörner. Wenn alle Tiere an einem Ort belassen werden, kann das für die Art sehr gefährlich sein. Bei einer Umweltkatastrophe zum Beispiel sind alle Tiere auf einen Schlag weg. Auch die Fortpflanzung funktioniert in kleineren, dafür an mehreren Orten verteilten Populationen, oft besser. Die Genetik der Tiere kann gezielt verbessert werden, der Lebensraum erweitert und der Wildereidruck minimiert. Die NGO „Rhinos Without Borders“ zum Beispiel siedelt Nashörner aus Gegenden mit hohem Wildereidruck in Gegenden mit minimaler Wilderei um. Das WWF Black Rhino Range Expansion Project hingegen befasst sich hauptsächlich mit der Erweiterung des Verbreitungsgebietes der Spitzmaulnashörner. Bei meiner PhD-Arbeit hatte ich, neben der Arbeit im Krüger Nationalpark, das Glück diese zwei Projekte begleiten zu können. Dabei habe ich wertvolle Blutproben der Nashörner entnommen, um ihr Wohlergehen während des Transportes zu beurteilen.

Schuppen von Schuppentieren oder die Hörner von Nashörnern scheinen beliebte Handelsware auf dem Schwarzmarkt zu sein. Warum?

Das Schuppentier ist das meistgehandelte Säugetier der Welt. Es wird geschätzt, dass über 1.000.000 Schuppentiere in den letzten zehn Jahren gewildert worden sind. Dazu gibt es eine tolle NGO in Vietnam,  Save Vietnams Wildlife, wo vor einiger Zeit über 200 illegal gehandelte Schuppentiere beschlagnahmt wurden. Ich war damals mit am Start. Man muss sich einmal vorstellen, wie lange diese Tiere wohl in diesen Transportern festsaßen, ohne Futter und ohne Wasser. Schuppentiere sind nachtaktiv und sehr schwer zu finden. Der Großteil dieser Tiere kam vermutlich aus den Nachbarländern und hat bei der Ankunft noch gelebt. Gemeinsam mit dem Team der NGO haben wir die Tiere medizinisch versorgt. Zwischen der Arbeit mit den Nashörnern und den Schuppentieren gibt es Gemeinsamkeiten: Die Schuppen der Schuppentiere bestehen genauso wie Hörner der Nashörner aus Keratin, also abgestorbenen Hautzellen, vergleichbar mit einem Fingernagel. Es sind eben diese Produkte, die auf dem Schwarzmarkt so begehrt sind und zur Wilderei der Tiere führen.

Warum werden diese Produkte am Schwarzmarkt gehandelt?

Mit dem illegalen Tierhandel werden jährlich bis zu 28 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Es ist also ein sehr lukratives Geschäft. Die Schuppen werden zu Pulver verarbeitet und als Medizin in Ländern wie China und Vietnam gehandelt. Das Fleisch der Schuppentiere gilt außerdem als Delikatesse. Die Hörner der Nashörner werden auch als Medikament verwendet, sehr beliebt ist dies in der Krebs-Therapie. Das Pulver aus Hörnern wird aber auch als Partydroge oder als Grippe-Medikament benutzt. Oft ist ein Horn auch nur ein Investitionsobjekt, weil es sehr wertvoll ist. Ein Kilo Horn ist mehr wert als ein Kilo Gold – im Moment zwischen 80.000 und 100.000 US-Dollar.

Nashörner, Elefanten oder Schuppentiere stehen unter Schutz: Reicht das nicht?

Der illegale Wildtierhandel ist organisiertes Verbrechen, es ist ein sehr lukratives Geschäft und die Nachfrage nach den Tierprodukten ist groß.

Friederike Pohlin (Foto: Henna Kaarakainen_Fidu)

Wie können Wildtiere tatsächlich geschützt werden?

Ein wichtiger Schritt in der Bekämpfung des illegalen Tierhandels sind politische Entscheidungen sowie Bildung. Jeder Mensch kann eigentlich Dinge tun, um dem illegalen Tierhandel entgegenzuwirken. Es gibt in Touristengebieten oft Tiere, die als Fotomotiv herhalten müssen oder kleine Affen, Reptilien oder Vögel, die als Haustiere verkauft werden. Davon werden wiederum Videos auf social media geteilt, weil sie so süß ausschauen. Das teilen dieser Videos führt schlussendlich dazu, dass die Nachfrage an diesen Tieren steigt und somit auch die Wilderei.

Wie sieht Ihre Arbeit für die Tiere in Afrika aus? 

Oft sitze ich am Computer und beantrage Genehmigungen, die sind nämlich immer nötig, wenn man mit Wildtieren arbeiten will. Eines meiner aufregendsten bisherigen Projekte war die Umsiedlung von Breitmaulnashörnern von Südafrika nach Botswana mit Rhinos Without Borders. Von 40 Tieren haben wir 32 mit großen Trucks gefahren und acht mit einer C130 Hercules geflogen. Was für ein Erlebnis! Generell werden die Nashörner mit einem Narkosepfeil von einem Helikopter aus immobilisiert. Eine Narkose beim Nashorn ist mit  Komplikationen verbunden und man sollte versuchen, die Zeit so kurz wie möglich zu halten. Schnell setzte ich einen Katheter zur Blutentnahme, um das Tierwohl zu checken. Oft werden die Nashörner zusätzlich enthornt. Es gilt zu sagen, dass das Horn, wie ein Fingernagel, wieder nachwächst und das Enthornen nur kurzfristig vor Wilderei schützt. Manchmal werden die Tiere nichts desto trotz gewildert.

Welche schönen oder besonders schlimmen Erlebnisse haben sich ganz besonders in Ihr Gedächtnis gebrannt?

Schön ist, wenn man sieht, dass die Tiere in der Wildnis freigelassen werden können, wo sie sicher sind. Das Okavango-Delta in Botswana ist unglaublich schön und wild. Das Freilassen der Tiere ist aber immer auch mit ein bisschen Sorgen verbunden, ob auch tatsächlich alles gut gehen wird.

Ein besonders schlimmes Erlebnis…

Die Beschlagnahmung der Schuppentiere war sehr traurig, da viele Tiere im Nachhinein an den Folgen des Transportstresses erkrankt sind. Oft haben die Tiere Durchfall bekommen oder eine Lungenentzündung entwickelt und sind daran verstorben. Der Anblick eines lebenden Nashornes, das der Wilderei zum Opfer gefallen ist, ist natürlich auch nicht schön…

Haben Sie vor, irgendwann als Tierärztin in Südtirol zu arbeiten oder bleiben Sie in Afrika?

Es wird mich natürlich immer nach Südtirol ziehen, das ist schließlich mein zu Hause. Auf jeden Fall will ich aber die Arbeit mit den Nashörnern in Südafrika weiterführen, wo wir in näherer Zukunft bereits einiges geplant haben. Das eine schließt das andere aber nicht aus, und ich bin schon gespannt, was sich in Zukunft noch so ergeben wird.

Interview: Silke Hinterwaldner

*Zur Person: Tierärztin und Wildtierökologin Friederike Pohlin ist 1987 geboren und in Wielenbach bei Percha aufgewachsen. Sie befindet sich derzeit in der Facharztausbildung für Anästhesie.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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