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„Er sitzt in der Bar“

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Der Apotheker Jörg Aichner bemängelt: „Es kommt immer wieder vor, dass Männer ihre Ehefrauen in die Apotheke schicken, um für sie ein Arzneimittel zu holen – nur weil sie nicht reinkommen wollen.“

von Eva Maria Gapp

Der Klausner Apotheker Jörg Aichner schüttelt den Kopf: „Erst vor kurzem war wieder eine Frau bei mir, weil sie ein Erkältungsmittel für ihren Mann kaufen wollte. Als ich sie dann frage, wo ihr Mann denn ist und ob er nicht selbst in die Apotheke kommen könnte, sagt sie nur: Nein, er sitzt in der Bar. Er will nicht hereinkommen.“

Für Aichner kein Einzelfall. Der Apotheker ist immer wieder mit solchen Situationen konfrontiert: „Es kommt immer wieder vor, dass Männer ihre Ehefrauen in die Apotheke schicken, um für sie ein Arzneimittel oder dergleichen zu holen – nur weil sie nicht reinkommen wollen. Sie warten dann vor der Apotheke oder bleiben zu Hause.“ Auch mit Müttern, deren erwachsene Söhne nicht in die Apotheke kommen möchten, habe er immer wieder zu tun: „Erst jetzt kam eine Mutter eines 21-jährigen Sohnes zu mir, weil sie etwas für ihn kaufen wollte. Ich habe dann aber gesagt, dass der Sohn selbst herkommen muss. Daraufhin sagte sie: Das tut er nicht.“

Dass Männer Vorsorgemuffel sind, ist bekannt. „Männer trinken und rauchen mehr als Frauen und sind nicht so fleißig mit Gesundheitschecks“, sagt Aichner. Dass sie aber sogar den Gang in die Apotheke scheuen, weniger. „Man spricht nicht gerne darüber. Dabei wäre es wichtig, dass die Männer endlich einsehen, dass sie mehr auf ihre Gesundheit achten sollen. Damit ist auch gemeint, dass sie in die Apotheke gehen und nicht die Frauen vorschicken. Nur so kann man ihnen gezielt helfen“, betont er. Denn ein Mitgrund, warum Männer nach wie vor früher sterben ist, dass sie sich weniger um ihre Gesundheit kümmern.

Zugleich appelliert er auch an die Ehefrauen: „Es wäre wichtig, dass sie sich nicht ständig von ihren Männern überreden lassen, in die Apotheke zu gehen. Hilfreich wäre mit den Männern darüber zu sprechen. Man könnte zum Beispiel sagen: Bitte gib Acht auf deine Gesundheit – wenn schon nicht für dich selbst, dann doch wenigstens für die Familie“, sagt er. Doch warum gehen Männer überhaupt so ungern zum Arzt oder in die Apotheke? „Die Ansicht, dass Männer keine Probleme haben und nicht krank werden dürfen, ist leider noch immer weit verbreitet. Denn Krankheit assoziieren viele Männer mit Schwäche – und ein Mann darf niemals schwach sein“, sagt Aichner. Krank und nicht mehr leistungsfähig zu sein, sei also für Männer etwas Furchtbares.

Zudem seien viele Männer auch nicht gewohnt, über ihre eigenen Befindlichkeiten zu reden. Das sieht der Apotheker immer wieder: „Männer tun sich einfach schwer zu beschreiben, was ihnen wirklich fehlt. Es passiert oft, dass ein Mann hereinkommt und sagt, ich brauche irgendetwas für die Grippe. Wenn ich dann aber sage, je besser Sie ihre Beschwerden beschreiben, desto besser kann ich Ihnen helfen, sagen viele nur: „Ich habe das, was jetzt allen fehlt.“

Ein großer Unterschied ist auch, dass Frauen statistisch gesehen mehr Medikamente verschrieben werden als Männern. Das liege unter anderem auch daran, dass Frauen sich häufiger in medizinische Behandlung begeben, und viele Frauen im Gegensatz zu den Männern die Antibaby-Pille einnehmen. Gleiches gelte auch für Antidepressiva: „Frauen bekommen von Ärzten deutlich mehr Antidepressiva verschrieben als Männer. Das liegt daran, dass Frauen eher die typischen Symptome einer Depression zeigen, nämlich passives, zurückgezogenes und unmotiviertes Verhalten. Während sich die männliche Depression durch Alkoholmissbrauch, Wutausbrüche oder Unausgeglichenheit zeigt. Das führt dazu, dass Depressionen bei Männern häufig verzögert oder gar nicht erkannt werden“, erklärt Aichner.

Um dem entgegenzuwirken wäre es laut Aichner wichtig, die Öffentlichkeit stärker für das Thema Männergesundheit zu sensibilisieren: „Die gesundheitlichen Probleme der Männer werden viel zu wenig thematisiert.“ Zudem sei es wichtig, dort anzusetzen, wo Männer sich vorwiegend aufhalten: „Hilfreich wäre, wenn man verstärkt Vorträge in Sportvereinen, Feuerwehren oder dergleichen machen würde“, erklärt er. Umso mehr möchte der Apotheker nochmals betonen: „Wir müssen Männer dazu bringen, ihre Körperlichkeit und ihre Gesundheit ernster zu nehmen.“

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