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„Der Wolf will Kraft sparen“

Zwei Wolfsexperten erklären, warum es nicht ungewöhnlich ist, dass Wölfe auf Skipisten unterwegs sind – und warum keine Gefahr für Menschen ausgeht.

von Eva Maria Gapp

Die Wolfsdebatte ist wieder neu entfacht: Nachdem am Montagvormittag am helllichten Tag auf der Skipiste La Brancia im Gadertal ein Wolf gesichtet wurde – zu diesem Zeitpunkt herrschte ganz normaler Skibetrieb – ist die Beunruhigung in Südtirol groß. Zumal erst letzte Woche ein Schneekatzenfahrer auf der Pralongià-Piste ein Wolfsrudel gefilmt hat, das im Scheinwerferkegel die Piste überquerten, um kurze Zeit später im Wald zu verschwinden. Dabei ließen sich die acht Wölfe weder vom Motorengeräusch, noch vom Licht stören (Die TAGESZEITUNG hat über beides berichtet).

Seitdem sprechen einige sogar von einer neuen Qualität der Bedrohung. Man fühle sich hier nicht mehr sicher. Die Wintersportler und Kinder seien in Gefahr. Doch muss man sich wirklich Sorgen machen? Warum sind Wölfe überhaupt auf Skipisten unterwegs? Und warum verirrt sich ein einzelner Wolf am helllichten Tag in ein Skigebiet?

Die bekannte Wildtierbiologin Gudrun Pflüger hat jahrelang mit Wölfen zusammengelebt, und verbrachte einen ganzen Nachmittag inmitten eines wilden Wolfsrudels. Sie hat Wölfe aus nächster Nähe studiert. Pflüger weiß somit, wovon sie spricht. Sie hat sich das Video und die Fotos mit den Wölfen aus Gadertal näher angesehen und hält die Situation für nicht besorgniserregend. „Dass Wölfe im Winter auf Skipisten unterwegs sind ist nichts Ungewöhnliches, sondern etwas ganz Typisches“, betont sie.

Das habe auch einen ganz speziellen Grund: „Im Winter ist es für die Wölfe am kritischsten. Denn ihre Beutetiere, zum Beispiel Rothirsche und Rehkitze, sind gerade jetzt besonders schnell und stark, weil sie sich im Sommer vollgefressen haben. Die Jagd ist also nicht nur schwerer, die Wölfe sind auch jetzt gerade besonders hungrig. Daher muss der Wolf all seine Kräfte sparen, weshalb es ihn in Gegenden treibt, wo er dazu auch die Möglichkeiten hat: auf einfacheren Untergrund als Tiefschnee. Das heißt konkret auf Winterwanderwege, Langlaufloipen und eben auch auf Skipisten“, erklärt Pflüger.

Die „Energie-Schere“ zwischen dem Beutegreifer (Wolf) und seinen Beutetieren sei also jetzt am Größten. Laut Pflüger würde man dies auch im Video des Schneekatzenfahrers sehen: „Man sieht dort sehr gut, wie die Wölfe zögerlich werden, wenn sie durch den tiefen Schnee gehen müssen, weil ihnen bewusst wird, wie viel sie das Kraft abverlangen wird. Um Energie zu sparen, geht ein Wolf vor, und die anderen folgen ihm. Wölfe sind sehr intelligente Tiere“, erklärt die Wolfsexpertin. Zudem sind zu dieser Zeit die jungen Wölfe erstmals im „vollen Besitz ihrer Kräfte“ und gehen somit auch mit auf die Jagd. „Diese Jungtiere sind aber noch sehr unerfahren und haben jetzt auch besonders viel Hunger“, fügt sie hinzu.

Laut Pflüger heißt das aber nicht, dass diese Wölfe gefährlich für Menschen sind: „Wölfe greifen keine Menschen an. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Der Mensch passt nicht in das Beuteschema von Wölfen“, betont sie. Deshalb plädiert sie dafür, nicht in Panik zu geraten. „Man braucht sich wirklich keine Sorgen machen, auch nicht als Wintersportler. Kein Schneeschuhgeher, Skifahrer, Skipistenfahrer oder dergleichen ist in Gefahr“, betont Pflüger und fügt hinzu: „Das Wolfsrudel wollte wahrscheinlich zu einem bestimmten Ort, zum Beispiel dorthin, wo sie wissen, dass sich regelmäßig Beutetiere aufhalten. Es kann aber auch sein, dass sie einfach mal einen Erkundungsgang machen wollten oder auch ihrem Nachwuchs bestimmte Dinge zeigen.“

Ähnlich sieht es auch der Wolfsforscher und Verhaltensforscher Kurt Kotrschal: „Das Video und die Fotos haben mich nicht beeindruckt. Es gibt kein Grund zur Aufregung.“ Ungewöhnlich ist für ihn auch nicht die Tatsache, dass sich die Wölfe der Schneekatze bis auf wenige Meter genähert haben: „Dass sich Wölfe Autos nähern oder auch mal nachts oder am Tag durchs Dorf laufen, ist völlig normal. Sie haben keine Scheu vor Fahrzeugen. Wäre der Skipistenfahrer aber ausgestiegen, wären die Wölfe davongelaufen“, sagt Kotrschal. Er sieht die Polemik um den Wolf sehr kritisch: „Hier wird bewusst mit den Ängsten der Menschen gespielt, nur um Stimmung gegen den Wolf zu machen. Dabei geht keine Gefahr für Menschen aus. Es gibt so viele Wölfe, aber bislang ist nie etwas passiert“, betont er. Doch in der Bevölkerung würde noch sehr viel Unwissenheit herrschen.

Pflüger versteht auch nicht, warum immer eine so emotionsgeladene Diskussion über den Wolf geführt wird: „Ich kann es wirklich nicht verstehen. Die lautesten Stimmen kommen immer von jenen Menschen, die keine Ahnung von Wölfen haben. Leider werden die Wölfe als Projektionsflächen für unsere Ängste und Sorgen genutzt“, sagt sie.

Auf die Frage, warum sich aber ein einzelner Wolf am helllichten Tag auf die Skipiste wagt, sagt Pflüger: „Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein junger Wolf, der sich nur mal auf der Piste umsehen wollte. Er wollte nur die Lage checken“, sagt sie.

Sollte man einem Wolf dennoch aus nächster Nähe begegnen, gibt es laut Pflüger Verhaltensregeln, die man beherzigen muss: „Wichtig ist, dass man einen Wolf nie füttert und sich selbst nicht wie ein Beutetier verhält. Damit meine ich nicht weglaufen. Am besten ist es, stehen zu bleiben und nicht auf den Wolf zugehen. Wenn man eine Gruppe ist, und vom Wolf überrascht wird, ist es wichtig, dass man nicht auseinander geht, sondern auf jeden Fall nahe zusammenbleibt“, erklärt sie. Wichtig sei es außerdem, laut und bestimmt mit dem Wolf zu reden und sich zu denken: „Alles okay“. Den Betreibern der Bergrestaurants rät Kotrschal außerdem, keine Speiseabfälle im Freien zu deponieren.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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