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„Ich bin ein Patriot“

Felix von Wohlgemuth mit Marlene Pernstich (Foto: Die Grünen)

Der neue Grünen-Chef Felix von Wohlgemuth erklärt, warum die Südtiroler Grünen noch immer keine Volkspartei sind, was sie vom Team K unterscheidet – und warum er nicht glaubt, dass Arno Kompatschers Herz grün ist.

TAGESZEITUNG Online: Herr von Wohlgemuth, Sie haben mit Marlene Pernstich die Führung bei den Grünen übernommen. Warum tun Sie sich das an?

Felix von Wohlgemuth (lacht): Das haben mich mehrere schon gefragt. Es ist in erster Linie meine Leidenschaft für die Politik. Bei den Grünen kann man gut arbeiten.

Sie haben erklärt, Sie wollen die Grünen noch mehr zur Klimaschutz-Partei machen. Wollen Sie die Friday for Future-Bewegung vereinnahmen oder übernehmen?

Nein! Wir Grünen sind seit jeher für Klimaschutz und Nachhaltigkeit, mit Friday for Future ist der Klimaschutz jetzt mehr zum Thema geworden. Es gibt Überschneidungspunkte zwischen den Grünen und der Friday for Future-Bewegung. Aber Friday for Future ist eine Jugendbewegung, die nichts mit Parteien zu tun hat, diese Jugendlichen verlangen Antworten, und diese Antworten muss die Politik geben.

Haben Sie eine Antwort auf die Frage, warum die Grünen in Italien trotz des Höhenfluges in Deutschland, trotz Friday for Future nicht Fuß fassen können?

Schwierig. Italien hat eine andere Parteientradition, Italien hat sehr viele Splitterparteien im linken Spektrum. Gleichwohl hätte Italien einen Bedarf an einer ökologischen Partei, die auch viele jugendliche Gedanken umsetzen könnte. Ob man das schafft, weiß ich nicht.

In Südtirol kommen die Grünen ja auch nicht so richtig vom Fleck, sind seit Jahrzehnten eine 7-Prozent-Partei. Und dies trotz guter Presse. Liegt das an den Themen oder an den Personen?

Weder noch, würde ich sagen. Südtirol steht – was die Grünen betrifft – heute dort, wo Deutschland und Österreich vor 15 Jahren gestanden haben. Viele sehen in den Grünen noch immer die altklugen Weltverbesserer. Die Grünen haben sich strikt geweigert, die Politik als Marketing zu sehen, aber ich denke, dass es schon wichtig ist, die Botschaften zeitgemäß rüberzubringen. Ich kann nicht auf ein 40 Seiten starkes Basisprogramm verweisen und sagen: Ich habe tolle Ideen. Denn diese 40 Seiten liest kaum jemand durch.

Die Kommunikation das große Handicap der Grünen?

Ich denke schon, dass man sich überlegen muss, wie man die Sachen auch über den grünen Kosmos hinaus kommunizieren kann. Marlene Pernstich und ich kommen von der Gemeindearbeit, dort merkt und lernt man, wie man Themen ansprechen und Kompromisse eingehen muss, um als ernstzunehmende Oppositionskraft wahrgenommen zu werden.

Sind die Südtiroler Grünen zu sehr Mittelklassepartei, also die Partei der Lehrer, Beamten und coolen Advokaten wie Sie?

(lacht) Das glaube ich nicht. Wir haben sicher einen höheren Anteil an Akademikern wie andere Parteien. Dafür hat die SVP mehr Bauern, ich hätte lieber mehr Biobauern dabei. Kurzum: Wir wollen uns mit allen möglichen Schichten und Realitäten austauschen.

Spielt vielleicht in Südtirol der Mythos der Nein-Sager-Partei eine Rolle?

Das ist ein Mythos, der auch damit zusammenhängt, dass wir in den Gemeinden draußen vorwiegend auf die Missstände hinweisen. Es nützt niemandem, wenn wir Grüne der Mehrheit Beifall klatschen, das machen sie ja selbst. Daher bedeutet konstruktive Oppositionsarbeit aufzuzeigen, was nicht funktioniert, auch wenn man dann als Jammerer abgetan wird. Teilweise wird dieser Mythos auf von der Parteipresse so kommuniziert.

Ist es nicht noch immer so, dass die Grünen in den Augen vieler die Partei der Halbwalschen, also nicht autonomie-koscher sind?

Das wird von der rechten Opposition gern so dargestellt: Wir, die Anti-Patrioten, die alles schlecht machen, was Heimat ist und sogar unsere Kultur verleugnen. Das ist Blabla! Ich persönlich bin wirklich ein Patriot! Meine Familie ist seit 350 Jahren hier, meine Vorfahren haben mit den Schützen gegen Napoleon gekämpft, ich bin stolz, ein Südtiroler zu sein. Aber es gibt auch eine Familienrealität …

Und die wäre?

Meine Tochter ist eine halbe Pugliese. Wenn man in Südtirol patriotisch ist, muss man sich nicht auf das Südtirol von 1809 mental beschränken, man kann auf Land und Leute stolz sein, unabhängig davon, ob man seit 1000 oder seit 70 Jahren da ist. Ich glaube, die Grünen sind die einzigen, die die gesellschaftliche Realität widerspiegeln.

Ihre Tochter, hatten Sie gesagt …

Ja, meine Schwiegereltern stammen aus Apulien, sind vor vielen Jahren nach Stuttgart ausgewandert. Meine Frau spricht perfekt Hochdeutsch. Und meine Tochter ist in einer zweisprachigen Kultur aufgewachsen. Meine Tochter besucht jetzt den Kindergarten, in zwei Jahren müssen wir entscheiden, ob sie in eine deutsche oder in eine italienische Schule geht, dabei lebt sie die beiden Kulturen gleichberechtigt. Aus diesem Grunde würde ich mir wünschen, dass es eine zweisprachige Schule gäbe – als Mehrangebot …

Als Mehrangebot?

Ja, als Mehrangebot. Ich lasse mir auch nicht vorwerfen, ich wäre nicht patriotisch, nur weil ich eine Entscheidung treffe, bei der ich die Realität meiner Kinder vor Augen habe. Dieser dritte Weg mit zweisprachigen Klassen wäre der Wunsch vieler Eltern.

Worin unterscheiden sich die Grünen vom Team K des Paul Köllensperger?

(lacht) Das ist eine gute Frage. Ich mag die Leute vom Team K. Der Paul ist sehr kompetent, er macht seine Arbeit im Landtag recht gut. Der Unterschied ist, dass wir Grünen eine klare Mitte-Links-Kraft sind. Die Wähler, die eine Partei wählen, haben das Recht und den Anspruch auf klare Aussagen, und zwar nicht nur zum tagespolitischen Geschäft, sondern gesellschaftspolitische. Wenn ich mitte-links sage, dann sind diese Werte nicht verhandelbar, dann weiß jeder, dass ich beim Thema Doppelstaatsbürgerschaft nicht dafür sein kann.

Die Grünen sind berechenbarer als das Team K?

Das ist man dem Wähler schuldig! Das Team K verfolgt eine Strategie, die derzeit sehr modern ist: Man sagt, man sei nicht links und nicht rechts, man ist von allem ein bisserl. Der Vorteil ist, dass man nirgendwo aneckt, aber es ist dies in meinen Augen keine Art Politik zu machen. Sachpolitik soll im Vordergrund stehen, da hat das Team K recht, aber es braucht einen ideologischen Unterbau, sonst stellt sich – wie man beim Team K gesehen hat – schnell das Problem der Beliebigkeit. Dann unterschreiben eben einige für den Doppelpass und müssen ihre Unterschrift dann geschwind wieder zurückziehen.

Die SVP regiert in Bozen mit der Lega, dabei ist der LH tief in seinem Herzen ein Grüner. Wie geht das?

Ob Kompatscher tief in seinem Herzen ein Grüner ist, da bin ich mir nicht so sicher, auch wenn man das nach seiner Haushaltsrede hätten meinen können. Er ist sicher liberaler als andere in seiner Partei, aber er ist – was die Koalition mit der Lega angeht – sicher kein Bauernopfer. Kompatscher ist die Koalition mit der Lega eingegangen, er weiß, mit wem er sich ins Bett gelegt hat. Die SVP geht – meiner Meinung nach – auch bei den Gemeinderatswahlen in Bozen den falschen Weg. Anstatt zu sagen, man wolle einen Lega-Politiker als Bürgermeister in Bozen verhindern, will die SVP abwarten, wer die Wahlen gewinnt, um dann mitregieren zu können. Eventuell auch mit der Lega, die spaltend auf Südtirol wirkt, denn die Lega spaltet nicht nur links und rechts, sondern sie spaltet auch noch zwischen den Sprachgruppen. Und das ist ein gefährlicher Cocktail für das Zusammenleben.

Interview: Artur Oberhofer

 

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