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Der Obdachlosen-Alarm

Trotz des soeben eröffneten Winterhauses in der Bozner Carduccistraße, das eine private Bürgerinitiative trägt, müssen in der Landeshauptstadt weiterhin Dutzende Menschen auf der Straße schlafen. Darunter sind Frauen, Kinder und Minderjährige. Und die Nächte sind bitterkalt.

In den vergangenen beiden Nächten haben jeweils mehr als 40 Menschen im Winterhaus geschlafen, das Freiwillige führen. Doch der Bedarf ist weit größer. So baten am ersten Öffnungsabend (Dienstag, 10. Dezember) zwei Familien um Einlass, die nicht auf der Aufnahmeliste standen: eine Familie aus dem Libanon mit drei Kleinkindern und eine aus Albanien mit einem zweijährigen Kind. Trotz des bereits vollen Hauses wurde zusätzlicher Platz geschaffen.

Während des gestrigen Tages standen die Telefone im Winterhaus nicht still: Aus der Geburtshilfe des Bozner Krankenhauses kam ein Anruf mit der Bitte um Aufnahme einer Familie mit einem Neugeborenen und einem dreijährigen Kind. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Sozialdiensten meldeten sich: Sie suchen händeringend Unterkünfte für obdachlose Familien mit Kleinkindern. Auch die Kinder- und Jugendanwaltschaft hat sich gemeldet, weil sie dringend ein Dach über dem Kopf für Minderjährige braucht.

Bis März 2020 können im Winterhaus auf einer Etage Familien und Frauen schlafen, auf zwei weiteren Stockwerken sind obdachlose Männer aus dem In- und Ausland untergebracht. Auch mehrere junge Afghanen schlafen dort, die bereits gut Deutsch sprechen, in Bozen zur Schule gehen und bisher die Nächte im Freien verbringen mussten.

Das Kernteam der Ehrenamtlichen, das die Struktur organisiert, besteht aus Paul, Federica, Caroline, Barbara, Josef und Heiner. Mehr als 50 Menschen haben sich in den vergangenen Tagen bei ihnen zum freiwilligen Nachtdienst gemeldet. Die große Solidarität freut sie: „Die Zivilgesellschaft bewegt sich, die Politik nicht“, betonen sie. Das Winterhaus in der Carduccistraße sei ein vorübergehendes Projekt. Das Problem der Obdachlosigkeit in der Landeshauptstadt bleibe weiterhin immens groß und unbewältigt. Die Politik sei dringend gefordert, Lösungen zu finden, die langfristig wirken. Es dürfe nicht sein, dass Menschen – darunter Familien und Minderjährige – die eiskalten Nächte in den Parks und Wäldern rund um Bozen verbringen müssen, weil keine Unterkünfte angeboten werden. Die Gefahr des Erfrierens sei groß.

„Viele Anrufende fragen uns, wie obdachlose Menschen diese Kälte überhaupt überstehen“, berichten die sozial engagierten Bürgerinnen und Bürger aus Bozen. Sie haben in den vergangenen Tagen Unterstützungsangebote aus dem ganzen Land bekommen. „Wir können viel tun“, sagen sie. Aber sie wollen der Politik nicht die Verantwortung abnehmen.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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