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Die Zündler

Die SVP kann vom FC Südtirol lernen, wie man völlig unsinnige und nutzlose ethnische Diskussionen im Keim ersticken kann.

von Artur Oberhofer

Den ersten Bock schoss Stefano Vecchi: Nach dem souveränen 3:0-Heimsieg des FC Südtirol am vergangenen Sonntag gegen Sambenedettese beklagte sich der Cheftrainer der Weiß-Roten, dass so wenige Zuschauer ins Drususstadion gekommen seien. Das sei einer Stadt mit über 100.000 Einwohnern nicht würdig, so diktierte der Coach den Journalisten nach dem Spiel in die Blöcke.

Die offizielle Zuschauerzahl war mit rund 800 angegeben worden.

Was Stefano Vecchi nicht ahnte: Die Berichterstatter der italienischen Lokalblätter konstruierten aus der Enttäuschung des Trainers sogleich eine ethnische Geschichte. So zitierte der sonst recht gemäßigte Corriere dell’Adige einen Fan (einen Fan, sic!) mit der Aussage: Die italienischsprachigen Zuschauer kämen nicht mehr ins Stadion seit der FC Südtirol den Namen Alto Adige aus seinem Logo gestrichen habe.

Die Botschaft war in dem Artikel klar: So wie die SVP erst vor kurzem im Landtag in Tateinheit mit der Süd-Tiroler Freiheit versucht hatte, den Begriff Alto Adige auszuradieren, sei auch der FCS eine deutsche Bastion geworden.

Im Unterschied zur Volkspartei sind die Strategen beim FC Südtirol aber nicht so dumm, sich in eine völlig unsinnige, überflüssige und gefährliche ethnische Diskussion einzulassen. „Jede Sekunde, die man sich mit solchen Sachen beschäftigt, ist verlorene Zeit“, sagt FCS-Geschäftsführer Dietmar Pfeifer.

In dieselbe Kerbe schlägt auch Präsident Walter Baumgartner: „Alles Schmarrn, damit will ich mich gar nicht abgeben.“

Foto: Bordoni

Dass Stefano Vecchi mit seinen unbedachten Äußerungen das Spiel jener Kräfte in Südtirol gemacht hat, die den ethnischen Konflikt auch auf den grünen Rasen tragen wollen, goutieren die Vereinsverantwortlichen selbstverständlich nicht. „Ich verstehe die Aussagen des Trainers nicht“, sagt Präsident Baumgartner, „ich werde mit ihm reden, damit so etwas nicht mehr passiert.“ Ganz nebenbei, so der FCS-Chef, habe Vecchi völlig daneben gelegen. Denn wenn am Sonntag „nur“ 800 Zuschauer ins Stadion gekommen sind, dann habe dies nicht am Begriff Alto Adige gelegen, der aus dem Logo gekippt worden ist oder an den Italienern im Lande, denen der FCS zu deutsch ist – den meisten Deutschen ist der Verein bezeichnenderweise zu „walsch“ –, sondern am Wettergott, der es mit Südtirol nicht gut gemeint hat. „Wenn der Zivilschutz-Landesrat noch am Sonntag um 11.00 Uhr die Leute bittet, sie sollen zuhause bleiben, ist es nur allzu logisch, dass die Menschen nicht ins Stadion kommen“, sagt Dietmar Pfeifer.

Es sei schon ein kleines Wunder, dass 800 Leute gekommen seien. Außerdem habe der Verein am Sonntag nicht kommunizieren können, dass das Spiel stattfindet, weil die Entscheidung beim Schiedsrichter liegt. Und dieser habe erst um 14.45 Uhr entschieden, dass das Spiel FCS gegen Sambenedettese stattfinden kann. „Viele Menschen sind davon ausgegangen, dass das Spiel gar nicht stattfindet“, ist Dietmar Pfeifer überzeugt.

Die Vereinsbosse haben mit Trainer Stefano Vecchi bereits ein ernstes Wörtchen geredet, damit dieser in Zukunft den ethnischen Zündlern nicht mehr auf den Leim geht. Das letzte, was man beim FC Südtirol braucht, ist eine ethnische Diskussion.

Der Verein ist inzwischen strukturell so aufgestellt, dass er zum Sprung in die Serie B ansetzen kann. Paradoxerweise genießt der Club mit Sitz in der Bozner Cadornastraße außerhalb des Landes größeres Ansehen als in Südtirol.

Auch der Namen FC Südtirol stellt kein Problem dar. Im Gegenteil!

So ist es für die Gazzetta dello Sport und andere Fachblätter völlig normal, vom „FC Sudtirol“ zu sprechen. „Einige verwenden sogar schon das ,ü’“, sagt Präsident Walter Baumgartner. Der FC Sudtirol oder Südtirol ist also längst eine Marke. Nur im Land, wo derzeit noch Milch und Honig fließen, diskutiert man darüber, ob der Begriff Alto Adige im Logo aufscheint oder nicht.

Dietmar Pfeifer bringt dem Widersinn auf den Punkt: „Die großen Fußballclubs gehen auf Werbetour nach Asien, der Supercup wird in Doha ausgetragen, jeder versucht, seine Marke im Ausland, in anderen Kontinenten zu bewerben, und bei uns im kleinen Südtirol streitet man darüber, ob man einen Begriff in deutscher oder italienischer Sprache anführt.“

Auch was die Zuschauerzahlen anbelangt, sehen die Bosse beim FCS keinen Handlungsbedarf. Im Schnitt kommen 1.500 Zuschauer zu den Spielen des FCS. Das ist in einem Land, wo die Kirchturmpolitik im Amateurfußball sehr ausgeprägt ist, nicht wenig. Zu den Playoff-Spielen kommen 3.000 Zuschauer. „Gegen Cosenza und Viterbese hätten wir 6.000 Karten verkaufen können“, erinnert sich Dietmar Pfeifer.

Der FCS-Geschäftsführer ist überzeugt: Wenn in zwei Wochen Vicenza im Drususstadion zu Gast ist, werden mindestens 3.000 Zuschauer im Stadion sein.

„Wenn der sportliche Erfolg kommt“, so Dietmar Pfeifer, „dann ist auch die Bude voll.“

 

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