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„Einsamkeit macht krank“

Renata Plattner, Paolo Valente, Brigitte Hofmann, Agnes Innenhofes, Silvia Moser, Guido Osthoff

Das Thema „Einsamkeit“ stellt die Caritas Diözese Bozen-Brixen heuer in den Mittelpunkt ihrer Spenden- und Sensibilisierungsaktion „Not ist näher als du denkst“ rund um den Caritas-Sonntag, der am 17. November in den Pfarreien begangen wird und von Papst Franziskus zum „Welttag der Armen“ ausgerufen wurde.

„Niemand ist vor Einsamkeit gefeit. Sie kann plötzlich durch äußere Umstände über uns hereinbrechen oder sich schleichend in uns breitmachen. Bleibt sie zu lange unbemerkt, ist sie nicht nur unangenehm schmerzhaft, sondern sie kann Betroffene auch ernsthaft krankmachen“, warnt Caritas-Direktor Paolo Valente. Um dieser krankmachenden Einsamkeit entgegenzuwirken, bietet die Caritas in der Woche vor dem Caritas-Sonntag in verschiedenen Ortschaften Info-Abende zum Thema „Seelische Erste Hilfe“ ab. Die Südtiroler Bevölkerung bittet sie um Spenden, um der Not einsamer Menschen über die verschiedenen Caritas-Dienste im Land entgegenwirken zu können.

„Einsamkeit entwickelt sich in unserer Gesellschaft immer mehr zum Problem, weil immer mehr Menschen unter diesem Phänomen leiden. Laut Statistiken ist in Südtirol jeder dritte Haushalt ein Einpersonenhaushalt; mehr als 80.000 Menschen leben allein. Allerdings sind nicht nur viele ältere Menschen allein, sondern auch immer mehr Menschen in der Lebensmitte bzw. junge Menschen haben mit dem Problem zu kämpfen; ganz zu schweigen von den Kranken und Schwachen oder den Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben“, sagt Caritas-Direktor Paolo Valente. „Einsamkeit im Sinne von sozialer Isolation ist dabei nicht nur ein unangenehmes Gefühl, sondern ein extrem schmerzhafter Zustand, der sich – falls er länger anhält – sehr negativ auf die Gesundheit auswirken kann“, sagt Valente.

Vor allem Depressionen und andere psychische Erkrankungen können laut Wissenschaft die Folge sein; Einsamkeit kann aber auch körperliche Leiden verursachen. Deshalb stellt die Forschung Einsamkeit mit anderen Risikofaktoren gleich: Demnach ist Einsamkeit genauso schädlich wie Rauchen, Alkoholmissbrauch oder Fettsucht. Die Caritas versucht dieser krankmachenden Einsamkeit über verschiedene Caritas-Dienste entgegenzuwirken.

Bei der Caritas Telefonseelsorge, mitgetragen von der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft, steht das Thema „Einsamkeit“ von Beginn an – den Dienst gibt es mittlerweile seit 21 Jahren − an vorderster Stelle bei den Anrufen. „Dabei sagt oder schreibt natürlich kaum einer unserer Anrufenden oder Online-Ratsuchenden, dass sie einsam sind. Vielmehr leiden sie darunter, wenig beliebt, kontaktfreudig, unternehmensfreudig, attraktiv, erfolgreich oder gesund zu sein. Diese Gefühle durchziehen fast immer als Grundstimmung alle Anliegen und Krisen, wegen derer sich Menschen an uns wenden. Und dieses Phänomen hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt“, berichtet Silvia Moser.

Oft sind es auch eine schwere Erkrankung oder der Verlust eines lieben Menschen, die zu Einsamkeit führen. „Wenn der Körper leidet, kann auch die Seele leiden und umgekehrt“, sagt Agnes Innerhofer, die Leiterin der Caritas Hospizbewegung. „Die Diagnose einer schweren Krankheit trifft uns fast immer unerwartet und unvorbereitet und kann unser ganzes bisheriges Leben aus dem Lot bringen, häufig eben auch unser soziales Leben. Wir versuchen Betroffene in dieser schwierigen Zeit zu begleiten, ihnen eine Stütze zu sein und mit ihrer Situation zurecht zu kommen.“

Auch Beziehungsprobleme, Trennungen und Scheidungen können Gründe dafür sein, dass sich Betroffene aus der Gesellschaft zurückziehen, Kontakte zu anderen vermeiden und zusehends darunter leiden. „Nach Trennungen leben viele Männer oft erstmals in ihrem Leben alleine. Das überfordert sie meist und ist für sie schmerzhaft“, berichtet Guido Osthoff, Bereichsleiter der Caritas Männerberatung sowie der Caritas Schuldnerberatung. Einsamkeit ist häufig nicht nur ein seelisches Problem, sie kann auch zu materieller Armut führen, genauso wie materielle Armut Einsamkeit auslösen kann. „Wer nicht genug zum Leben hat, zieht sich immer mehr von den anderen zurück, droht zu vereinsamen und krank zu werden. Auch hier komme ich auf das Beispiel der getrennten Väter zurück. Sie sind häufig mehrfachbelastet: Sie zahlen Unterhalt für Kinder und Frau und müssen zusätzlich noch eine eigene Wohnung finanzieren. Die damit verbundenen Ausgaben sind auch bei relativ gutem Einkommen kaum zu bewerkstelligen. Schnell kann eine Überschuldung entstehen.“

„Auch die Pfarreien bestätigen uns, dass die Vereinsamung ein großes soziales Problem auf lokaler Ebene ist. Niemand ist vor Einsamkeit gefeit. Sie schleicht sich in alle Alters- und Gesellschaftsschichten ein. Dabei wird Einsamkeit oft als Makel empfunden, man schämt sich dafür, allein, einsam zu sein“, sagt Brigitte Hofmann, Leiterin des Bereiches „Caritas&Gemeinschaft“. Oft genüge deshalb ein gutes Wort, ein aufmerksames Zuhören, um Betroffene aus dieser Falle der Einsamkeit herauszuholen. Wie jemand angemessen auf solche seelischen Nöte reagieren kann, versucht die Caritas mittels der Veranstaltungsreihe „Seelische Erste Hilfe“ im Rahmen der Caritas-Woche, wie die Tage vor dem Caritas-Sonntag bezeichnet werden, zu vermitteln (siehe Termine). „Gerne können dann auch Pfarreien und Pfarrcaritasgruppen vor Ort eine solche Informationsveranstaltung organisieren, wir sind dabei gerne behilflich“, so Hofmann.

Die Caritas bezwecke mit ihrer Hilfsaktion „Not ist näher als du denkst“ einen dreifachen Zweck: „Einerseits möchten wir Betroffene dazu ermutigen, sich anderen Menschen anzuvertrauen und sich – wenn nötig – auch Hilfe zu suchen. Wir als Caritas bieten eine Reihe von Diensten an, welche Menschen dabei begleiten, ihre Einsamkeit zu durchbrechen. Freiwillige und Pfarrcaritas-Verantwortliche sind uns dabei eine unschätzbare Hilfe!“, unterstreicht Caritas-Direktor Paolo Valente. Andererseits möchten wir die Gesellschaft dafür sensibilisieren, achtsam mit ihren Mitmenschen umzugehen und ihren Sorgen und Nöten entgegenzuwirken, jeder auf seine Art und Weise. Jemand macht das z.B. durch Nachbarschaftshilfe, andere hingegen über Spenden, die uns dabei helfen, Menschen in Not – heuer speziell einsamen Menschen − beizustehen“, bedankt sich Valente für die Unterstützung. Spenden an die Caritas können am Caritas-Sonntag bei der Kirchensammlung gemacht werden oder über eine Banküberweisung unter dem Kennwort „Caritas“. „Wir sagen Ihnen dafür schon im Voraus Danke!“, schließt Caritas-Direktor Paolo Valente.

Die Spendenkonten der Caritas:

Raiffeisen Landesbank, IBAN: IT42 F0349311600000300200018;

Südtiroler Sparkasse, IBAN: IT17 X0604511601000000110801;

Südtiroler Volksbank, IBAN: IT12 R0585611601050571000032.

Intesa Sanpaolo, IBAN: IT18 B0306911619000006000065

Caritas-Dienste, die viel mit dem Thema Einsamkeit zu tun haben:

  • Telefonseelsorge: Jährlich wählen gut 10.000 Anruferinnen und Anrufer die inzwischen abgeänderte Telefonnummer 0471 052052 dieses Caritas Dienstes, der von der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft mitgetragen wird. Bereits seit Jahren sind die Themen Einsamkeit bzw. Bedürfnis nach Kontakt die Hauptgründe der Hilfesuchenden (2018 waren es 62 Prozent der Anrufer). Mehr als ein Drittel aller Anrufer lebt allein (36,8 Prozent).
  • Männerberatung: Jedes Jahr erhalten hier circa 300 Männer eine professionelle Beratung. Mehr als jeder Dritte sucht wegen Beziehungsproblemen oder Trennungen Hilfe. Dabei ist mehr als die Hälfte zwischen 40 und 60 Jahre alt.
  • Hospizbewegung: Der Caritas Dienst begleitet in vielfacher Weise jedes Jahr rund 1.000 Sterbende, deren Angehörige sowie trauernde Menschen. Bei ihnen allen geht es häufig auch um das Thema ungewollte Einsamkeit und Isolation.
  • Schuldnerberatung: Bei diesem Caritas Dienst wurden im Jahr 2018 1.250 Personen wegen finanzieller Schwierigkeiten beraten. Die vielfältigen Folgen von Armut und Überschuldung sind besonders bei alleinlebenden Menschen sichtbar und erfordern häufig auch psychosoziale Interventionen des Dienstes.

„Seelische Erste Hilfe“-Abende

Was tun, wenn es jemandem nicht gut geht? Was tun, wenn ich merke, dass jemand eine seelische Krise hat? Diese Fragen beantworten Fachleute an mehreren Informationsabenden in der sog. Caritas-Woche vom 12. bis zum 15. November zum Thema „Seelische Erste Hilfe“ in Bozen, Brixen, Meran und Bruneck. Die Vorträge werden in deutscher und italienischer Sprache angeboten. Organisiert werden sie von der Caritas Diözese Bozen-Brixen in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Suizidprävention (www.suizid-praevention.it).

Bozen (deutschsprachig)

Termin: Dienstag, 12. November, 19.30 bis 21.30 Uhr

Ort: Gries, Festsaal Münzbank, Freiheitsstraße 93

Referentin: Silvia Moser, Caritas Telefonseelsorge

Brixen(zweisprachig)

Termin: Dienstag, 12. November, 19.30 bis 21.30 Uhr

Ort: Pfarrheim, Domplatz 12

Referentin: Marlene Kranebitter, Notfallseelsorge

Meran (deutschsprachig)

Termin: Dienstag, 12. November, 19.30 bis 21.30 Uhr

Ort: Pfarrhaus Maria Himmelfahrt, Speckbacherstraße 24

Referentin: Irene Volgger, Caritas Hospizbewegung

Meran (italienischsprachig)

Termin: Mittwoch, 13. November, 19.30 bis 21.30 Uhr

Ort: Untermais, Gemeinschaftsraum, Etschmanngasse 22

Referent: Pierpaolo Patrizi, Caritas Iris

Bruneck (zweisprachig)

Termin: Donnerstag, 14. November, 19.30 bis 21.30 Uhr

Ort: Hannes Müller Haus, Mühlgasse 4/B

Referentin: Marlene Kranebitter, Notfallseelsorge

Bozen (italienischsprachig)

Termin: Freitag, 15. November, 20 bis 22 Uhr

Ort: Pfarrei S. Pio X, Barlettastraße 2

Referentin: Giulia Frasca, Caritas Hospizbewegung

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (3)

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  • josef.t

    Einsamkeit im Alter trifft so Manchen „unverschuldet“.
    Aber das ergibt sich vielfach auch aus eigener Schuld !
    Finanzielle Vorsorge ist völlig normal, was auch für dieses
    Phänomen gelten sollte ?

    • thefirestarter

      Finanziele Vorsorge….

      Das geht wenn man genug vedient wie etwa als Landesangestellter und/oder Bauer.
      Aber nicht wenige Arbeiter im Land bleibt am Ende von Monat nichts vom Lohn übrig.
      Und immer hoffen es passiert nicht unvorhergesehenes, das muss nicht mal eine Krankheit oder Zahnarzt sein, da reicht oft auch schon ein Blechschaden am dringen benötigten Fahrzeug um die Kassa nicht mehr stimmen zu lassen.

      • kurt

        Vom Land sind die Rentner immer schon alleine gelassen da spricht man mit Erfahrung ,speziell mit den jetzigen „Soziallandesrätin“ und den Arbeitnehmer“ Vertretern“ die nicht einmal den Titel Wert sind.

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