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„Wir wollten gemeinsam sterben“

Das Verfassungsgericht hat Sterbehilfe in Ausnahmen für straffrei erklärt. Mina Welby, die Vorkämpferin für das Recht auf würdiges Sterben, ist mehr als glücklich.

Tageszeitung: Frau Welby, Sie kämpfen nun schon seit vielen Jahren für die Legalisierung der Sterbehilfe. Nun hat das Verfassungsgericht in Rom die Sterbehilfe in Ausnahmen für straffrei erklärt. Ein Erfolg?

Mina Welby: Ja, das ist ein großer Erfolg. Endlich weiß ich, dass wirklich jeder frei ist, und das auch an seinem Lebensende. Ich kann es kaum in Worte fassen, wie glücklich ich bin. Wir hatten wirklich alle Tränen in den Augen, als wir vom Urteil erfahren haben. Einige meiner Kollegen haben auch die Korken fliegen lassen. Denn das Urteil des Verfassungsgerichts ist klar: Die Sterbebeihilfe ist nicht strafbar, wenn ein Kranker die Entscheidung sich das Leben zu nehmen, frei getroffen hat und unter einer unheilbaren Krankheit leidet, die mit unerträgliche Schmerzen einhergeht. Also in besonderen Umständen soll das nun möglich sein. Zugleich hat das Gericht das Parlament aufgefordert, nun ein Gesetz herauszubringen. Darüber sind wir sehr froh. Sterbehilfe soll nicht mehr strafbar sein.

Hatten Sie sich dieses Urteil erwartet?

Nein, man hatte schon ein wenig Bange vor dem Urteil, was werden die Richter wohl sagen, wie wird es weitergehen. Umso größer war dann die Freude, dass die Sterbehilfe von nun an in Ausnahmen straffrei sein wird.

Was hätte Ihr verstorbener Mann zu diesem Urteil gesagt?

Mein Mann wollte die Sterbehilfe für jene Menschen, die sie wirklich wollen. Also mit klarem Wissen und Gewissen nicht mehr weiterleben wollen und können. Denn mein Mann sagte immer: Der Mensch will nicht sterben, aber es gibt Momente, wo er wirklich nicht mehr weiterleben kann und wo sterben das einzige Mittel für das Leben ist. Denn das Beisammensein, die Kommunikation ist das wahre Leben. Wenn das Leben aber schwierig und leidvoll ist, dann soll unser Geist geschützt werden. Und das kann auch durch die Sterbehilfe geschehen.

Also wenn Menschen unerträglich leiden, sollen sie sterben dürfen…

Sterbehilfe muss für Menschen zugelassen werden, die am Ende ihres Lebens extrem leiden. Andernfalls lässt man die Menschen würdelos leiden. Es gibt ja auch viele Menschen, die sich aus Verzweiflung das Leben genommen haben. Ich kenne einen Mann, dessen Bruder vom Balkon gesprungen ist, weil er es nicht verkraften konnte, dass seine menschliche Würde nicht respektiert wird. Viele Menschen fühlen sich auch nicht verstanden.

Aus katholischen Kreisen kam dagegen Kritik am Urteil des Verfassungsgerichts. Man habe Angst, dass auch in Italien „Sterbehilfe-Kliniken“ nach Schweizer Vorbild entstehen. Was sagen Sie dazu?

Das soll absolut nicht passieren. Denn solche Kliniken saugen nur Geld aus den Taschen, deshalb muss die Sterbehilfe in öffentlichen Krankenhäusern passieren, und nicht in privaten Kliniken. Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass es hier um ein menschenwürdiges Sterben geht. Es geht hier um Menschen, die ganz extrem leiden am Lebensende,  die ihre Sterbephase als qualvoll oder auch als würdelos empfinden. Sie wollen nur mehr sterben. Und sie haben das Recht dazu. Ansonsten lässt man extrem leidende Menschen im Stich. Mein Mann war selbst sehr krank, litt seit seinem 16. Lebensjahr unter Muskelschwund. Zuletzt war er gelähmt und konnte nur noch sehr leise flüstern. Er wusste mit besten Wissen und Gewissen, dass er sterben will.

Vor 13 Jahren wurde dann auf Wunsch Ihres Mannes das Beatmungsgerät abgeschaltet, das ihn am Leben erhielt. Denken Sie oft noch an diese Zeit zurück?

Oh ja, ich denke immer an meinen Mann, und gerade jetzt umso mehr. Mein Mann wollte ja, dass die Sterbehilfe nicht mehr strafbar ist. Immer wieder kämpfte er für die Legalisierung der Sterbehilfe. Er selbst bezeichnete sich als einen Gefangenen des eigenen Körpers. Wir mussten damals in die Schweiz fahren, wo er dann einschlafen durfte.

Wie haben Sie sich damals gefühlt?

Ich habe mich wie in einem Todestrakt gefühlt, wie „Dead Man Walking“. Eine Frau, die eben im Tunnel des Sterbens ist, die zum Tod geführt wird. Ich habe damals zu meinem Mann gesagt: „Wir wollten doch gemeinsam sterben.“ Daraufhin sagte er zu mir: „Du hast noch viel zu tun. Du wirst das dann später verstehen.“ Ich verstehe immer besser, was er damit gemeint hat. Dass ich mich für das Recht auf würdiges Sterben einsetzen soll und für dieses Recht kämpfen soll.

Also haben Sie es dann als Ihre Aufgabe gesehen, dafür zu kämpfen…

Absolut. Wir Menschen haben zwei Leben: das geistige und das körperliche. Wenn der Geist und der Körper nicht mehr zusammenpassen, wir uns als Gefangenen des eigenen Körpers fühlen und nur mehr ausbrechen wollen, weil es so leidvoll ist, soll es möglich sein, in Würde zu sterben.

Dann wäre Ihr Mann jetzt sicher sehr stolz auf Sie…

(lacht) Ich denke, ja.

Sie kämpfen ja schon sehr lange für das Recht auf würdiges Sterben. Woher nehmen Sie die Kraft?

Ich habe viele Kollegen und Menschen, die mich lieben und auch unterstützen. Ich bin immer noch eine ironische und lustige Frau, und ich denke auch nicht, dass ich einmal Sterbehilfe brauchen werde. Aber ich wünsche mir für alle, die es wirklich wollen, ein Gesetz, mit dem ihr Wille und ihre Würde gesichert sind.

Interview: Eva Maria Gapp

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