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Eleganz, Intelligenz und Klangkultur

Peter Paul Kainrath: Wir suchen Künstler und keine Wunderkinder (Foto: Gregor Khuen Belasi)

Der 20jährige Bulgare Emanuil Ivanov hat das Finale des 62. Busoni-Klavierwettbewerbs mit einer Interpretation des selten gehörten Klavierkonzerts Nr. 2 Opus 22 von Camille Saint-Saëns für sich entschieden. Für den künstlerischen Leiter Peter Paul Kainrath war die Ausgabe  ein Fest des Klavierspiels.

Tageszeitung: Herr Kainrath, sind Ihnen während des Busoni-Wettbewerbs einmal Tränen in die Augen gekommen?

 Peter Paul Kainrath: Ich tendiere zu schamlosem Pathos. Tränen sind dennoch selten bei mir. Aber im Moment, wie der frisch gekürte Busonipreisträger Emanuil Ivanov nach vorne an den Bühnenrand trat, um sich zu verbeugen, überkam mich ein frohes Schauern. Hier dankte ein zwanzigjähriger Künstler nicht nur dem Publikum sondern blickte bereits in eine verheißungsvolle Zukunft.

Wie lautet Ihr Fazit zum 62. Busoni-Wettbewerb?

Wie vielleicht schon lange nicht mehr, war diese Ausgabe ein wirkliches Fest des Klavierspiels, weil bereits die jüngsten Talente den ganzen Reichtum in der Herangehensweise an das Klavier und die entsprechenden Meisterwerke aufgezeigt haben. Der stromlinienförmige, wettbewerbsrasende Typ hat an Dominanz verloren und es scheint ein Raum aufzubrechen, in dem es wieder fein gesetzte wie kultivierte Töne gibt. Vielleicht sogar ein Vorbote für einen erneuten gesellschaftlichen Wandel?

Ist der Jury die Entscheidung leichtgefallen?

Es hat wieder keinen Arturo Benedetti Michelangeli Preise gegeben, denn dieser setzt Einstimmigkeit voraus. In etwa vier Wochen werden wir alle Details zum einzelnen Abstimmungsverhalten veröffentlichen; da wird man dann sehen können, dass es spannend bis zum Schluss war.

Der Sieger Emanuil Ivanov aus Bulgarien hat schon einige erste Preise bei wichtigen Wettbewerben eingeheimst. Hat er das Zeug zu einem großen Pianisten?

Absolut – da gibt es keinen Zweifel. Er hat alles was es dazu braucht: Talent, Ernsthaftigkeit und Unverwechselbarkeit. Mit Ivanov kommt ein Pianistentyp zurück, der es versteht, Eleganz, Intelligenz und Klangkultur zu einem größeren Ganzen zusammenzuführen. Etwas überspitzt formuliert: die Röcke werden wieder länger, die Absätze niedriger und die Musik als Inhalt kommt wieder mehr zum vorderen Bühnenrand.

Der Sieger Emanuil Ivanov: Bereits in den ersten Takten hat er all seine Trumpfkarten gezeigt: Poesie, feinste Anschlagskultur und große Phrasierungskunst im Sinne einer natürlichen Rede. (Foto: Luca Guadagnini & Tiberio Sorvillo)

Was zeichnet ihn im Vergleich zur Zweitgereihten Shioir Kuwahar aus Japan und Giorgi Gigashvili aus Georgien aus?

Tiefe im Klangempfinden, Respekt vor dem Text, den die Komponisten niedergeschrieben haben und bereits eine Form von Aura, die maßgeblich für eine souveräne Bühnenpräsenz ist.

Das Publikum hat seine Sympathien Giorgi Gigashvili gegeben. Sie auch?

Ich persönlich habe Sympathien für alle drei Finalisten, weil ich deren Unterschiedlichkeiten und hohes Können schätze. Das Publikum soll sich aber ruhig für eine künstlerische Haltung begeistern und wenn dann im vollen Stadttheater Gigashvili im halsbrecherischen Galopp ohne Sturzhelm durch das dritte Prokofiev Klavierkonzert rauscht, ist der stürmische Applaus gewiss.

Emanuil Ivanov hat sich im Finale für das selten gespielte Klavierkonzert Nr.2 von Camille Saint-Saens entschieden. Hat das eine Rolle gespielt?

Es wurde nicht das Werk beurteilt, aber Ivanov hat intelligenterweise ein Klavierkonzert gewählt, das sich abseits der ausgetretenen Pfade befindet. Bereits in den ersten Takten hat er all seine Trumpfkarten gezeigt: Poesie, feinste Anschlagskultur und große Phrasierungskunst im Sinne einer natürlichen Rede. Man könnte beinahe behaupten, dass Ivanov künstlerisch gar ein wenig  mit dem diesjährigen Gewinner des Tschaikovsky Wettbewerbes, Alexandre Kantorow, verwandt ist. Es scheint sich gerade ein Wandel zu vollziehen von dem allzu Zirkushaften wieder zurück zu erlesener Klang – und Phrasierungskultur.

Den Preis für die beste Interpretation eines zeitgenössischen Werkes erhielt der Russe Valentin Malinin, der es nicht bis ins Finale schaffte. Liegen das Zeitgenössische und das klassische Repertoire so weit auseinander?

Es ist leider immer noch die große Ausnahme, dass die jungen Künstler das ganz große Bild angehen wollen, und zwar aus den Meisterwerken der Vergangenheit heraus die Gegenwart zu begreifen und einen Blick auf die Zukunft zu werfen und damit sich mit einem immensen Repertoire messen zu wollen.

Auffallend ist, dass die drei Finalisten nicht blutjunge, sondern bereits sehr konzerterfahrene Kandidaten waren. Wo sind die Wunderkinder?

Wunderkinder hören bekanntlich mit 15 Jahren auf, Wunderkinder zu sein. Entweder sind sie zu ernsthaften Künstlern geworden oder bereits untergegangen. Das hört sich zwar sehr nüchtern an, entspricht aber den kruden Tatsachen. Der Busoni Wettbewerb ist kein Jugendwettbewerb, sondern betrifft die Altersgruppe von 16 bis 30 Jahren. Wir suchen Künstler und keine Wunderkinder.

5 Kandidaten, ein Pole, ein Russe, zwei Kanadier und eine Chinesin, sind vor der Finalprüfung Kammermusik zurückgetreten. Warum?

Zwei Kandidaten haben sich eine Handverletzung zugezogen; der Russe Shishkin hat eben den zweiten Preis beim Tschaikovsky-Wettbewerb gewonnen – da war es nur weise, das Maximale aus diesem Erfolg zu holen und sich nicht einem erneuten Urteile einer gänzlich anderen Jury auszusetzen; die Chinesin wurde von der größten chinesischen Klavierfabrik zum global artist ernannt und erhielt eine Einladung ausgerechnet zur Busonizeit ein Konzert vor vielen Tausenden Zuhörern zu spielen; der fünfte Kandidat sah sich wohl der großen Herausforderung nicht gewachsen.

Die mysteriöse Klaviermacht China ist groß angetreten, dann aber ebenso schnell verschwunden. Sind die Scharen aus China abgerichtete Klavierkinder, die nur pflichtbewusst durchs Programm zu rattern vermögen?

Mehr als mysteriös zu sein, ist China noch ein junges Klavierland; im Unterschied zu Südkorea wo seit mehr als 20 Jahren auf höchstem Niveau Musikausbildung betrieben wird, sind in China die Strukturen erst im Entstehen; das wird sich bald ändern – da bin ich mir sicher. Allein schon die Teilnahme an einem Wettbewerb wie dem unsrigen, bringt den jungen Talenten einen enormen Schub in der Vorbereitung. Man darf da nicht ungeduldig sein. Jedenfalls wollen wir als Busoni Wettbewerb in China noch präsenter sein, denn da geschieht Zukunft.

Das Finale war erstmals auch in China per Streaming verfolgbar. Mit vielen Zugriffen?

Auf die genauen Zahlen warten wir noch, da aufgrund der Zeitverschiebung die abendlichen Veranstaltungen großteils zeitversetzt gesehen wurden; wir sind jedenfalls jenseits der 300.000er Marke und es heißt – ich verlasse mich da auf unsere Übersetzer, da ich leider des Chinesischen nicht mächtig bin -, dass wir eine angeregte Diskussion zum Thema Wettbewerb und Klavierspiel ausgelöst haben. Die chinesische Streaming Plattform Amadeus.tv will jedenfalls die Zusammenarbeit unbedingt ausbauen und es wird dazu bald ein Treffen in Peking geben.

Sie bringen mit jeder neuen Ausgabe Neuerungen in den Busoniwettbewerb. Geht das in diesem Rhythmus weiter?

Ideen sind kostenfrei und derer gibt es viele. Zur Umsetzung braucht es dann aber die entsprechenden Mittel. Unser Enthusiasmus ist jedenfalls ungebrochen und den Rhythmus wollen wir beibehalten wenn nicht gar noch weiter verdichten.

Interview: Heinrich Schwazer

 

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