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Perchiner Warnschuss

Foto: FB/Alex Ploner

600 Bürger hatten am Sonntag die Straße bei Percha blockiert. Warum der Stau absichtlich provoziert wurde. Was man von der Landesregierung erwartet. Und warum der Bürgermeister tatsächlich aus der SVP ausgetreten ist.

von Silke Hinterwaldner

Stefan Podhajski  hat immer gern in Südtirol Urlaub gemacht. Aber am Sonntag hat sich das grundlegend geändert: Am Vormittag steckte er plötzlich im Stau, mit an Bord seine schwangere Lebensgefährtin.

Grund für den Stau war die Kundgebung für den Bau der lang ersehnten Umfahrung von Percha. Von der  Auffahrt Bruneck West bis Percha, sagt Urlauber Podhajski, habe er  „ganze zwei Stunden und 15 Minuten auf 6,4 Kilometer an Lebenszeit verloren“. Er zeige zwar Verständnis für die Bedürfnisse der Bürger von Percha, aber kein Verständnis dafür, dass die Aktion nicht wie angekündigt eine Verzögerung von 20 Minuten, sondern weit mehr  Zeit in Anspruch genommen habe. Seinen Unmut machte Stefan Podhajski   in einem Brief an den Bürgermeister von Percha Luft.

Joachim Reinalter hat eine andere Sicht auf die Dinge. „Die Kundgebung war ein Riesenerfolg“, sagt der Bürgermeister, „es gab tolle Rückmeldungen von den Leuten.“ Beim Mobilitätstag am Sonntag hatten sich in Percha an der Straße rund 600 Bürger versammelt, mit Spruchbändern und Schildern ausgestattet, auf denen man lesen konnte: „Wir haben genug!“, „Wir wollen sicher über die Straße kommen!“ oder „Mehr Lebensqualität für Percha“. Wegen der Kundgebung bei Percha musste die Straße für rund 40 Minuten gesperrt werden, in der Folge gab es in beide Richtungen für mehrere Stunden Stau.

Dass sich die PKW im Hochsommer Stoßstange an Stoßstange durch das Dorf reihen, ist mittlerweile Alltag. Im Jahresdurchschnitt fahren auf diese Strecke täglich 19.000 Autos, an Spitzentagen im August können es auch über 30.000 sein. Dabei gibt es für Percha schon lange einen Plan für den Bau einer Umfahrung. Nur mit der Umsetzung hapert es. Als die Landesregierung im Juni per Beschluss die für die Planung vorgesehenen Gelder kurzfristig umgebucht hat, riss den Gemeinderäten in Percha der Geduldsfaden: Man beschloss eine Kundgebung zu organisieren. Und die SVP-Räte kündigten den Austritt aus der Partei an.

„Die Situation  an der Straße wird jedes Jahr schlimmer“, sagt Bürgermeister Reinalter, „deshalb mussten wir darauf aufmerksam machen, wie wichtig es ist, dass endlich etwas weitergeht.“  Das Verkehrsproblem an der Pustertaler Straße betrifft aber freilich nicht nur Percha, sondern das gesamte Einzugsgebiet: Auch der Bürgermeister von Rasen Antholz und Gemeindevertreter aus Olang und Niederdorf waren deshalb am Sonntag nach Percha gekommen, um Solidarität zu demonstrieren.

Aber, was bringt das alles? Wie geht es jetzt weiter? Joachim Reinalter hat in wenigen Tagen einen Termin beim Landeshauptmann. Dabei soll  vor allem ein weiterer Termin festgelegt werden: Jener für die Bürgerversammlung in Percha innerhalb September, bei dem Arno Kompatscher sein Konzept vorstellen soll. Erst dann wird sich zeigen, ob die Perchiner mit der Verkehrspolitik vor allem in Bezug auf die eigene Umfahrungsstraße einverstanden sind.

Davon wird wohl auch abhängen, wie es mit der Volkspartei in Percha weitergeht. „Wir müssen das Vertrauen der Bürger wieder gewinnen“, sagt Bürgermeister Reinalter, „ansonsten hat die SVP in Percha ohnehin keine Chance. Als kleiner Gemeindepolitiker fühlt man sich nicht gerade bestärkt, wenn man nicht weiterkommt.“ Von Jahr zu Jahr habe man die Leute vertröstet und immer wieder Versprechen abgegeben, die schlussendlich nicht gehalten wurden. Deshalb ist Reinalter ausgetreten – und mit ihm der Großteil der Gemeinderäte. „Ich bin im  Moment nicht Mitglied der SVP“, sagt er. Ob er es je wieder werden wird, lässt Joachim Reinalter offen.

Die Freiheitlichen in Percha haben dieses Problem nicht. In einem Aufruf an den Landeshauptmann sagen sie: „Es sollte Ihnen nun klar sein, dass nicht nur der Gemeinderat, Gemeindeausschuss und der Bürgermeister den baldigen Bau der Umfahrung fordern. Auch die Vereine der Gemeinde, die Kirche und zu guter Letzt die Bevölkerung haben unmissverständlich klar gemacht, dass es nun genug ist mit vertrösten und hinauszögern. Im September bei der Bürgerversammlung haben Sie die Möglichkeit, das Vertrauen wieder herzustellen.“

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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Kommentare (17)

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  • jennewein

    Das ist halt die kehrseite der medalie wenn man nie genug kriegt vom tourismuss dann muss man halt mit dem verkehr leben können.
    Wegen einer umfahrung staus verursachen macht auch keinen sinn.
    Da könnte man im vinschgau das ganze jahr auf die strasse gehen, da sind so gut wie keine umfahrungen

    • tiroler

      allem Verständniss für das Problem, ist die Aktion doch auch ein Kirchturmdenken. Es kann doch nicht jedes Dorf protestieren, welches die Straße weghaben will. Alle wollen den Tourismus und das Geld, aber niemand den Verkehr. Funktioniert eben nicht. Die Leidtragenden dieser Aktion waren die falschen, nämlich die Urlauber, die ja angelockt und beworben werden. Die Strasse an diesem wichtigsten Rückreisetag des ganzen Jahres zu blockieren ist jedenfalls eine Riesenschweinetei!Als man eine Schnellstrasse wie die Mebo durchs Pustertal bauen wollte, war die Bevölkerung ja auch dagegen. Sicher ist eines: wenn jetzt, aufgrund der Proteste und des Drucks, die Landesregierung nachgibt und das Vorhaben vorzieht, dann wrrden auch andere folgen und Blockaden als Druckmittel einsetzen, z.b. das Überetsch, wo ddie dringend notwendige Unterführung beim Pillhof ebenfalls vpm Land aus der Prioritätenliste genommen wurde.

  • tiroler

    Bei allem Verständniss für das Problem, ist die Aktion doch auch ein Kirchturmdenken. Es kann doch nicht jedes Dorf protestieren, welches die Straße weghaben will. Alle wollen den Tourismus und das Geld, aber niemand den Verkehr. Funktioniert eben nicht. Die Leidtragenden dieser Aktion waren die falschen, nämlich die Urlauber, die ja angelockt und beworben werden. Die Strasse an diesem wichtigsten Rückreisetag des ganzen Jahres zu blockieren ist jedenfalls eine Riesenschweinetei!Als man eine Schnellstrasse wie die Mebo durchs Pustertal bauen wollte, war die Bevölkerung ja auch dagegen. Sicher ist eines: wenn jetzt, aufgrund der Proteste und des Drucks, die Landesregierung nachgibt und das Vorhaben vorzieht, dann wrrden auch andere folgen und Blockaden als Druckmittel einsetzen, z.b. das Überetsch, wo ddie dringend notwendige Unterführung beim Pillhof ebenfalls vpm Land aus der Prioritätenliste genommen wurde.

  • erich

    Percha hat einen Bürgermeister der in 100 wichtigen Positionen vertreten ist und muss die Bevölkerung zum Protest aufrufen um ein Anliegen durchzusetzen das schon seit 15 Jahren besteht???

    • tiroler

      Und trotzdem wurde er nicht in den Landtag gewählt, der Arme!
      So spielt er die beleidigte Leberwurst, verlässt die SVP und blockiert die Strasse. Sehr demokratisch

      • meintag

        Ich kann mich erinnern vor Jahren etwas in der Gegend zu tun gehabt zu haben. Es war In Percha links dem Norden zu. Mir fiel auf dass dort gut betuchte wohnen. Kein sein dass Diese schlecht über die Durchzugsstrasse kommen. Kommt der Unmut von dort?

  • andreas

    Ich hätte ein super Geschäftsidee.
    Man könnte bei solchen Demos einen Stand aufstellen und Tempo Taschentücher verkaufen, wäre gewiss der Renner.

  • pantone

    Vor Jahren war ja eine Schnellstraße wie nach Meran auch für das Pustertal im Gespräch. Die Umweltgruppen haben Druck gemacht, die Bahnverbindung zu verbessern, durch die Riggertalschleife. eine Schnellstraße war ein rotes Tuch. Nun gibt es einige wenige Umfahrungen, die Realisierung jener, die noch gebaut werden müssen, zieht sich in die Länge, siehe Kiens und Percha. Und besonders flüssiger wird der Verkehr trotzdem nicht. In Vintl jedenfalls gibt es kaum Überholmöglichkeiten. Nur partout auf die Bahn setzen bringt halt wenig. Alle Verkehrsinfrastrukturen müssen attraktiv sein.

  • owl

    Grundsätzlich habe ich Verständnis für das Anliegen von Percha. Genauso wie man Verständnis für mindestens 100 andere Ortschaften im Land haben kann, die genauso ein Verkehrsproblem haben.

    Es stimmt, dass der Verkehr durch Percha gewaltig ist. Es stimmt aber auch, dass im Vergleich zu anderen Ortschaften nur relativ wenig Häuser direkt an der Hauptstraße liegen. Davon sind die Hälfte Geschäfte, usw. Die Wohnsiedlungen scheinen mir relativ geschützt zu sein. Da kenne ich schlimmere Situationen.

    Ähnlich wie ‚pantone‘ vermute ich auch, dass der Reinalter einer der ersten gewesen wäre, der gegen eine Schnellstraße auf die Barrikaden gegangen wäre. An einem Sonntag im August einfach die Hauptstraße für fast eine Stunde zu sperren (viel länger als angekündigt) ist nicht nur egoistisch, sondern gehört untersagt (man stelle sich vor, ein Rettungswagen oder die Feuerwehr hätte einen Einsatz gehabt).

    Ich glaube auch kaum, dass die Perchinger weniger Verkehr verursachen (und auch anziehen) als andere. Mit dem Finger auf andere zu zeigen, wie der Reinalter das vormacht, ist mir daher zu billig.

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