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„Es braucht ein Umdenken“

Foto: privat

Harald Gasser aus Barbian baut mehr als 500 seltene Obst- und Gemüsesorten an. Warum es nicht unbedingt Spritzmittel braucht.

Harald Gasser wollte eigentlich nie Gemüsebauer werden. Er arbeitete lange Zeit als Sozialarbeiter, ehe er seine Leidenschaft für Samen und seltene Sorten entdeckt. „Ich bekam ein Sortenhandbuch geschenkt. Das war wie eine Droge für mich. Endlich wusste ich, was meine wahre Leidenschaft ist“, sagt er. Seit nun zehn Jahren baut er am Aspinger-Hof in Barbian mit seiner Familie mehr als 500 vergessene Obst- und Gemüseraritäten an. Er will verhindern, dass alte Obst- und Gemüsearten verschwinden.

Tageszeitung: Herr Gasser, was haben Sie heute zum Frühstück gegessen?

Harald Gasser: Sie fragen mich Sachen (lacht). Ich hatte ein Brot mit Honig, einen Beeren-Obstsalat mit Joghurt und einen Kaffee.

Ich frage deshalb, weil die Ernährung einen bedeutenden Einfluss auf unser Klima hat. Der WWF zufolge werden 30 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen durch das Ernährungssystem verursacht. Überrascht Sie das?

Mich überrascht das überhaupt nicht. Denn die Ernährung beeinflusst das Klima maßgeblich. Einen Einfluss hat hier sicherlich die Landwirtschaft, da sie auch für einen nicht unwesentlichen Teil der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Hier sind sicherlich noch Verbesserungen möglich. Problematisch ist auf alle Fälle die Überproduktion in der Landwirtschaft, sprich es wird alles in Überfluss produziert. Wenn man etwa in einen Supermarkt geht, wird Obst und Gemüse in Hülle und Fülle ausgestellt, nur um den Menschen die Menge zu präsentieren. Es geht nur um Ästhetik. Wer da mitspielen möchte, muss in großen Mengen produzieren. Der Kunde sucht sich dann das Beste heraus und alles andere wird weggeworfen bzw. bereits im Vorhinein aussortiert. Wenn ich ehrlich bin, finde ich das in einer gewissen Weise pervers. Und selbst zu Hause landet dann noch sehr viel im Müll. Ich spreche hier vom Obstund Gemüseanbau, die Viehwirtschaft ist wiederum ein anderer Aspekt. Der weltweit wachsende Fleischkonsum wird uns in der nächsten Zeit sicherlich noch weiter beschäftigen, weil er dem Klima sehr schadet.

Also finden Sie den sorglosen Umgang mit Nahrungsmitteln, der sich ja unmittelbar aufs Klima auswirkt, problematisch…

Ja, problematisch ist der sorglose Umgang gepaart mit der Überproduktion in der Landwirtschaft. Auf der einen Seite haben die Kunden hohe Ansprüche an die Lebensmittel. Sie wollen einen perfekten Apfel, der keine Dellen hat und am besten auch noch gleich groß ist, wie die anderen Äpfel. Er muss gut aussehen, erst dann wird er gekauft. Auf der anderen Seite wird in der konventionellen Landwirtschaft fast nur in riesigen Mengen produziert. Das wiederum führt dazu, dass sehr viel weggeworfen wird.

Was wäre dann Ihre Lösung?

Wir müssen anfangen wieder in kleinen Kreisläufen zu denken und zu arbeiten. In unserem Geschäft MANNAorganic zum Beispiel werden nur ein, zwei Exemplare von einer Sorte Obst oder Gemüse den Kunden präsentiert, und nicht ganze Haufen, wie in den Supermärkten. Es ist auch ungekühlt, dann sparen wir Energie. Deshalb bin ich auch überzeugt davon, dass künftig kleine Bauern die Welt ernähren werden. Das sagt auch die WHO. Zudem hat Südtirol auch die perfekten Gegebenheiten dafür: Es gibt viele kleine Bauern und relativ kleine Flächen, mit denen es möglich wäre nachhaltig zu produzieren. Man denke zum Beispiel auch an die Gastronomie: Südtirol ist weltweit bekannt für sein gutes Essen und seine regionalen Produkte. Wenn etwa die Bauern die Gastwirte beliefern würden, hätten wir eine Win-Win-Situation.

Wie stehen Sie dann zu den großen Supermarktketten, die auch Obst und Gemüse anbieten?

Darüber bin ich nicht begeistert. Denn das Obst und Gemüse kommt oft von überall her, hat lange Transportwege hinter sich und befindet sich auch lange Zeit im Lager. Nur wissen das die wenigsten oder vielleicht wollen sie es auch gar nicht wahrhaben. Denn als ich einigen unserer Kunden erzählt habe, dass übriggebliebenes Obst und Gemüse, das im Laden MANNAorganic nicht verkauft wird, an die Gastronomie weitergeben wird, haben manche kritisiert, dass es dann ja alt ist. Wenn die Leute aber wissen würden, wie alt das Gemüse in den Supermärkten ist, dann würden sie das nicht mehr sagen. Teilweise vergehen Wochen, bis es im Supermarkt landet. Viele meinen aber, dass es noch am gleichen Tag vom Acker in den Supermarkt kommt. Dann höre ich oft das Argument, dass viele gerne irgendwo anders einkaufen gehen würden, aber ihnen zum Beispiel das Naturalia zu teuer ist, um dort Obst und Gemüse zu kaufen. Dann sage ich aber immer: Wo möchte man sparen? Bei den Lebensmitteln, die dich am Leben erhalten oder beim Kauf eines Handys? Ich denke, vielfach hängt es auch einfach davon ab, wo man seine Prioritäten setzen möchte.

Welchen Einfluss hat also unsere Ernährung auf unseren Planeten?

Ich kann nur sagen, dass wir derzeit das Umweltsystem extrem durcheinander bringen. Grund dafür ist die Überproduktion und die Produktionsweise. Es wird zu viel Spritzmittel verwendet, das dazu führt, dass irgendwann die Böden tot sind. Dann haben wir wirklich ein Problem. Die Gifte werden auch immer extremer, das führt dazu, dass das Obst und Gemüse an Geschmack einbüßt, und bei den Züchtungen standen in den letzten 30 Jahren nur die Ästhetik im Fokus und nicht der Geschmack. Das finde ich sehr schade. Der Mensch kennt ja heutzutage nicht mehr den Unterschied zwischen einer Zucchini und einem Pfirsich, wenn er diese blind verkosten müsste. Dadurch verlieren die Menschen auch den Zugang zum Lebensmittel, die Wertigkeit geht verloren. Für die Menschen ist es dann nur mehr ein Lebensmittel, das sie, hart ausgedrückt, nur mehr in sich hineindrücken, um satt zu werden. Es braucht hier also sicherlich ein Umdenken.

Wird sich das in den nächsten Jahren verschlimmern…

Ich denke schon. Ich hoffe, dass die EU endlich einsieht, dass die konventionelle Landwirtschaft in eine Sackgasse fährt, wir laufen den Problemen nur mehr hinterher. Wir glauben, dass man mit einem Spritzmittel das Problem löst, inzwischen kreiert man wiederum ein neues Problem. Das ist ein Teufelskreislauf, der nicht gut gehen kann. Denn man darf nicht vergessen: Wir brauchen die Natur, und nicht umgekehrt.

Inwieweit verändert der Klimawandel die Arbeit eines Gemüsebauern?

Natürlich spürt man als Bauer den Klimawandel. Im Juli war es ja sehr heiß in Südtirol mit Temperaturen um die 40 Grad. Bei mir ist es aber so, dass ich trotz Trockenheit oder Hitze keinen Totalausfall habe. Auch nicht, wenn es hagelt. Ich habe einen Ausfall von maximal 20 bis 30 Prozent. Das heißt, ich kann mich immer über Wasser halten. Denn ich habe eine große Vielfalt, sprich keine Monokultur auf meinem Hof. Ich sehe auch die derzeitige Landwirtschaft nicht als zielführend, weil die Bauern mit ihre Produktion fast nie zufrieden sind. Sie schauen unterm Strich nur auf das Geld. Der Aspekt, den Menschen mit den Lebensmitteln weiterzuhelfen, gerät in den Hintergrund. Wenn ich mit Bauern rede, die so anbauen wie ich, sind sie meist glücklich, auch wenn es zum Beispiel auch mal hagelt. Ein Apfelbauer hingegen, der eigentlich die größere Ausbeute hat und mehr verdient, meckert, weil er immer noch nicht zufrieden ist. Denn er hat nicht mehr die Freude an der Produktion sondern sieht nur mehr das Geld. Denn ich kenne fast keinen Bauern, der sagt, dass er gerne Spritzmittel verwendet. Sie tun es ja auch nicht gerne.

Warum tun sie es dann?

Ich würde sagen, dass es zum Teil den Menschen eingeredet wird, dass sie spritzen müssen. Denn als ich vor vielen Jahren ein großes Gemüsebeet hatte, und mir alles kaputt ging, wurde mir gesagt, dass man ohne zu spritzen kein Gemüse produzieren kann. Ich werde nichts ernten. Ich habe mich davon aber nicht beirren lassen. Und heute baue ich über 500 vergessene Obst- und Gemüsesorten an, und das ganze ohne jegliche Spritzmittel. Denn durch meine Vielfalt hält sich der Befall von Insekten und Krankheiten in Grenzen. Ich halte mich da an eine Studie aus Amerika, die besagt, dass wenn man über 300 Sorten in einem Garten anbaut, sich das Ökosystem von alleine erhält. Zudem ist es mittlerweile so, dass diese Firmen, die das Spritzmittel herstellen, Samen gezüchtet haben, die auf das Spritzmittel angewiesen sind. Es steckt also ein gewisses Geschäft dahinter. Was man auch sagen muss, viele haben das Vertrauen in die Natur verloren. Vor vielen Jahren hat der Bauer ohne Spritzmittel gearbeitet, dann hat es Ausfälle gegeben. Als dann das Spritzmittel großflächig auf den Markt kam, hat sich alles geändert. Es hat keine Ausfälle mehr gegeben, man hat gut verdient und der Bauer konnte sich auch mal einen Luxus gönnen. Die Wirtschaft hat auch davon profitiert. Durch das Ganze wurde das Spritzmittel zu einem Art Heiligtum erklärt. Das hat sich bis heute gehalten.

Wurden Sie auch für Ihre Entscheidung, auf Spritzmittel zu verzichten und diesen Weg einzuschlagen, kritisiert?

Ja klar, am Anfang war ich der Verrückte. Dann war ich der grüne Spinner, weil ich nichts spritze und ich gegen die konventionelle Landwirtschaft bin. Dadurch, dass ich auch zeige, dass es ohne Spritzen geht, war ich für viele ein Dorn im Auge.

Neben ihrer Arbeit als Gemüsebauer, was tun Sie konkret für den Klimaschutz?

Alle Lebensmittel, die wir einkaufen, versuchen wir in Bioqualität zu kaufen. Denn wenn wir jetzt anfangen müssten, bei den Lebensmitteln zu sparen, würde etwas falsch laufen. Ich versuche auch so wenige Maschinen wie möglich auf meinem Hof zu verwenden. Ins Gemüsefeld fahre ich zum Beispiel nicht mit einer Maschine. Aber ganz ohne geht es nicht. Dann steht für mich auch der Humusaufbau im Vordergrund.

Interview: Eva Maria Gapp

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Kommentare (12)

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  • brutus

    Ich bin absolut für regionale Kreisläufe und befürworte dies sehr, aber dies funktioniert nur im kleinen Rahmen. Wie aber soll man die großen Städte versorgen (die 10 größten sind unten angeführt in Millionen). Und der Trend:
    immer schneller und größer (Landflucht tut ihr übriges).
    Solche Massen kann man nur mit industrieller Landwirtschaft ernähren, lasse mich aber gerne eines besseren belehren!
    Tokio 37,750
    Jakarta 31,320
    Delhi 25,735
    Seoul 23,575
    Manila 22,930
    Mumbai 22,885
    Karatschi 22,825
    Shanghai 22,685
    New York 20,685
    São Paulo 20,605

    • anarchoseppl

      Soll Tokio mit einer Lösung anfangen? Oder Waidbruck? Der Anfang ist die halbe Arbeit. Sobald diese Lösung in Waidbruck oder Südtirol funktioniert; kann man sich ja mal Tokio ansehen.

      „Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe von Menschen die Welt verändern kann“. :: margaret maed

  • andreas

    Als Insellösung sehr gut, global ist es aber weder umsetzbar, noch gewollt.
    Auch müsste eine solche Landwirtschaft stark gefördert werden, um überhaupt zahlbare Preise für die Masse zu erzielen.
    Nebenbei gibt es z.B. in Afrika solche Landwirtschaft, der Westen tut aber alles dafür, diese zu zerstören.

  • hubertt

    Dass das CO2 das Klima verändert, beruht auf die gleichen Tatsachen, wie wenn der Sektenchef sagen würde, Denken ist gefährlich.
    Die Ägypter haben Millionen von Menschen ernährt und zwar ohne technischen Hilfsmittel wie Traktoren oder Mähdrescher. Aber wenn man der Ansicht ist, dass industriell hergestellte Nahrung besser ist dann ist jede Diskussion überflüssig. Übrigens: in den Supermärkten wird geschmackloses Obst und Gemüse um 3 € pro Kilogramm angeboten …. da stimmt das Verhältnis von Preis / Leistung schon lange nicht mehr.

  • cif

    Der Ansatz von Herrn Gasser ist bestimm vorbildlich, in einer freien Marktwirtschaft bestimmt aber die Nachfrage über Angebot, diese Regel unterliegt auch die Landwiertschaft. Die Gesellschaft fordert zwar umweltschonende Anbauweise, ist aber nicht bereit dafür mehr Geld dafür auszugeben, dann doch lieber das neueste Handymodell oder Markenklamotten.

  • peter_s

    Ja es braucht ein Umdenken!

    Aber nicht in dieser radikalen Form.
    Klar wär es wünschenswert wenn wir unsere Landwirtschaft regional, ökologisch, nachhaltig, naturnahe gestalten würden.

    Aber dies völlig unrealistisch und entspricht nicht dem Konsumentenbedürfniss.

    Nur schon die Versorgung von allen unseren Millionen Touristen mit regionalen Bio-Lebensmitteln wäre nicht möglich.

    Auch schon die Zwang zur Umstellung auf eine Laufstall besser noch Laufhof wäre für unsere Milchbauernhöfe nicht möglich, obwohl wenn man konsequent nachhaltig und dem tiergerecht sein möchte es ein muss wäre.

    Wir brauchen pragmatische Lösungen für die Landwirtschaft (z.B. PSM-freie integrierte Obstwirtschaft)
    Keine Ökoromantik aus dem übersättigten, reichen Südtirol.

    Der Konsument wird nicht mehr zu einem Konsumverhalten wie vor 30 Jahren zurück kehren.

  • george

    @peter_s
    Wieso soll das „Rückkehr zu einem Konsumverhalten wie vor 30 Jahren“ sein? Biodiversität ist nie Rückkehr und auch keine „Ökoromantik“, sondern Notwendigkeit, dass wir uns erhalten können. Gerade für Südtirol als kleinstrukturiertes Land wäre eine solche Wirtschaftsmethode möglich und vielversprechend.

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