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Die Jägerin

Foto: privat

Immer mehr Frauen gehen in Südtirol auf die Jagd. Eine davon ist Lena Gerstgrasser aus Naturns. Über ihren Berufswunsch, Hass im Netz – und was die aufgeheizte Debatte rund um den Wolf verändert hat.

von Eva Maria Gapp

Während die meisten noch in ihren warmen Betten liegen, ist Lena Gerstgrasser schon längst im Wald. Ausgerüstet mit einem Fernglas, einem grünen Filzhut und einem Gewehr. Die 26-Jährige mit den braunen kurzen Haaren und den braunen Augen, ist seit drei Jahren Jägerin. Und das aus Leidenschaft. „Aber ich töte sicher nicht aus Leidenschaft. Das ist ein Unterschied“, sagt sie.

Lange Zeit war das Jagen nur Männern vorbehalten, doch immer mehr Frauen in Südtirol stoßen zur Jagd. „Früher hat man gesagt, dass die Jagd nichts für Frauen ist. Doch mittlerweile gibt es immer mehr Frauen, die sich für die Jagd entscheiden“, sagt auch die Obfrau der Südtiroler Jägerinnen Ingrid Andreaus. Das zeigen auch die Daten: Der Anteil der weiblichen Jägerschaft ist in Südtirol in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Gab es im Jahr 1990 in Südtirol noch 55 Jägerinnen, so sind es jetzt schon 340 Frauen, die auf die Pirsch gehen. Das sind 5,7 Prozent. Zudem gebe es immer mehr junge Frauen, die sich für die Jagd entscheiden würden. „Frauen sind oft feinfühliger als Männer, sie schießen auch gewissenhafter und überlegter“, sagt Andreaus.

Gleichzeitig wird die Jagd in der Gesellschaft mehr hinterfragt als früher. Manche sehen darin einen blutigen Freizeitspaß, für andere hingegen sind Jäger Naturfreunde, die durch den Abschuss die Wildbestände regulieren und so den Wald pflegen.

Tageszeitung: Frau Gerstgrasser, wenn man an einen Jäger denkt, hat man meist das Bild eines alten Mannes im Kopf mit grünem Filzhut und langem Bart. Sie sind das komplette Gegenteil. Wie kommt eine 26-Jährige dazu, als Jägerin zu arbeiten?

Lena Gerstgrasser: Ich bin mit dem Ganzen aufgewachsen, mein Vater ist Jäger und als Kind bin ich oft mit ihm mitgegangen. Ich war somit von klein auf damit konfrontiert. Man könnte auch sagen, dass mir die Liebe zur Jagd in die Wiege gelegt wurde. Zudem ist mein Freund auch Jäger. Ich habe ihn eine Zeitlang immer auf seiner Jagd begleitet, doch mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich das selbst machen will. Denn interessiert hat es mich ja immer schon. So habe ich mich dann vor drei Jahren dazu entschieden, die Jagdprüfung abzulegen. Seitdem gehen wir oft auch zusammen auf die Jagd und können so auch mehr Zeit miteinander verbringen.

Was gefällt Ihnen genau daran?

Ich liebe es, morgens vor Sonnenaufgang in den Wald zu gehen und in der freien Natur sein zu dürfen. Manchmal sitze ich stundenlang still an einem Ort und schaue zu, wie die Sonne aufgeht und die Tiere an mir vorbeiziehen. Oft sehe ich auch ein Eichhörnchen, das ober mir auf einem Baumstamm empor klettert. Zwischendurch hört man das Hämmern eines Spechts. Das ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl. Es gibt dann nur mich und die Natur. Es ist also auch eine gewisse Entschleunigung. Ich kann dann auch meine Gedanken ordnen. Dann ist natürlich auch eine gewisser Nervenkitzel im Spiel, weil man ja nie weiß, ob gerade das Tier vorbeikommt, das man schießen möchte. Das alles fasziniert mich einfach.

Also ziehen Sie am liebsten in den frühen Morgenstunden los…

Ja, ich breche am liebsten in den frühen Morgenstunden auf. Im Sommer heißt das, dass ich um 3.30 Uhr aufstehen muss. Am Abend bin ich nicht gerne unterwegs, weil dann bereits alles dunkel ist. Der Wald ist dann auch etwas unheimlich. Auch die eventuelle Bergung eines toten Tieres gestaltet sich dann schwieriger, weil das Tageslicht fehlt.

Die Jagd wird aber auch immer wieder kritisiert. Manche sehen darin einen blutigen Freizeitspaß…

Ja, ich kenn diese Kritik zu gut. Leider gibt es viele, die sagen, dass wir nur aus Spaß auf Tiere schießen würden. In den Köpfen vieler Menschen ist das Vorurteil verankert, dass man als Jäger in den Wald geht, ein Wild erlegt und dann mit der Trophäe nach Hause fährt. Das stimmt aber nicht. Denn es nicht so, dass wir einfach auf alles wild herum schießen, was sich im Wald bewegt. Zudem ist Jagen mehr als nur Töten. Jagen ist Warten, Eins sein mit der Natur und ihren Gegebenheiten. Mir ist durchaus bewusst, dass ich ein Tier töten muss. Das braucht man nicht schönreden. Aber das gehört zur Jagd dazu. Mit Lust am Schießen hat das aber nichts zu tun. Es geht vielmehr darum, den Wald und die Tiere für den Menschen nutzbar zu machen. Wenn einzelne Tiere getötet werden, ist die gesamte Art noch lange nicht bedroht. Vielen ist auch nicht bewusst, dass es uns als Jäger braucht. Ohne uns würden die Wildbestände überhandnehmen. Wir verstehen uns als Schützer und Pfleger.

Kritiker sagen hingegen, dass es nicht notwendig ist, den Bestand von Wild durch die Jagd zu beeinflussen, weil die Natur sich bei verstärkter Vermehrung einer Tierart selbst helfe…

Wenn man den Wildbestand nicht regulieren würde, dann würden sich schnell Krankheiten ausbreiten, es würde auch zu Verbisschäden an den Bäumen kommen. Deshalb ist unsere Arbeit wichtig. Zudem ist es mir auch immer wichtig, dass das Tier nicht unnötig leiden muss. Nur viele wollen das gar nicht hören. Sie verurteilen einem schon im Vorhinein. Vor allem in den sozialen Netzwerken ist es besonders schlimm. Sie bezeichnen einem als Mörder, wenn man etwa ein Foto postet, auf dem man ein erlegtes Tier sieht. Ich lade mittlerweile auch keine Fotos mehr auf Facebook hoch. Es würden sonst nur Hasskommentare kommen. Ich bin eigentlich für jede Kritik und Sichtweise offen und verurteile auch niemanden, nur weil er einer anderen Meinung ist. Aber eine offene Diskussion ist leider oft nicht möglich, es geht schnell unter die Gürtellinie. Das verletzt einem schon oft.

Hat die aufgeheizte Stimmung rund um den Wolf und dem Bär in Südtirol dies noch verstärkt?

Ja, durch diese gesamte Debatte wurde dies noch verstärkt. Man merkt einfach, dass die Menschen sehr wütend sind, auch auf uns. Wenn es diese ganze Debatte rund um den Wolf und Bär nicht geben würde, gäbe es sicherlich weniger dieser Hasskommentare im Netz. Davor war es bereits unangenehm, doch mittlerweile gibt es immer mehr Anfeindungen. Das Problem an dem Ganzen ist aber, dass es keine sachliche Diskussion mehr gibt. Entweder man ist dafür oder dagegen, dazwischen gibt es nichts mehr. Ich kann nur sagen, dass der Wolf nicht für alle Tiere gleich gefährlich ist. Er führt zu einem geringeren Schaden beim Wild als etwa bei Nutztieren. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Wie reagieren die Leute, wenn Sie sagen, dass Sie eine Jägerin sind?

Die meisten sind im ersten Moment total verwundert und neugierig. Meist fragen sie mich dann sofort, warum ich das mache und wie ich dazu gekommen bin. Oft gibt es auch ältere Frauen, die mir sagen, dass sie das schon immer machen wollten, sie sich aber bislang nicht getraut haben. Denn früher war die Jagd eine reine Männersache. Das ist heute nicht mehr der Fall. Es gibt immer mehr Frauen, die Gefallen daran finden.

Warum gehen immer mehr Frauen in Südtirol auf die Jagd?

Ich denke, dass es mittlerweile ein wenig Mode geworden ist. Das heißt: Viele Frauen beginnen deshalb mit der Jagd, weil den Beruf gerade eine Freundin oder ein Freund ausübt. Ich glaube aber auch, dass es damit zusammenhängt, dass es gesellschaftlich akzeptierter ist, dass Frauen auch einen „Männerjob“ machen. Umso mehr es Jägerinnen gibt, umso mehr Frauen trauen sich dann auch, diesen Weg einzuschlagen. Die bestehenden Jägerinnen gelten oft als Vorbild. Wenn man das selbst sein darf, freut einem das auch. Zudem gibt es immer mehr Menschen, die unsere Natur und unsere Berge zu schätzen wissen. Zudem bemerke ich, dass es immer mehr Frauen gibt, die sich stärker mit dem Tier und damit auch dem Fleisch, das auf dem Teller kommt, auseinandersetzen. Sie möchten wissen, woher das Fleisch kommt, das sie essen. Um auch hundert Prozent sicher zu sein, gehen sie einfach selbst auf die Jagd. Denn dann können sie sicher sein, dass sie ein Fleisch essen, das in freier Natur gelebt hat und frei von Antibiotika ist. Auch ich selbst, esse das Fleisch vom Tier, das ich erlegt habe. Ich finde daran nichts Verwerfliches. Natürlich heißt das nicht, dass uns Frauen das Schießen kalt lässt. Im Gegenteil. Viele zittern vor und nach jedem Schuss.

Also tut es Ihnen auch Leid, wenn Sie ein Tier töten müssen?

Ja, manche kommen besser damit klar, andere weniger. Wenn ich ein Tier erschossen habe, hake ich das nicht gleich ab. Ich denke noch länger darüber nach, weil es mir Leid tut. Vor allem dann, wenn man schon länger ein Tier beobachtet hat oder wenn man weiß, dass man zum Beispiel ein männliches Tier nun abschießen muss, und dadurch das weibliche Tier zurückbleibt.

Hatten Sie anfangs Schwierigkeiten, sich als Frau zu behaupten?

Ich würde sagen, dass es am Anfang für jeden Jäger schwierig ist, sich zu behaupten. Für eine Frau kann es aber durchaus schwerer sein. Ich sehe darin aber kein Problem. Wenn mir etwas nicht passt, sage ich es schon (lacht).

Nehmen wir an, jemand hat den Berufswunsch, Jäger zu werden. Was muss er/sie auf alle Fälle mitbringen?

Man darf auf alle Fälle nicht zimperlich sein. Dann braucht es sicherlich Geduld, denn man muss sehr viel Warten während man auf der Jagd ist. Was natürlich auch nicht fehlen darf, ist die Freude und der Respekt an der Natur und an den Tieren.

Wenn Sie mal nicht auf der Jagd sind, was machen Sie dann?

Wenn ich mal nicht im Wald bin, bin ich auf der Marzoner Alm im Vinschgau. Meine Familie und ich haben dort schon seit 17 Jahren einen Almbetrieb auf 1.600 Meter. Da helfe ich dann oft aus. Zudem bin ich eine stolze Mama. Da habe ich immer voll zu tun.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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