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Das große Wir

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Am Sonntag hat Bischof Ivo Muser mit Alois Kothgasser das Fest zur Ehren der Patrone Kassian und Vigilius begangen.

Am Sonntag hat die Diözese in Brixen das Fest zu Ehren ihrer Patrone Kassian und Vigilius mit einem Pontifikalamt mit Bischof Ivo Muser und dem emeritierten Erzbischof von Salzburg, Alois Kothgasser, sowie der traditionsreichen Kassiansprozession begangen.

Bischof Muser warnte im Hinblick auf die Europawahlen vor den Angstmachern, die das europäische Wir-Gefühl bröckeln lassen, und appellierte an die Gläubigen: „Christen sind keine egoistischen Opportunisten, sondern Menschen, die sich am Evangelium ihres Herrn ausrichten und die so Verantwortung übernehmen für einen gemeinsamen Weg der Hoffnung.“

Das Diözesanfest zu Ehren der Diözesanpatrone Kassian und Vigilius hat auch heute mit der Ankunft der Bittgänge aus den Pfarreien der Umgebung am Brixner Dom begonnen. Die Gläubigen sind dann zum Festgottesdienst in die Kathedrale eingezogen. Die Kassiansprozession führte dann im Anschluss an den Festgottesdienst mit den heiligen Reliquien durch die Straßen der Stadt, begleitet von Musikkapellen, Schützen, Vereinen und Verbänden und nicht zuletzt von einem langen Zug von Gläubigen aus Stadt und Land. Die Prozession wurde traditionsgemäß von der Prozessionsfahne der Pfarrgemeinde Vahrn eröffnet, weil die Vahrner zur Franzosenzeit die Reliquien der Diözesanheiligen vor Raub und Verunehrung gerettet haben. Zum Fest gesungen haben heuer der Domchor Brixen, der Domchor Bozen, der Stiftschor Muri-Gries, der Franziskanerchor Bozen, die Choralschola Griesensis sowie die Frauen und Männer des MGV Bozen.

Das große Wir zerfällt in immer kleinere Wirs

Seine Predigt nützte Bischof Ivo Muser, um die versammelte Festgemeinde daran zu erinnern, wie wichtig es ist, „dass wir als Christen erkannt werden im Raum der Gesellschaft und der Öffentlichkeit“. Diesen Hinweis gebe er ganz bewusst im Hinblick auf die Europawahlen, so Bischof Muser. „Die Europäische Union ist nach den dramatischen Erfahrungen der Diktaturen und des Zweiten Weltkriegs gegründet worden, durchaus auch als christlich – humanistische Wertegemeinschaft. Nicht zuletzt überzeugte Katholiken standen am Beginn dieses Einsatzes. Der europäische Geist verliert heute aber an Kraft. Das Wir-Gefühl bröckelt wieder. Das große Wir zerfällt in immer kleinere Wirs. Im Haus Europa sind die Bewohner dabei, sich wieder mehr in ihre eigenen vier Wände zurück zu ziehen. Nationalistische, fremdenfeindliche, populistische und ausgrenzende Töne sind wieder salonfähig geworden“, sagte der Bischof.

Christliche Identität kennt, pflegt, verteidigt und lebt die eigenen Wurzeln

Es mache ihn als Christ betroffen, dass der Geist der Abschottung nicht selten sogar unter christlichen Vorzeichen antrete, beispielsweise um das „christliche Abendland“ zu retten, sagte Bischof Muser: „Dabei war der kühne Gedanke der ersten Christen ein anderer. Der Apostel Paulus etwa, der ganz entscheidend dazu beigetragen hat, das Christentum nach Europa zu bringen, sagt: ‚Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid einer in Christus Jesus‘. Und über sich selber schreibt der Völkerapostel: Er sei den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche geworden. Das ist christliche Identität. Eine Identität, die die eigenen Wurzeln kennt, pflegt, verteidigt und lebt – im offenen und konstruktiven Dialog mit der Identität der anderen. Nicht die anderen gefährden unsere Identität. Und nicht die anderen sind zuständig für unsere Identität. An uns liegt es, ob wir auch heute und unter den heutigen Bedingungen Christen werden, sein und bleiben wollen. Das ist unsere Verantwortung und dabei sollten wir nicht von uns ablenken und Ängste aufbauen und schüren gegenüber dem Anderssein der Anderen.“

Christen übernehmen Verantwortung für einen gemeinsamen Weg der Hoffnung

Die europäische Gemeinschaft stehe laut Bischof Muser an einer Wegkreuzung: „Wird nationaler Egoismus die Oberhand behalten oder können wir – über Grenzen und Unterschiede hinweg – ein solidarisches Zusammenleben finden, gegründet auf verbindenden und verbindlichen Werten?“ Ohne Hoffnung und ohne Transzendenz, sagte der Bischof abschließend, verliere Europa seine Seele: „Christen sind keine innerweltlichen Optimisten und keine egoistischen Opportunisten, sondern Menschen, die sich am Evangelium ihres Herrn ausrichten und die so Verantwortung übernehmen für einen gemeinsamen Weg der Hoffnung.“ Zum Fest sangen heuer der Domchor Brixen, der Domchor Bozen, der Stiftschor Muri-Gries, der Franziskanerchor Bozen, die Choralschola Griesensis sowie die Frauen und Männer des MGV Bozen.

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