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Das Eidechsenkind

Vincenzo Todisco: Nachts kommen die Wölfe. (Foto: Momir Cavic)

Der Schweizer Autor Vincenzo Todisco liest bei Literatur Lana aus seinem Roman „Das Eidechsenkind“.

Das Eidechsenkind ist in Italien daheim und im Gastland zu Hause. Hier muss es sich verstecken: unter der Kredenz, im Schrank, in der Abstellkammer. In Ripa hingegen rennt der Junge wie alle Kinder dem Ball hinterher, jagt draußen den Wespen nach, gleitet von einer Umarmung in die andere. Dort, bei Nonna Assunta, wo ein Haus darauf wartet, fertig gebaut zu werden.
Hier im Gastland geht der Vater Tag für Tag auf den Bau, die Mutter in die Fabrik – das Eidechsenkind lässt Stunden und Tage verstreichen. Es vermisst die Wohnung mit seinen Schritten, hört die Nachbarin um Mehl bitten, die Kinder im Hof Fangen spielen, sieht die Stiefel des Padrone, der gerne zum Abendessen kommt und lange bleibt.
Bis es sich eines Tages zu heimlichen Streifzügen ins Treppenhaus hinauswagt, in andere Wohnungen, wo niemand die Gegenwart des Eidechsenkindes auch nur ahnt. Einzig Emmy, dem Mädchen, das neu im dritten Stock wohnt, gibt sich das Eidechsenkind zu erkennen. Der Dachstock gehört ihnen, doch bald will Emmy hinaus in die Welt, eine Band gründen, ans Meer. Aus der Sicht eines Kindes erzählt Vincenzo Todisco in diesem erschütternden Roman von einem klandestinen Schicksal in einem belebten Wohnhaus, von kindlichem Einfallsreichtum und heimlicher Freundschaft. „Das Eidechsenkind ist ein tieftrauriger Roman, bei dem man sehen kann, wie tröstlich weit Literatur und Leben auseinanderliegen. Für die LIteratur nämlich ist diese kleine Buch ein Glück.“ (Paul Jandl, NZZ)
Das Kind macht zuerst das linke und dann das recht Auge auf. Es hat den Kopf an zwei Ohren. Einmal in Ripa, wo ihm nichts geschehen kann, und einmal in der Wohnung, wo es die Schritte zählen muss. Vier Schritte sind es bis zum Tisch, zwei bis unter die Kredenz, ein langer Schritt bis zur Spüle, und dann sind es zehn kurze Schritte hinaus aus der Küche bis in die Mitte des langen Korridors. Am weitesten ist es bis zur Stanza in fondo, dem hintersten Zimmer. Genau dreiundzwanzig Schritte müssen das Kind im äußersten Notfall bis zum Schrank dort bringen.
Auch im Freien will das Kind die Schritte zählen. Dort schießt ihm aber das helle Licht ins Gesicht und macht es blind.
Nachts kommen die Wölfe. Dann müssen die Schritte leise sein. Die Wölfe finden das Kind fast immer. Sie beugen sich über das Bett und fletschen die Zähne. Das Kind ruft leise nach Nonna Assunta, die weit weg, in Ripa, wohnt. Das Kind hört Nonna Assuntas Stimme: „Sprich mit mir“, flüstert sie, „sprich mit mir und mach deine Fäuste, dann tun dir die Wölfe nichts.“
Vincenzo Todisco, 1964 als Sohn italienischer Einwanderer in Stans geboren, studierte Romanistik in Zürich und lebt heute als Autor und Dozent in Rhäzüns. Für sein literarisches Schaffen wurde er 2005 mit dem Bündner Literaturpreis ausgezeichnet. Im Rotpunktverlag liegen seine Romane in deutscher Übersetzung vor. Das Eidechsenkind ist seine erste Buchveröffentlichung auf Deutsch, mit der der Autor für den Schweizer Buchpreis 2018 nominiert war.

Termin: 24. April um 20.00 Uhr bei Literatur Lana

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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