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Die Abwanderung

Der Fachkräftemangel in Südtirol wird immer gravierender. International tätige Unternehmen lagern deswegen Betriebszweige aus – so auch die Microtec in Brixen.

von Erna Egger

Federico Giudiceandrea, Chef der Microtec, hängt an seinem Unternehmensstandort in Brixen: „Weil ich hier geboren bin. Wir möchten auch hier bleiben. Wir arbeiten im Holzsektor, Holz hat bei uns Tradition“, sagt er. Der Hauptsitz in Brixen wird deswegen zurzeit verdreifacht.

Aber auch sein, im Jahr 1980 gegründetes Unternehmen kämpft gegen dieselben Schwierigkeiten, wie alle anderen in Südtirol international tätigen Betriebe: der große Fachkräftemangel. Die Microtec ist auf permanenter Suche nach Ingenieuren und Technikern. Weil hierzulande zu wenige Ingenieure zu finden waren, war der Hersteller von biometrischen Analysesystemen vor allem für die Obst- und Holzindustrie gezwungen, Teile des Forschungsabteilung auszulagern. Ein Teil der Abteilung wurde nach Mestre verlegt.

„Wir haben mittlerweile auch ein Büro in Vancouver. Diese Mitarbeiter sind aber alle bei der Microtec in Brixen angestellt. Man kann das Angestelltenverhältnis als eine Art Telearbeit sehen. Der Umsatz und die Wertschöpfung bleiben in Südtirol“, unterstreicht Giudiceandrea.

Es herrscht aber nicht nur ein Mangel an Ingenieuren: „Uns fehlen auch Monteure, Elektroniker und Techniker. Es ist zurzeit in Südtirol sogar schwierig, Stapelfahrer zu finden. Allein jetzt haben wir den Bedarf an zehn Technikern, die wir nicht finden können“, beklagt der Microtec-Chef.

Am Sitz Brixen sind zurzeit 107 Mitarbeiter beschäftigt, weltweit sind es an die 200.

Neben dem Hauptproblem – dem Fachkräftemangel – gibt es noch andere Gründe, die international tätige Unternehmen zur Auslagerung von Betriebszweigen zwingen. „Die Nähe zu einer Universität ist extrem wichtig, diese Voraussetzung könnte auch Südtirol schaffen. Die Erreichbarkeit ist ein anderes Thema“, so Giudiceandrea. „In Venedig beispielsweise gibt es einen Flughafen. Die Kunden, die zu Meetings kommen, können dort landen und müssen nicht umsteigen.“ 

Federico Giudiceandrea, gleichzeitig Präsident des Unternehmerverbandes, unterstreicht: „Die Erreichbarkeit und der Fachkräftemangel sind die beiden großen Themen aller Südtiroler Unternehmen, die international tätig sind. Wir sitzen alle im selben Boot.“

Der Fachkräftemangel ist ein europaweites Problem. Dennoch hat man in Südtirol spezifische Gründe ausgemacht, warum spezialisierte Mitarbeiter abwandern, oder auswärtige Fachkräfte den Standort Südtirol nicht attraktiv finden: „Ein wesentlicher Grund ist der Wohnungsmarkt“, ist Giudiceandrea überzeugt. „Es gibt zu wenige Mietwohnungen, und jene, die vorhanden sind, sind zu teuer. Selbiges Problem haben ja auch die Studenten.“

Der Unternehmerverband habe schon oft bei den politischen Verantwortungsträgern vorgesprochen. „Und wir haben auch Lösungsvorschläge präsentiert.“

Besteht die Gefahr, dass die Unternehmen deswegen aus Südtirol abwandern? „Sie werden sicherlich vermehrt international investieren, sei es in Sitze als auch in Mitarbeiter. Weil sie dies machen müssen“, so Giudiceandrea. 

Das Unternehmen Dr. Schär mit Hauptsitz in Burgstall hat mittlerweile sein Forschungszentrum in Triest angesiedelt. Die Firma Leitner AG hat in Frankreich expandiert. 

„In Südtirol ist es schwierig, zu wachsen“, sagt Giudiceandrea. „Aber die Weltmärkte wachsen. Wir wollen unsere Marktposition nicht aufgeben. Wenn der Markt Produkte verlangt, müssen wir liefern. Wenn wir dies nicht tun, dann haben wir ein Problem, nämlich dass unsere Mitbewerber unsere Markanteile übernehmen. Daher müssen wir mitwachsen.“

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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Kommentare (5)

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  • einereiner

    Da spricht er aber ein bisschen locker vom Hocker. Der Umsatz und die Wertschöpfung eines Angestellten in Vancouver bleibt nicht in Südtirol. Das Geld wird ja in Vancouver ausgegeben.
    Und der Wohnungsmarkt ist NICHT das Problem, weswegen Fachkräfte aus Südtirol abwandern. Fachkräfte mit Studenten zu vergleichen spricht ja schon Bände —- Es ist der geringe Verdienst, den sich die Südtiroler nicht bieten lassen müssen, da sie ja die guten Jobs gleich hinter dem Brenner finden können. Mestre…ja, da sind noch einige Fachkräfte, die nicht zu dem Viertel der aus Italien fliehenden Jugend gehören.

  • hoi_du

    … jammern und gleichzeitig Bewerbungen von einheimischen Fachkräften ignorieren …

    … wichtig ist jammern !!!!

    weil schuld sind immer die anderen (in diesem Fall die poteniellen Arbeitskrafte) ????
    aus persönlicher Erfahrung kann ich berichten dass 2019 zwei international tätige Südtiroler Firmen auf meine Anfragen bzgl. offener Positionen innerhalb mehrerer Wochen nicht geantwortet haben … da kann einem schon die Lust vergehen in Südtirol zu arbeiten …

    Vielleicht wäre es angebracht erst mal Firmenintern die Voraussetzungen zu schaffen, dass Bewerbungen und Anfragen auch bearbeitet werden ?

  • derrick

    Wenn schon die Arbeit ausgelagert wird, sollten auch die Beitragsansuchen ausgelagert werden. Viel verlangen und nix zahlen wollen, dass lässt sich heute keine Fachkraft mehr bieten!

  • checker

    Sobald Lohnerhöhungen gefordert werden reagiert die Industrie immer wieder auf dieselbe Art und Weise:
    1. Fachkräftemangel (sodass durch ein steigendes Angebot an Arbeitskräften die Löhne wieder gesenkt werden, siehe Deutschland)
    2. Drohung durch Auslagerung der Betriebe

    Fakt ist halt auch: Österreich und Deutschland sind vor allem für gut ausgebildete Arbeitskräft wesentlich attraktiver, da einfach mehr Gehalt gezahlt wird UND die Lebenshaltungskosten wesentlich niedriger sind, heisst am Ende bleibt mehr Reallohn übrig.
    Klar die Firmen haben ja nicht ganz unrecht und müssen auch schauen kompetitiv zu bleiben, sonst bleibt ihnen wirklich nichts anderes übrig als abzuziehen. Das Hauptproblem liegt deshalb in den hohen Lebenshaltungskosten insbesondere bei den Immobilienpreisen aber auch den täglichen Ausgaben. Wären wir da niedriger könnten sich die Arbeitnehmer auch mit weniger Lohn zufrieden geben. Stattdessen sind wir eine Art zweite Schweiz geworden in Kombination mit Venedig. Alles ist schön aber halt auch verdammt teuer. Der Extremfall ist der, dass die Leute wegziehen, weil sie sich das Land nicht mehr leisten können.
    Ich habe hier schon öfters geschrieben, dass ausufernder Tourismus eben halt auch zu solchen Preisentwicklungen führt.
    Dieses Problem der hohen Lebenshaltungskosten zu lösen, wird sicher nicht einfach werden und eine der Hauptaufgaben der Politik in den nächsten Jahren sein. Wir brauchen in erster Linie einmal eine allgemeine Strategie der Landesregierung. Und die gibt es bis jetzt nicht.

  • der_brottler

    Was soll das ganze Gejammere, ist alles eine Frage von Angebot und Nachfrage, und das ist auch gut so.
    Wir sind in einem (noch) freien Europa, und die sog. Fachkräfte werden schon wissen, warum sie ins Ausland gehen……

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