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Der Liebes-Betrug

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Zuerst gaukeln sie die ganz große Liebe vor, dann wollen sie Geld sehen: Sogenannte Romance Scammer haben auch in Südtirol Frauen um zehntausende Euro abgezockt.

von Eva Maria Gapp

Hallo, wie geht es dir? Ich komme aus San Francisco, Kalifornien und arbeite dort als Ingenieur. Ich habe dich auf Facebook gesehen und so bin ich auf dich aufmerksam geworden. Du hast sehr schöne Augen.“ Das war die erste Nachricht, die Laura* auf Facebook bekam. Sie fühlt sich geschmeichelt und geht auf die Nachricht ein. Der Mann macht ihr immer wieder Komplimente, ist sehr sensibel und versteht Laura. Genau das, was die 45-jährige gerade braucht. Sie lebt alleine und fühlt sich oft einsam. Genauso geht es auch dem Mann aus Amerika. Er sagt ihr, er sei verwitwet und suche schon seit langem nach einer neuen Beziehung. Er stellt sich somit als sehr sensibel und verletzt dar. Laura vertraut ihm und öffnet sich. Sie reden über ihren Job, über ihre Familie und ihre Sorgen. Es sind Details, die sonst niemand kennt. Sie kann ihr Glück kaum fassen, so einen perfekten Menschen gefunden zu haben, der sich scheinbar wirklich für sie interessiert.

Sie telefonieren auch laufend. Am Anfang nur ein, zwei Mal, dann täglich. Auf eine romantische Mail am Morgen folgt ein kurzes Telefonat am Mittag, nach Feierabend wird gechattet oder stundenlang telefoniert. Zwischendurch schreiben sie sich Nachrichten. Er schickt ihr immer wieder Küsschen, nennt sie „Schatz“ oder „Honey“ und gesteht ihr die große Liebe. Er schickt ihr auch ein Foto. Ein attraktiver Mann ist darauf zu sehen. Alles scheint real zu sein. Auch deshalb, weil er sie besuchen möchte. Laura freut sich. Endlich kann sie dem Mann, indem sie sich verliebt hat, in die Augen sehen. Doch zwei Tage vor dem geplanten Treffen kommt ganz plötzlich etwas dazwischen. Er sagt, dass ihm jemand seine Geldtasche gestohlen hat. Alle Karten seien weg und so könne er sich kein Flugticket mehr kaufen. Er bittet Laura, ihm in dieser schwierigen Zeit zu helfen und zwar mit Geld. Zuerst verlangt er 200 Euro, dann 500 und dann immer mehr. Zu einem Treffen kommt es aber nie. Die Liste der Ausreden wird immer länger: Entweder wurde er überfallen, ein krankes Familienmitglied hält ihm von der Reise ab oder er muss nach Westafrika reisen, weil er geschäftlich dorthin muss. Dort kommt er dann unerwartet in eine Notlage und braucht wieder Geld.

Doch hinter dem vermeintlichen Traummann steckt ein dreister Liebesbetrüger, ein sogenannter Romance Scammer: „Männer, die ihre weiblichen Opfer charmant umwerben, Gefühle heucheln, Liebe vorgaukeln und dabei nur eines im Sinn haben: ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen“, weiß der Meraner Rechtsanwalt für Internetrecht, Thomas Schnitzer. Früher nannte man sie einfach Heiratsschwindler. Doch im Zeitalter von Tinder, Parship und Co. hat sich der Liebesbetrug auf das Internet verlagert. „Die Scammer suchen heute auf Online-Partnerbörsen oder in sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook nach Opfern und durchforsten dort die Mitgliederlisten“, erzählt Schnitzer.

Dabei gehen sie immer gleich vor: „Zuerst wird ein Kontakt hergestellt, dann wird eine emotionale Bindung aufgebaut und wenn sie versprechen, ihre neue Liebe zu besuchen, passiert meist irgendetwas Schlimmes. Ein Unfall, eine unerwartete Krankheit oder dergleichen. Sie bitten dann das Opfer um finanzielle Hilfe. Später lassen sie die Opfer wie eine  heiße Kartoffel fallen. Das ist typisch für Romance Scammer“, sagt Schnitzer.

Und diese Betrugsmasche gelingt immer wieder. Denn Romance Scamming ist weit verbreitet. Auch in Südtirol gibt es einige Fälle: „Es haben sich einige Frauen bei uns gemeldet, die zehntausende Euro den Betrügern überwiesen haben“, sagt Ivo Plotegher, Oberinspektor der Post- und Kommunikationspolizei Bozen. Auch Schnitzer kann dies bestätigen: „Die Summen, die von den Opfern verlangt werden, sind unverschämt hoch. Und das Problem ist: Sie verlangen immer mehr. Sie kennen keine Grenze“, sagt er. Die Opfer sind meist über 40 Jahre alt und alleinstehend. Doch wie schaffen sie es, dass sie ihnen so viel Geld überweisen?

„Die Romance Scammer manipulieren die Opfer psychologisch. Sie schaffen es, sich im täglichen Leben ihrer Opfer unverzichtbar zu machen. Es gibt Frauen, die haben eine 17-monatige Beziehung mit diesem Scammer geführt. Er hat jeden Tag zum Frühstück angerufen. Bevor nicht telefoniert wurde, ist die Frau nicht arbeiten gegangen“, erklärt Schnitzer. Romance Scammer machen ihr Opfer also emotional abhängig. „Sie wissen genau, was sie wann und wie zu schreiben haben und welche Schritte nötig sind, um die Liebe aufrecht zu erhalten“, sagt Plotegher. Zudem geben „Romance Scammer vor, Angehörige der US-Armee oder erfolgreiche Geschäftsmänner zu sein. Meist sind es Ingenieure, Architekten, Soldaten oder Matrosen“, sagt Schnitzer. Das vermittle den Opfern, dass es sich um eine seriöse und gebildete Person handle. Hinzu kommt: Die Bilder und Profilfotos, die sie den Frauen schicken sind dabei immer äußerst attraktiv, jedoch sind sie von fremden Personen und Profilen gestohlen. „Besonders eignen sich Fotos von Soldaten und Matrosen. Denn hier haben die Betrüger meist viele Fotos. Außerdem wirkt jemand, der als US-Soldat dient, anscheinend auf viele Frauen automatisch seriös und ehrlich“, sagt Schnitzer.

In Wirklichkeit sind es meist Männer aus Afrika, vor allem Westafrika, die hinter den Romance Scammern stecken und sich im Ausland befinden. Sie schreiben den Opfern in italienischer oder englischer Sprache. Doch nicht nur Frauen werden Opfer von Betrügern. Mittlerweile gibt es auch Männer, die kriminellen Romance-Scammern zum Opfer fallen. Die Täter werden als „Scam-Frauen“ bezeichnet. Auch in Südtirol gibt es einige Fälle. Die Betrugsmasche ist dabei aber immer die gleiche: „Eine attraktive Frau, die sich als Kindergärtnerin, Krankenschwester oder Mitarbeiterin in einem Waisenhaus ausgibt, schreibt einem Mann, wie toll sie ihn findet und dass er die große Liebe sei. Mit der Zeit will sie aber, dass er ihr Geld überweist“, erklärt Schnitzer. Viele Frauen geben sich als Russinnen aus. Sie können aber auch aus Südamerika, Thailand oder Afrika stammen. Zudem werden immer häufiger auch Homosexuelle Opfer von Romance Scammern. „Sie tun sich meist schwerer, einen Partner zu finden. Das wissen die Täter“, erzählt Schnitzer.

*Name von der Redaktion geändert

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