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Der Milliarden-Plan

Wohin floss das Geld der vielen Südtiroler? Die Ermittlungsakten der US-Behörden zum Fall OneCoin beinhalten E-Mails und Chats der Verantwortlichen und zeigen, wie der mutmaßliche Milliarden-Betrug geplant wurde.

von Heinrich Schwarz

Man muss nur daran glauben. Diesen Satz hört man immer wieder von Promotoren der Kryptowährung OneCoin. Unter anderem in Youtube-Videos, in denen auch Südtiroler sprechen, die in kurzer Zeit Millionen von Euro mit der Anwerbung neuer Mitglieder verdienten. Einige Südtiroler haben oder hatten – wie berichtet – ein riesiges internationales Netzwerk an OneCoin-Mitgliedern, auf deren Investitionen sie lukrative Provisionen erhielten.

Hunderte, wahrscheinlich sogar tausende Südtiroler, die als „kleine Fische“ nur in OneCoins investierten oder nur geringfügig durch Anwerbungen real verdienten, zittern nach wie vor um ihr Geld. Die Südtiroler Verbraucherschutzorganisationen sprechen von sehr geringen Chancen, die investierten Summen wiederzuerlangen.

Wie die TAGESZEITUNG berichtete, wurde vor einer Woche am Flughafen von Los Angeles der aktuelle Chef von OneCoin, der Bulgare Konstantin Ignatov, von den US-Behörden festgenommen. Ihm wird Betrug vorgeworfen. Von seiner älteren Schwester Ruja Ignatova, die OneCoin gegründet hatte und im Oktober 2017 untertauchte, fehlt weiterhin jede Spur (siehe auch https://www.tageszeitung.it/2019/03/17/onecoin-chef-festgenommen/)

Die US-Behörden haben nun Ermittlungsakten veröffentlicht, die einen erschreckenden Einblick in das System OneCoin geben. In den Akten befinden sich unter anderem E-Mails und Chat-Verläufe von OneCoin-Verantwortlichen, die zeigen, wie der mutmaßliche Milliarden-Betrug geplant wurde (bis zu einem Richterspruch gilt die Unschuldsvermutung).

Die Ermittler sind zum Schluss gekommen, dass OneCoin von Ruja Ignatova und einer weiteren Person, deren Name nicht genannt wird, nur zum Zweck gegründet wurde, Investoren zu betrügen. So schrieb Ignatova im Juni 2014 vor dem OneCoin-Start in einer Mail an ihren Partner: „Ich bin besonders gut in solchen Grenzfällen, wo die Dinge grau werden. Du als die magische Verkaufsmaschine und ich als jemand, der wirklich mit Zahlen arbeiten und dich in einer professionellen Art und Weise unterstützen kann. Wir können das wirklich groß machen.“ Es folgen Details einer Verkaufsstrategie, die OneCoin-Investoren anlocken soll.

Zwei Monate später beschrieb Ignatova gegenüber ihrem Partner ihre Gedanken zu einer „Ausstiegs-Strategie“. Eine erste Option: „Das Geld nehmen, weglaufen und jemand anderem die Schuld geben.“

Weiters sind die Ermittler der Meinung, dass der Wert von OneCoin nicht – wie vermittelt wurde – nach den Marktregeln durch Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern intern festgelegt wurde. So heißt es in einer Mail an einen Blockchain-Entwickler: „Wir möchten in der Lage sein, den Preis manuell und automatisch zu bestimmen und zudem das Handelsvolumen zu kontrollieren.“

Im März 2015 schrieb Ruja Ignatova – immer laut den Ermittlungsakten – an ihren Gründer-Partner: „Wir können den Austausch manipulieren, indem wir etwas Volatilität und Innertages-Preisangaben simulieren.“ In einer anderen Mail beschreibt Ignatova die Strategie, den Preis kontinuierlich zu erhöhen, um bei den Investoren Vertrauen herzustellen.

Auch sind die Ermittler zum Schluss gekommen, dass OneCoins in Wirklichkeit gar nicht – wie normale Kryptowährungen – „geschürft“, sondern mit einer Software automatisch generiert und je nach Bedarf an die Mitglieder verteilt werden. Belegt wird diese Anschuldigung ebenfalls mit E-Mails zwischen den beiden Gründern, in denen auch die Sorge geäußert wird, ob dies jemand herausfinden könne. Sogar falsche Coins, also nicht direkt OneCoins, sollen in Umlauf gebracht worden sein.

Vernichtend ist auch die Erkenntnis der Ermittler zur OneCoin-Plattform „Dealshaker“, auf der verschiedenste Produkte zum Teil mit OneCoins gekauft werden können. Diese interne Verkaufs-Plattform habe den Zweck, den Eindruck zu vermitteln, dass OneCoins einen echten Wert haben.

Für eine Blamage habe eine OneCoin-Veranstaltung im Juni 2018 in Rumänien gesorgt, als das erste Auto ausschließlich mit OneCoins versteigert worden sei. Für den BMW mit einem Wert von rund 40.000 Euro seien 3,6 Millionen OneCoins geboten worden, was einem Wert von gerade einmal 0,011 Euro pro OneCoin entsprach, obwohl es eigentlich über 20 Euro sein sollten. Die Auktion sei im Nachhinein als ungültig erklärt worden, um bei den Investoren keine Panik zu erzeugen.

Gegen mehrere OneCoin-Verantwortliche behängt neben Betrugsvorwürfen auch die Anschuldigung der Geldwäsche. Die US-Ermittler konnten nachzeichnen, wie von den Investoren überwiesene Summen auf verschiedene Konten in verschiedenen Staaten weitergeleitet wurden, um die Herkunft zu verschleiern. Etwas mehr als eine Milliarde Euro konnte bereits geortet werden.

Und wo ist Ruja Ignatova?

Ihre letzte Spur hinterließ sie im Oktober 2017, als sie als Passagierin eines Linienfluges von Sofia nach Athen aufschien. Danach hinterließ Ignatova laut den Ermittlern auch im Internet keine Spuren mehr. Zuvor war sie dort sehr aktiv.

„Ich glaube, dass Ruja aufgrund einer möglichen Strafverfolgung und Verhaftung beunruhigt war und Schritte setzte, um eine Verhaftung zu verhindern“, schreibt ein Special Agent des FBI in seinem Bericht.

Konstantin Ignatov, der früher der persönliche Assistent seiner Schwester war und im Laufe von 2018 die OneCoin-Führung übernahm, ließ – immer laut den Ermittlern – auf Veranstaltungen ausrichten, dass er in regelmäßigem Kontakt mit seiner Schwester stehe und sie sich von der Öffentlichkeit zurückgezogen habe, weil sie jetzt Mutter sei.

Die ranghohen Mitglieder mit deren riesigen Netzwerken habe er bei Laune gehalten, indem er unter anderem mitteilte, dass die Ermittlungen deutscher Behörden, die Anfang 2018 eine Razzia in Sofia zur Folge hatten, eingestellt worden seien und ergeben hätten, dass OneCoin seriös sei. Die Wirklichkeit sah anders aus.

Die US-Ermittler verweisen auch auf eine vielsagende Nachricht von Konstantin Ignatov an den OneCoin-Mitgründer im September 2016, als er dessen herablassende Meinung bekräftigt habe, „dass das Netzwerk mit intelligenten Leuten nicht funktionieren würde“.

Nun wird das zuständige Gericht die verschiedenen Anschuldigungen überprüfen.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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Kommentare (8)

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  • pingoballino1955

    Geldgeilheit-Wucher und Dummheit müssen bestraft werden,mir tut keiner leid,im Gegenteil!

  • marting.

    andreas senfomat hat sicher mitgemacht!
    wer so blöd ist sich Sparkasse Aktien zu kaufen, der kauft sich auch Onecoins!

  • gestiefelterkater

    Bei den Gehirnwäscheveranstaltungen dieser Pyramidenspiele lernen die Teilnehmer und angehenden Millionäre folgendes:
    Jeden Morgen steht ein Dummer auf, er muss nur gefunden werden.

    Eins Morgens wachen die angehenden Millionäre dann auf und merken, dass sie selbst zu den Dummen gehören. Das interessante daran ist allerdings, dass immer die gleichen, sich für besonders schlau haltenden auf immer die gleichen billigen Tricks hereinfallen.

  • vogel

    Und wo sind die Vertreter, die den Leuten hier bei uns diese „Coins“ angedreht und Millionen verdient haben?
    Darf man jetzt das mit einem Betrug kassierte Geld einfach behalten?

  • ollaweilleiselber

    @gestiefelterkater
    Sehr geehrter Herr „gestiefelterkater“, leider muss ich Ihnen widersprechen: es gibt genügend Präzedenzfälle, in denen die Organisatoren der Pyramidensysteme den Geschädigten Schadenersatz leisten mussten; ob da dann Mittel greifbar waren ist eine andere Frage.
    Es gibt auch Fälle, in denen „einfache Mitglieder“ des Systems die von ihnen aus dem System bezogenen „Gewinne“ zurückgeben mussten; da waren auch gar einige Südtiroler vom Gericht zur Rückerstattung der bezogenen „Gewinne“ verurteilt worden.
    Also hängt es nicht davon ab, >wer man ist, wen man kennt, mit wen man teilt und wie viel man „erwirtschaftet“ hat<, sondern wie die rechtliche Lage ist.

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