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Chorgesang wie ein Konklave

Vocalensemble Alla Breve: Heftige Zwerchfellstöße.

Am vergangenen Sonntag fand in der Conference Hall des Salewa Towers, sozusagen außerhalb der Stadtmauern Bozens und exterritorial zum  blasierten Musikleben der Stadt, ein denkwürdiges Chor-Konzert mit dem „Vocalensemble Alla Breve“ statt.

 

Das Südtiroler „Vocalensemble Alla Breve“ sang vor den zahlreich erschienenen Freunden und Gönnern ein Programm, das begeisterte und Eindruck machte. Es gab weder Plakate auf Litfaßsäulen noch eine Verbreitung in den offiziellen Medien. Die Sänger dieses Kammerchors betreiben nämlich Chorgesang wie ein Konklave. Breitenwirkung interessiert sie  nicht. Die 16 Sängerinnen und Sänger, alle musikalisch gebildet und stimmtrainiert, sind eine für Südtiroler Verhältnisse vorbildliche Künstler-Kooperative, verwalten und managen sich selbst, bestimmen gemeinsam das Programm und schreiben autonom von Fall zu Fall die Stelle des Chorleiters aus. Für dieses Jahr haben sie die mitreißende junge Dirigentin Natalyja Lukina aus Charkow engagiert, und trafen eine exzellente Wahl. Das Programm war bis auf zwei Schumann-Chöre stimmig, die Werke unter dem Titel „Poems of Life and Love“ – größtenteils Folksongs aus Europa –  sorgfältig einstudiert und von zwei Sängern – Petra Sölva und Aaron Demetz – mitteilsam moderiert.

Im ersten Teil des Konzerts kamen Chöre zum Vortrag, die einen Querschnitt moderner Bearbeitungen von irischem Folk und englischen „Cathedral antems“ boten: u. a. eine Vertonung des makabren „Full fathom five they father lies“ aus dem 1. Akt des “Sturms” von Shakespeare, in dem der Geist Ariel Ferdinand erzählt, dass die Gebeine seines Vaters „fünf Fäden unter der Erde zu Korallen und die Augen zu Perlen geworden sind“: Arrangeur der irische Komponisten Charles Wood (+1926), Begründer der englischen „Folk Song-Society“. Ebenso berührend „I love may love“ von Gustav Holst (+1934) arrangiert, und „O happy eyes“ von Edward Elgar (+1934), in dem ein herrlich elastisches Flow-Phrasieren zum Tragen kam: „o happy airs that lightly kiss and float away“.

Stilistisch wendig und unvoreingenommen zeigte sich der Chor besonders im Mittelteil des Programms, in dem er zwei Volksliedern aus Kärnten und der Steiermark ein zeitgenössisch frech-ironisches gegenüberstellte. Während die Sänger mit „Wann da Holdastrauch blüaht“ drei Strophen lang piano und pianissimo auf die Tränendrüsen der Rührung drückten, rissen sie  mit der „Hymne an die Steiermark“, einem Stück im fünf Achtel-Takt und voller geheimer Jodelmotive von Manfred Länger, mit Stampfen und heftigen Zwerchfellstößen das Publikum zu lauten Bravo-Rufen hin. Abwechslungsreich und archetypisch auch der letzte Abschnitt mit zeitgenössischen Chören aus Estland, Lettland und Schweden: Zunächst wurde das Publikum mit einem eher simplen Stück des Estländischen Komponisten und Schauspielers Pärt Uusberg beruhigt, in dem ein See beschrieben wird, aus dem in der Dämmerung eine neblige Klangwolke aufsteigt. Dann folgte das breite, „Only in sleep“ des Lettländers Eriks Esenvalds  mit Sopran-Solo (Maria Theresia Burger) und zum Abschluss das rhythmisch prägnante und scharf punktierte „El Hambro“ des Schweden Jaakko Mäntyjärvi „with a jolly Scandinavian smile“ Das Publikum war begeistert und erklatschte sich drei Zugaben. (H. St.)

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