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„Chaos und Dekonstruktion sind wichtig“

Peter|||KOMPRIPIOTR|||Holzknecht: Noise hat kein Bedürfnis nach Gefälligkeit, Anerkennung, Applaus.

Der Bozner Peter|||KOMPRIPIOTR|||Holzknecht ist ein Arbeiter im Weinberg experimenteller Klangverarbeitung undMitbegründer des Labels „LaGrind Noire“. Statt Musik, Ton und Klang macht er Geräusche, Lärm und Krach, immer im roten Lautstärkebereich. Ein Gespräch mit einem Organisator von Klangzufällen und Klangunfällen.

Tageszeitung: Herr Holzknecht, sind Sie ein Noiser?

Peter Holzknecht: Vor allem bin ich Mensch. Vielleicht physisch/emotional klangophil. Besetzt von überdurchschnittlicher Wahrnehmung. Eine Gabe und ein Fluch zugleich.

Noiser machen keine Musik, sie machen Lärm, oder?

Sie machen Klang… Musik ist eine Art Sprache, auf der Suche nach Harmonie zwischen Tönen (Zwölftonmusik, 4/4tel Takt, usw.), meistens dazu erdacht, gewisse Gefühle und Stimmungen hervorzurufen und zu triggern. Noise nicht. Hat kein Bedürfnis nach Gefälligkeit, Anerkennung, Applaus.  Es ist schön, Chaos zu organisieren, zu verwirren, verwirrt zu sein, neue Klangzufälle und Klangunfälle zu erleben, Grenzen auszudehnen. Die Amerikaner beharren stets darauf „Noise is Music“, bin ich aber anderer Meinung. Am ehesten teile ich noch deren Meinung „noise is the real punk is noise…“ (und das in Schleife gesprochen). Ansonsten ist Noise ein sehr individuelles Klangerlebnis.

Was ist so faszinierend an einer Musik, die nur aus irritierenden Geräuschen besteht?

Geräusche sind nicht grundsätzlich irritierend. Das Wippen der Baumwipfel im Wind, Meeresrauschen bei x-beliebigem Wellengang, Weißes Rauschen im Fernseher… kann doch durchaus beruhigend und entspannen wirken, oder? Genauso wie sich wiederholende Bahngleislücken, Maschinenlärm, Staubsauger, Föhn, Düsenjäger, Vulkanausbrüche, und, und, und … durchaus nicht störend anhören. Ist aber Noise… Natürlich kann man auch alles etwas weitertreiben, in einen Flow geraten, indem man Klänge aus irgendetwas generiert, dehnt, verzerrt, ausblendet, wiederholt, kombiniert, miteinander in Resonanz treten lässt… Einfach freies Spielen, ähnlich wie ein Kind mit Bauklötzen, Plastilin und Farben; und schauen/hören was passiert.

Statt Ton und Klang gibt’s Geräusche, Lärm und Krach. Womit machen Sie Ihren Noise?

Wie bereits oben erwähnt gibt es sehr wohl Ton und Klang… Ent-klassifizierung finde ich dabei einen wichtigen Blickwinkel. Meine Art Noise zu machen lässt sich nicht genau definieren. Kann auch in einer Grotte ohne Strom stattfinden, wo einfach der natürliche Reverb der höhlenähnlichen Struktur eine Rolle spielt, kombinierbar mit einem körperliches Input – ob es nun Stimme, klopfen, streicheln oder schlagen ist, hängt von meiner momentanen Stimmung ab. In einem kantigen Betonbunker würde dasselbe natürlich vollkommen anders klingen…
Ich behelfe mir mit allem Möglichen; da kann man kein genaues Equipment aufzählen, da ich mich teilweise mit Fundstücken wie einem am Flussufer ausgegrabenem, verrosteten Spaten beschäftige, diesen dann durch Kontaktmikros verstärke und bei innerem Bedarf, durch verschiedene Verzerrerpedale jage usw. Genauso wie mit Fieldrecorder aufgenommene Umgebungsaufnahmen, gefundene Klänge, die man mehr oder weniger durch den akustischen Fleischwolf dreht. Auch in Kombination mit manipulierten elektronischen Kinderspielsachen, die dann sowieso ein Eigenleben haben, umfunktionierte klassische Instrumente als Klangimpulsgeber… Man kann mit allem Noise machen. Auch ohne Equipment. Allein der vielfach unterschätzte „Raum“, „Ort“, der dem Ganzen eine unwiederholbare Eigendynamik verleiht, spielt eine große Rolle. Und für mich besonders der Zufall und die Improvisation an Ort und Stelle. Komplette Freiheit. Sound ist ein Prozess und nicht ein Objekt. Im Kern ist Lärm für mich ein Fetish-Accessoire. Da gibt es etwas wie einen Flüssigkeitsaustausch, wenn er in mir ist und wenn ich in ihm bin. Ich versteh das selbst nicht wirklich, deshalb möchte ich das hier auch nicht weiter versuchen zu intellektualisieren. Ich erlebe es einfach so.

Muss Noise per definitionem immer im roten Lautstärkebereich sein?

Ja. Wobei der rote Bereich erst zu definieren wäre… Er kann bei 120db liegen oder bei der Stille. Wobei es die totale Stille eh nicht gibt. Man hört immer irgendetwas; und seien es die Urfunktionen des eigenen Körpers. Solange man nicht 1,80cm unter der Erde liegt. Und wer weiß, was wir da dann alles zu hören kriegen…

Für das Publikum gibt es nur zwei Möglichkeiten: Durchhalten oder die Flucht antreten. Welches Publikum tut sich das an?

Das Publikum ist, wie das erlebbare Frequenzspektrum in dieser Nischenkultur sehr breitgefächert, variabel. Besteht meist aus Menschen mit hoher Aufmerksamkeit, die sich auf einen akustisch/physisch spürbaren Rausch einlassen. Vom audiointeressierten Teenager bis zum Musikwissenschaftler, Kunstinteressierten bis hin zu sensationslustigen Dabeiseinwollenden, wobei sich jeder auf seine Weise auf diese Erfahrung einlässt, oder einen Break für sich erfährt. Bei Noisefestivals zum Beispiel besteht das Publikum zu 90 Prozent aus den Akteuren selbst. Spielt keine Rolle. Jede/r, der sich auf dieses Wagnis einlässt, begibt sich in eine Zone, wo er/sie viel von sich selbst und dem, was ihn umgibt, erfährt und als Mensch damit in Resonanz tritt. Kann grenzerweiternd, wie auch als „No-go“ empfunden werden. Irrelevant. Jedenfalls spürt man sich dabei. Ist in dieser unseren Zeit nicht selbstverständlich.

Rhythmus, Break, Beat, das alles schert die Noiser nicht nur nicht, sie lehnen es ab. Was ist so schlimm daran?

Noiser bei der Arbeit: Existier ohne Hierarchie und das Teilen steht im Vordergrund. Klingt fast nach Sekte, ist aber absolut konkurrenzloses Sein und Machen.

Würde ich so nicht stehen lassen. Es kann durchaus rhythmisch sein oder so wirken. Die Körperzellen entwickeln sozusagen eine Art Schutzmechanismus und finden den rhythmischen Impuls, selbst wenn es sich beim dargebotenen Sound beispielsweise rein um Klangtexturen handelt. Da hilft es anscheinend, das wir aus ca. 80 Prozent Flüssigkeit bestehen. Es gibt im Noise nichts „Schlimmes“, selbst wenn mal  irgendeine Sicherung fliegt, ob im Mensch oder im Stromkreis.

Noiser sehen ihr Genre als radikalste Reaktion auf die Bedudelung durch Popmusik. Ist Lärm an sich schon politisch?

Meiner Erfahrung nach sehen Noiser ihre Art mit Klang umzugehen absolut nicht als Gegenreaktion der Popmusik; das liegt auch nicht im Sinne der Noisebewegung. Man entwickelt eine natürliche, lebenserhaltende Ausklammerungsfähigkeit gegenüber empfundener Hintergrundbeschallung, das schon. Wie übrigens jeder Mensch, der z.B. neben einer Zugtrasse lebt, oder täglich 6 Stunden Vorschlaghammer auf der Baustelle nebenan, was durchaus faszinierend sein kann, als Umgebungsgeräusch hat. Das Ausblenden ist seit jeher eine Überlebensstrategie. Ich habe Noise nie als einen Modernismus gegenüber dem Traditionalismus gesehen. Am ehesten als primordiale Musik, wenn wir diesen Begriff „Musik“ nutzen wollen. „Politisch“, auf irgendeine Weise, ist eh alles; vom Kaffeetrinken am Morgen angefangen.

Die Noise-Künstlerin Blanca Rego schreibt: „Noise is the chaos that resists social order (music)“. Unterschreiben Sie das?

Unterschreiben nicht ganz, ist aber durchaus ergänzbar. Noise ist schwieriger Klang in schwierigen Zeiten für schwierige Menschen. Chaos und Dekonstruktion ist immer wichtig. Da nehme ich Bezug auf das Kottersche Fenster: Als 1. stehen die gewohnten Verhältnisse, dann geht es über zum Ent-lernen/Dekonstruktion um dann, nach der Tabula rasa, Neues zu kreieren und zu integrieren. Kann durchaus auch im sozialen System so gesehen werden. Anstatt die gegebenen Verhältnisse so hinzunehmen wie sie sind, gilt es durch deren Dekonstruktion eine Innovation oder andere Denkweisen zu schaffen, um Verfestigung und damit Integration gelingbar zu machen. Eigentlich ganz einfach und ummünzbar in jeden Lebensbereich. Ob nun streng künstlerisch gesehen als auch sozial. Hat eine andere Qualität als „Aushalten“.

Lou Reeds „Metal Machine Album“ aus dem Jahr 1975 war stilbildend für die Noiser. Ist er immer noch der Allmächtige?

Es gibt im Noise keine Allmächtigen. Der Personenkult ist da nicht so verbreitet und absolut nicht vorrangig. Natürlich gibt es einige Koryphäen oder Pioniere, von denen einige auch viel weiter zurückreichen als 1975, aber da wird nicht unbedingt niedergekniet und angebetet wie es vielleicht im Rock oder Pop gang und gäbe ist. Es geht ums Machen, jenseits jeglichen Obskurantismus.

Wie groß ist die Noiser Szene in Südtirol und wer sind die Leute?

Die pure Noiser „Szene“ in Südtirol besteht insgesamt aus 2 Leuten, die wissen, wer sie sind, hahah… Im Bereich der experimentellen Musik gibt es seit den letzten 10 Jahren einige gute Projekte, einen gewissen Aufschwung, der auch wieder wellenmässig verschwindet und wiederkommt. Leute, die so eine Art von „Musik“ wie Noise kreieren oder sie hören, weil sie „interessant“ oder „verrückt“ ist, haben ein kurzes Ablaufdatum.

Das bedeutet: Man kann über die Noiser alles sagen, aber eines bestimmt nicht: Sie schleimen nicht dem Markt hinterher.

Genau. Es gibt keinen „Markt“ diesbezüglich ist von vornherein seit jeher egal, was wir machen. Ist wieder mal irrelevant; aber eine weltweite, herzliche, gegenseitig unterstützende Vernetzung. Die gibt es sehr wohl; und ist wichtig. Existier ohne Hierarchie und das Teilen steht im Vordergrund. Klingt fast nach Sekte, ist aber absolut konkurrenzloses Sein und Machen.

Interview: Heinrich Schwazer

 

Peter|||KOMPRIPIOTR|||Holzknecht

Lebt und arbeitet in Bozen. Arbeiten (Auszug): Biennale Venedig 2005 Parallelevent – Manifesta 7 Parallelevents – Alpentöne Festival 2013 (Swiss) – Transart 13 – Arche-Eine Festung für Tiere, Franzensfeste 2014 – „Modes of Democracy“ Installation im DOX Museum Prag (Czech Republic) 2014/2015 und 2016 in der Franzensfeste – Zasavje Noisefest, (Slovenia) 2015 – Heart of Noise 2015 Innsbruck (Austria) – Transart 15 – International NorCal Noisefest 2015 San Francisco + Sacramento (USA) – Defibrylator Festiwal, Performance in Ostrow (Poland) 2017 – Kurator bei Vorbrenner 17 – Das experimentelle Labor des Freien Theaters Innsbruck (Austria) – 2018 Serious Play Improv Lab, Raw Art Gallery Kuala Lumpur (Malaysia) – Independent Archives Gallery (Singapore) – Choppa Festival 2018 + Improvisation Symposium, Lasalle School of Contemporary Art (Singapore). Mitbegründer des Labels/Plattform für experimentelle In- und Outputs „LaGrind Noire“. Seit 2009 hält KOMPRIPIOTR Workshops im Bereich Klangverarbeitung, Experiment/Improvisation und Vorträge welche zwischen bewusster Wahrnehmung, Pädagogik und sozial relevanten Themen oszillieren. Mehr Infos und eine (fast) vollständige Liste seiner Arbeiten findet man unter: http://kompripiot3.wixsite.com/kompripiotr

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